Und plötzlich verlieren zwei Belcafé-Baristas ihren Job

Jahrelang gehörten Cidalia Mendes und Tochter Carin zu den beliebtesten Mitarbeitern der Gäste. Was ist passiert?

Seit der Entlassung hat sie Gewissensbisse: Barista Cidalia Mendes am Bellevue. Bild: Sabina Bobst

Seit der Entlassung hat sie Gewissensbisse: Barista Cidalia Mendes am Bellevue. Bild: Sabina Bobst

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Im Belcafé am Bellevue ist von morgens um 6 Uhr bis um Mitternacht Betrieb. Es sind eilige Gäste und solche, die etwas mehr Zeit haben – und sie sind nicht immer einfach zu bedienen. Und genau das ist die Begabung von Cidalia Mendes, der 61-jährigen Barista aus Portugal. Sie ist «eine bewährte, wunderbare Gastgeberin, eine sehr fröhliche Frau, die vielen Gästen ein Lachen oder ein herzliches Wort schenkt», so ein Stammgast im Rondell, wie das Café am Bellevue auch genannt wird. Eine, die mit jedem umgehen kann, auch mit den schwierigeren Fällen, die ums Rondell herumsitzen. Fleissig und immer bei der Arbeit. «Sie putzt, füllt nach und tut sonst viele kleine Dinge, die den Betrieb rundlaufen lassen», erzählt ein Stammgast.

Auch über ihre Tochter Carin (34), die ebenfalls seit vier Jahren im Belcafé arbeitet, hört man von Stammgästen nur Gutes. «Die beiden geben einem das Gefühl, an diesem speziellen Ort in Zürich ein wenig zu Hause zu sein, sogar mit Namen angesprochen zu werden.»

Die Aussprache nach den Ferien brachte nichts – zu gross waren Zorn und Enttäuschung.

Seit Anfang Juli verstehen viele Stammgäste des Belcafé die Welt nicht mehr. Von einem Tag auf den anderen hat Patron Peter Rosenberger, der auch Inhaber des Sternen-Grill und des Restaurants Rosaly’s ist, den beiden Frauen gekündigt. «Wir stehen ratlos vor dem, was geschehen ist. Wie kann man zwei so wertvolle und verdiente Mitarbeiterinnen einfach entlassen?» Die beiden Frauen waren «aus Kundensicht die besten Mitarbeiterinnen, die das Belcafé hatte: erfahren, freundlich und aufmerksam». So schreiben es Stamm­kunden in Briefen an Patron Rosenberger.

Es mute an «wie ein riesiges Eigentor», diese Frauen zu entlassen. Unter den Kritikern sind unterschiedlichste Leute, auch ein Pfarrer. Sie alle baten Rosenberger, er möge sich die Entlassungen nochmals überlegen. Aber es blieb bei den Kündigungen, die Stammgäste waren enttäuscht: «Ich finde es bedauerlich, dass solche Qualitäten, vor allem, wenn sie von den Gästen gegenüber den Verantwortlichen noch gerühmt werden, nicht zur Rücknahme einer so heftigen Massnahme führen», sagt einer.

Dumm gelaufen

Was ist passiert? Anfang Juni, nach Mendes’ Ferien, habe ihn der Geschäftsführer im Belcafé gebeten, bei einem Gespräch mit der Barista dabei zu sein, schrieb Rosenberger einem Stammkunden, der wissen wollte, wie es zu den Kündigungen kommen konnte. Der Belcafé-Chef wollte mit seiner Angestellten einige Punkte besprechen, «welche sie eben nicht so gut macht und die deshalb zu Kritik Anlass gegeben haben». Die Kritik, ereifert sich Mendes, sei einzig vonseiten zweier neu eingestellter Frauen aus Polen gekommen. Und dies nur deshalb, weil sie sich von ihr kritisiert gefühlt hätten. Sie habe die Frauen nämlich darauf hinweisen müssen, dass es nicht gehe, das Café beim Entsorgen des Abfalls unbeaufsichtigt zu lassen.

Klingt nach einer ganz normalen Aussprache. Und so schildert es Rosenberger auch dem «Tages-Anzeiger». Leider aber, so der Patron, sei das Gespräch «überhaupt nicht so gelaufen, wie wir uns das vorgestellt hatten». Cidalia Mendes habe schon beim zweiten Kritikpunkt emotional reagiert und gesagt, man solle ihr doch kündigen, wenn niemand mehr mit ihr zufrieden sei. Man ging unzufrieden auseinander – vorerst ohne Ergebnis. «Es war nie unsere Absicht, Cidalia Mendes bei diesem Gespräch zu kündigen», hält Rosenberger rückblickend gegenüber einem Stammgast fest. Doch keine halbe Stunde später hielten sowohl Mendes als auch ihre Tochter Carin die schriftliche Kündigung in der Hand.

Einst gutes Verhältnis

Seit der Entlassung hat Cidalia Mendes Gewissensbisse, denkt, sie sei nicht gut genug. Weder sie noch ihre Tochter können sich erklären, wie ein offenbar gutes Arbeitsverhältnis so schnell kippen konnte, wie eine simple Aussprache am Ende in zwei Kündigungen enden musste. In den sechs Jahren, in denen Cidalia am Bellevue als Barista arbeitete, gab es nie Grund zu Klagen, weder vonseiten der Kundschaft noch des Patrons selbst. Auch mit dem neuen Belcafé-Chef aus der Slowakei verstand sich Mendes nach eigenen Angaben gut. Sie arbeitete sogar manchmal als Vertretung ihres Chefs, brachte Geld auf die Bank, beriet ihn bei neuen Anstellungen.

