Und es wurde Lust

Monatelang fragte sich Zürich, was mit dem geschlossenen Traditionsrestaurant Münsterhöfli geschieht. Das Geheimnis ist gelüftet: Leopold Weinberg und sein Team haben es «erotisiert».

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Wenns um Gastronomisches geht, muss man nicht lang um den heissen Brei herumpalavern. Und so verkündet Leopold Weinberg nach dem Hand­shake: «Das Thema ist Erotik und Essen!»

Weil man halt auch nur Mann ist, spult die Fantasie sofort Bilder von Orgien nach altrömischem Vorbild ab, die sich künftig im Münsterhof zutragen würden; man denkt erst «Uiii!» und dann «Scho no geil!», doch als der innere Film eben seinem Höhepunkt zustrebt, wird er abrupt gestoppt: Wir stehen vor einem Wandgemälde, und Weinberg sagt, diese Secco-Malerei aus dem Mittelalter habe seine Idee nachhaltig inspiriert.

Das Bild heisst «Liebesgarten». Es ist die szenische Abbildung fünf turtelnder Paare in ländlicher Umgebung. Die eine Dame pflückt die «verbotene Frucht», ein Diener umsorgt die Lüsternen mit Tranksame aus einem genoppten Krug. Auffallend sind die eng anliegenden Kleider der holden Weiblichkeit, die Schulterpartien sind gar entblösst.

Ein prächtiges Werk, fürwahr. Und fürs Jahr 1370, auf das es datiert ist, wohl auch ein gewagtes. Aber sichtbare Erotik? Nein, die sucht der im 20. Jahrhundert sozialisierte Kerl darin vergebens. Was nicht schlimm ist: Kaschierte Sinnlichkeit birgt oft mehr Imaginationspotenzial als manch explizite Darstellung.

Die ungeplante Bewerbung

Architekt und Visionär Weinberg, der sich und seinen Geschäftspartner, den Juristen Adrian Hagenbach, fast schon bescheiden als «Immobilienentwickler» bezeichnet, weiss das natürlich genau. Schliesslich haben die bisherigen Konzepte – oder sollte man es eher Verführungskünste nennen? – ihrer Firma WAC (We Are Content) ausnahmslos zum Sieg geführt.

Egal ob beim Volkshaus in Basel oder beim trendigen «Trio» Restaurant Helvetia, Helvti Diner und George Bar & Grill (das man allerdings nicht selbst betreibt) am Zürcher Stauffacher: Überall hatte man ein «Heureka!», fand die passende Philosophie, das smarte Interieur, das richtige Essensangebot – und machte so jedes Lokal zum Unikat.

Erfolge verleihen Mut und Selbstvertrauen. Beide Faktoren seien bei der Übernahme des Münsterhofs zum Tragen gekommen, so Weinberg. Dabei hatten sich Hagenbach und er eigentlich gar nicht um das schwer geschichtsträchtige «Schäniserhaus» bewerben wollen, «unser Respekt war gross».

Doch die Liegenschaftsinhaberin habe sie ausdrücklich um eine Projekteingabe gebeten. «Als wir begannen, uns wirklich damit zu beschäftigen, argumentierte plötzlich nicht mehr allein die Vernunft, auch das Herz begann mitzureden», so der 36-Jährige. Und lachend fügt er hinzu: «Welcher Züribueb träumt nicht davon, sich eines Tages im historischen Teil der Stadt niederzulassen?»

Schön nach Geschlechtern getrennt

Ja, und so geschah es, dass Leopold Weinberg, durchaus geerdet im bürgerlichen Leben, irgendwann das besagte «Liebesgarten»-Gemälde bewunderte und dabei – man kann sein Schwärmen schlicht nicht anders interpretieren – ­einer erotischen Epiphanie anheimfiel. Also sprach er zu seinen Leuten (und ja, notabene auch zur Denkmalpflege): Es werde Lust!

Und es wurde Lust.

Das offenbart Weinbergs Führung durch den «neuen» Münsterhof, der am 5. Februar offiziell wiedereröffnet wird, in aller Deutlichkeit, sprich ebenso im «Big Picture» wie im Mikrobereich. Der Clou: Man hat die beiden Lokalteile geschlechterspezifisch definiert. Die obere Etage ist «feminin» designt: Es überwiegen warme Pasteltöne, lila und violett, und geschwungene sowie runde Formen; von den Lampen über die Mauersimse bis hin zu den Tischplatten aus Krokodilgranit.

Und dann diese koketten Details! Das grosse weisse Servicemöbel neben dem Eingang zur Küche ist mit einer «Taille» versehen, die wohl fast mit jener von Jennifer «J. Lo» Lopez mithalten kann. An den Stuhlbeinen entdeckt man winzige Strapse. Und die Wassergläser sind dem Noppenkrug auf dem «Liebesgarten»-Secco nachempfunden – «zwecks Steigerung des haptischen Erlebnisses, wie Weinberg schmunzelnd erklärt. Bewusst zurückhaltend eingesetzt ist dagegen die Kunst; sie besteht faktisch aus einem abstrakten Aktgemälde des Schweizer Malers Franz Joseph Rederer von ca. 1946, das den «Liebesgarten» postmodern ausbalanciert, ohne die Laszivität des Ambientes zu schmälern.

