Umfrage zeigt, wer die Zürcher Wahlen gewinnt – und wer verliert

Vor den Kantonsratswahlen kristallisiert sich ein deutlicher Trend heraus.

Ihre Partei ist im Aufwind: GLP-Co-Präsidium Nicola Forster und Corina Gredig. Foto: Fabienne Andreoli

Ihre Partei ist im Aufwind: GLP-Co-Präsidium Nicola Forster und Corina Gredig. Foto: Fabienne Andreoli

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Nun schlägt das Pendel wieder zurück. Vor vier Jahren waren bei den kantonalen Zürcher Wahlen die Parteien mit dem Öko-Label Grün noch die Verlierer, jetzt zeigt die Wahlumfrage des «Tages-Anzeigers», dass sie am 24. März wohl wieder Wählerstimmen dazugewinnen werden. Anfang März hätten gemäss Umfrage 10 Prozent ihre Stimme den Grünliberalen gegeben, das wäre ein Plus von 2,4 Prozentpunkten. Die Grünen hätten 9,3 Prozent erhalten, ein Plus von 2,1 Punkten. Zu den Verlierern gehören die grossen Polparteien, die SVP und SP, die 1,8 respektive 1,1 Punkte verloren hätten.

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Ausschlaggebend für den Wahlentscheid sind vor allem zwei Themen, die derzeit virulent, aber eigentlich keine klassischen kantonalen Politikfelder sind: die Klima- und die Europapolitik. Die Grünliberalen profitieren davon gleich doppelt: «Sie gewinnen Stimmen von einstigen FDP-Wählern aufgrund ihrer Klimapolitik und von SP-Wählern aufgrund ihres dezidierten Pro-Europa-Kurses», sagt Michael Hermann. Der Politgeograf hat mit seinem Forschungsinstitut Sotomo die Umfrage im Auftrag des «Tages-Anzeigers» durchgeführt.

Überraschend ist, dass die SVP von der Diskussion um das Rahmenabkommen nicht profitieren kann, eigentlich ist die Beziehung EU–Schweiz ein Steckenpferd der Partei. Michael Hermann spricht hier von einem Scheidepunkt. «Erstmals hatte die SVP kein Alleinstellungsmerkmal in der EU-Politik.» Viele Parteien waren skeptisch, und der mediale Fokus lag auf der Kritik der Gewerkschaften.

Das wirkt sich auch auf die linken Wähler aus. Ein Viertel der befragten SP-Wähler ist unzufrieden mit der Europapolitik ihrer Partei. Dieser Wert ist bei keiner anderen Wählergruppe derart hoch. Hermann merkt aber an, dass die Umfrage direkt nach Chantal Galladés viel beachtetem Parteiwechsel erfolgte. Die ehemalige SP-National­rätin wechselte Ende Februar zur GLP. Ihr Hauptgrund: Die kritische Haltung der SP gegenüber dem Rahmenabkommen. «Wir bewegen uns hier in einem sehr dynamischen Umfeld. Die FDP hat sich mittlerweile deutlicher für das Rahmenabkommen ausgesprochen, die SP positioniert sich ebenfalls neu», sagt er.

So reagieren die Parteien

Schwierig wird es für die BDP. Laut Umfrage büsst die Partei erneut Stimmen ein. «Wir werden die 5-Prozent-Hürde schaffen und auch wieder Fraktionsstärke im Kantonsrat erreichen», sagt aber BDP-Präsidentin und Regierungsratskandidatin Rosmarie Quadranti. Die Umfrageergebnisse seien für eine kleine Partei wie die BDP wenig aussagekräftig, der Fehlerbereich zu gross.

Die SVP will die schlechten Umfrageergebnisse positiv ummünzen. «So wird es unseren Wählern klar, dass sie an die Urne gehen müssen», sagt Alfred Heer, Wahlkampfleiter bei der SVP. Und Ende Woche wird die SVP ihr Argumentarium gegen den EU-Rahmenvertrag in die Haushalte verschicken. Dieser sei für die Schweiz wichtiger als der Kampf gegen den Klimawandel.

Andreas Daurù, SP-Co-Präsident, glaubt, dass es am Wahltag für die SP besser aussehen werde als in der Umfrage. Die SP werde noch Tausende von Telefonaten mit potenziellen Wählerinnen und Wählern führen. Die GLP, zu denen nicht nur Chantal Galladé, sondern eben auch SP-Wählerinnen und Wähler abwandern, könnte sich in den Augen von Daurù verrechnen. Denn ein Rahmenabkommen ohne griffigen Lohnschutz, sei im Volk nicht mehrheitsfähig. Darum sei die SP zwar für ein starkes und soziales Europa. Aber im Rahmenabkommen müsse auch der Lohnschutz gewährleistet sein.

Zwischen Freude und Vorsicht

Dass sich Verluste für die SP abzeichnen, bedauert die Präsidentin der Grünen, Marionna Schlatter: «Es ist super, dass wir zulegen können. Wenn das aber nur wir tun, stärkt das Links-Grün nicht.» Nun gelte es zu mobilisieren. Dabei helfen die guten Umfrageresultate ihres Regierungsratskandidaten Martin Neukom, die das Wahlkampfteam zusätzlich motivieren.

Corina Gredig, Co-Präsidentin der Grünliberalen, schwankt zwischen Freude und Vorsicht. «Der mutige Entscheid der GLP, sich im vergangenen Sommer klar zu Europa zu bekennen, zahlt sich aus», sagt sie. Gredig warnt aber vor einer grossen Unbekannten am Wahlsonntag. Die Wahlbeteiligung werde tief sein, und gewinnen werde, wer gut mobilisiere. «Wir sind optimistisch, dass uns das gelingt, weil die Rechten im Kanton und auf Bundesebene alle Klimaziele abschmettern, derweil die Linke um ihre Europaposition ringt.» Die Grünliberalen haben das Ziel, die Verluste von 2015 wieder wettzumachen: plus 5 Sitze. «Ein ambitioniertes Ziel», sagt Gredig, «aber mit plus 2,4 Prozent könnten wir es schaffen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.03.2019, 22:03 Uhr

So wurde ausgewertet

Das Institut Sotomo hat im Auftrag des TA diese Umfrage durch­geführt. Befragt wurde zwischen dem 27.Februar und dem 5.März auf der TA-Website und dem Onlinepanel von Sotomo. 4215 Antworten konnten verwendet werden. Nach der Erhebung wurden die Daten nach räumlichen, sozio-demografischen und politischen Merkmalen gewichtet, um eine hohe Repräsentativität der aktiven Stimmbevölkerung zu erhalten. Der Fehlerbereich liegt bei ± 2 Prozentpunkten. Vergleicht man die Umfrageergebnisse mit den Wahlresultaten von 2015, können diese aufgrund von Rundungen leicht voneinander abweichen. (sip)

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