Gastro-Unternehmer Rosenberger habe ihr vor zwei Jahren sogar den Führungsjob angeboten, berichtet Mendes. Sie lehnte jedoch ab, «wegen der grossen Verantwortung und meiner vielleicht ungenügenden Deutschkenntnisse». Dass sie das Zeug dazu hatte, zeigt sich daran, dass sie ihren Chef in der Folge doch zwei- bis dreimal jeden Monat vertrat, auch bei seiner Ferienabwesenheit.

«Doch auch als wir ihnen die gewünschten Kündigungen übergaben, wurde das Gespräch nicht gesucht.»Peter Rosenberger, Patron

Vielleicht ist alles einfach eskaliert, und es war gar nie so geplant. «Mein Chef hat mir vorgeworfen, ich würde während der Arbeitszeit telefonieren», sagt Mendes, «ich sei aggressiv, und die Mitarbeitenden seien froh, wenn ich in den Ferien sei.» Diese Vorwürfe hätten sie «am Boden zerstört». Sie habe sich ungerecht behandelt gefühlt und – wie sie selber sagt – «entsprechend emotional reagiert».

Zwei Versionen

Mit der verhängnisvollen Aussprache nach ihren Ferien war der Kulminationspunkt erreicht. Enttäuschung und Zorn dominierten. Mendes erzählte ihrer Tochter Carin vom Gespräch, die das Gehörte kaum fassen konnte. Unmittelbar danach eilte auch sie zu Patron Rosenberger. Sie wollte wissen, was da geschehen war. Version Rosenberger: «Carin war bei mir im Büro und teilte mir mit, dass wir ihr ebenfalls kündigen sollen. Und überhaupt seien alle anderen Mitarbeiter faul, frech und nicht zu gebrauchen.» Version Carin: «Ich habe überhaupt nichts von kündigen gesagt. Ich habe lediglich gefragt, warum meiner Mutter von einer Stunde auf die andere gekündigt worden sei, nachdem es sechs Jahre lang nie etwas an ihr auszusetzen gegeben hatte.»

«Damit hatten wir», erklärte es Rosenberger später schriftlich gegenüber einem Stammgast, «eine schwierige Situation geschaffen, welche wir eigentlich verhindern wollten.» Die unmittelbare Folge waren zwei schriftliche Kündigungen. Rosenberger hält dazu fest, er habe eigentlich gehofft, Cidalia und Carin würden sich das Ganze nochmals überlegen, und er habe auf eine Reaktion gewartet: «Doch auch als wir ihnen die gewünschten Kündigungen übergaben, wurde das Gespräch nicht gesucht.»

Aus dem Bauch heraus

Doch Mendes und ihre Tochter brauchten einfach Zeit, die überraschende und offenbar unabänderliche, weil schriftliche Kündigung zu verdauen. «Nach einer Woche ging ich zu Pepe (Rosenberger) und sagte ihm, wir hätten wohl beide zu sehr aus dem Bauch heraus reagiert und es sei doch schade, sie seien doch immer ein Herz und eine Seele gewesen.» Gemäss Cidalia Mendes habe Rosenberger die Kündigung daraufhin zurückziehen wollen. Aber der Belcafé-Chef, der herbeigerufen worden war, wollte nicht. Und so sei es bei den Entlassungen geblieben. «Es scheint fast», sagt Mendes enttäuscht, «als wäre der Bel­café-Chef der Patron und nicht Pepe.»

«Es geht um mehr als nur um diese Kündigungen, um die Vertreibung von nicht so stromlinienförmigen Kunden vom Bellevue, um die unsägliche Rivalität unter den Migrantenethnien.»Stammgast

Rosenberger schildert das Gespräch unversöhnlicher: «Letzte Woche haben wir die Angelegenheit mit Cidalia nochmals besprochen, und ihre Kritikfähigkeit war gleich null.» Und überhaupt sei in der Zwischenzeit zu viel Geschirr zerschlagen worden, «deshalb müssen wir an den Kündigungen leider festhalten». Dieser Schritt sei nicht geplant gewesen, und er persönlich finde es «sehr schade, dass wir zwei langjährige Mitarbeiterinnen verlieren». Aber «im Sinne des Ganzen», so der Patron, «bleibt uns keine andere Wahl».

Andere Gründe vermutet

Bei «im Sinne des Ganzen» schwant einem Stammgast in einer Notiz an den «Tages-Anzeiger»: «Es geht um mehr als nur um diese Kündigungen, um die Vertreibung von nicht so stromlinienförmigen Kunden vom Bellevue, um die unsägliche Rivalität unter den Migrantenethnien – das alles spielt sich auf kleinstem Raum ab, unter einem Dach, von dem Zarli Carigiet einst gesungen hat: ‹Mis Dach isch dä Himmel vo Züri.›»

Unter dem Himmel im Bellevue-Rondell ist es diesen August etwas kälter geworden. Als Grund für die Kündigung gab Peter Rosenberger laut Carin Mendes beim RAV «Personalumbau» an. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.08.2018, 06:16 Uhr

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