Ganz anders, nämlich eher herb als derb, präsentiert sich das «maskuline» Erdgeschoss. Bis auf die Bierzapfsäule, die Weinberg, kurz den Lausbuben rauslassend, mit «Das ist unser Phallussymbol» charakterisiert, wirkt dieser Raum eckiger, kantiger, farblich nüchterner, man könnte auch finden: martialischer. Letztere Feststellung wird durch Weinberg selbst befeuert, indem er preisgibt, man werde Leihgaben von Ferdinand Hodler an die Wände hängen, «Bleistiftskizzen mit kriegerischen Motiven, sie sollen an die umkämpfte Vergangenheit des Münsterhofs erinnern.» Anzumerken wäre noch, das bei allen Unterschieden zwischen Frau und Mann beziehungsweise zwischen oben und unten ein Aspekt gar und gar paritätisch daherkommt: Auf beiden Stockwerken gibt es exakt 30 Sitzplätze.

Die Stadtheiligen-Tatars

So, und damit zum Filetstück eines jeden Restaurants: der Kulinaria. Als Chef de cuisine amtet mit Françoise Wicki sozusagen die Hausköchin – sie verantwortet seit bereits sechs Saisons auch die Speisekarte des Helvetia. Damit die Doppelbelastung nicht zum Nachteil wird, steht ihr mit René Blaser ein trotz seiner erst 30 Lenze leidlich erfahrener Protégé zur Seite; er wurde unter anderem an den Herden der Renommierhotels Palace Luzern und Baur au Lac geschult.

Ein Blick auf die Speisekarte verrät, dass Wicki und Blaser mehr als gewillt sind, das von Weinberg eingeforderte Leibeslustprinzip auch kulinarisch einzulösen. Das spiegelt sich schon im Motto wieder, es lautet «Sauereien und Schlemmereien». Dazu gehört die Tatar-Dreifaltigkeit (Vegi, Fisch, Fleisch), die nach den Stadtheiligen Felix, Regula und Exuperantius benannt ist. Dazu gehören aber auch die Grosses Pièces – am Stück gebrutzelte und danach für die Teller portionierte Fische oder Braten. Ergänzt werden diese Klassiker durch täglich wechselnde Menüs. Die Preise sollen sich bei den Vorspeisen zwischen 11 und 30 und bei den Hauptspeisen zwischen 26 und 56 Franken bewegen, sagt Wicki. «Das scheint mir bei der erstklassigen Qualität unserer Zutaten und bei der Lage des Lokals sehr anständig.»

Immense Fussstapfen

Für den Weinkeller ist in erster Linie Geschäftsführer Jan Imbaumgarten zuständig: Er verrät, dass man bewusst auf «grosse Brands und Modenamen» verzichten und stattdessen auf die Trouvaillen ausgesuchter Winzer setzt. «Zudem», das will er betont haben, «erhält man unseren Haus-Champagner Ruinart so günstig wie sonst nirgendwo in Zürich.»

Klingt alles vielversprechend. Doch die renommierte Gaststätte hat eben nicht nur eine Zukunft, sie hat auch eine Vergangenheit – und die war dank der mit 16 «Gault Millau»-Punkten und einem Michelin-Stern dekorierten Vorgängerwirte Sabrina und Tobias Buholzer eindrücklich. Eine Hypothek? Die Fussstapfen der Buholzers seien immens, gesteht Weinberg freimütig ein, «es wäre vermessen, sie ausfüllen zu wollen». Trotzdem, sagt er, solle auch der neue Münsterhof zur formidablen Adresse und, in der Tradition der anderen WAC-Betriebe, zu einem Stadtoriginal werden.

Wenn man bedenkt, dass die Münsterhof-Crew künftig auch noch Gäste auf dem gleichnamigen und bald autofreien Altstadtplatz wird verführen dürfen – rein essensmässig, versteht sich –, kann man Leopold Weinbergs Ambition wohl als einigermassen realistisch einstufen.

Münsterhof, Münsterhof 6, 8001 Zürich. www.mhof.ch. Eröffnung: 5. Februar.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.01.2015, 20:51 Uhr

Das Schäniserhaus

Die erste Gastwirtschaft am Münsterhof 6 wurde 1863 eröffnet

Erstmals urkundlich erwähnt wird das «Schennis Hus» (Schäniserhaus) – das Gebäude am Münsterhof 6, in dem sich heute das Restaurant Münsterhof befindet – anno 1291. Es war damals im Besitz des Johannes von Glarus, Angehöriger eines Geschlechts von Fraumünsterministerialien und Stadtzürcher Rittern. Von 1357 bis 1371 führte das Steuerrödel (Steuerbuch) als Besitzer und Bewohner Niclaus von Spir, der als Zunftmeister der Schneider amtete. Auf ihn dürfte der Auftrag für die Secco-Malerei «Liebesgarten» (siehe Hauptartikel) zurückgehen; das 1979/1980 freigelegte Wandbild gilt als eine der bedeutendsten Schweizer Profanmalereien jener Zeit.

Mitte des 15. Jahrhunderts gelangte das Haus in Besitz des Klosters Schänis und wurde bis in die 1770er-Jahre von Zürcher Klosteramtmännern bewohnt. Der letzte Amtmann, Martin Hess, erwarb das Gebäude 1811 und verkaufte es drei Jahre später an den Hottinger Spediteur Johannes Bosshard. Nächster Besitzer war Johannes Weber. Der Branntweinhändler und Speisewirt aus Wollishofen eröffnete anno 1863 die erste Gastwirtschaft in der altehrwürdigen Immobilie. Auf Weber geht, so nimmt man an, auch die (nur noch auf Fotos zu sehende) Fassadenbemalung zurück, die auf den «Züriputsch» vom 6. September 1839 Bezug nahm, während dessen es auf dem Münsterhof zu Auseinandersetzungen zwischen dem Militär und Vertretern der demonstrierenden Landbevölkerung gekommen war. (thw)

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