«Ungarinnen kommen kaum mehr nach Zürich»

Staatsanwältin Silvia Steiner hält den Strichplatz in Altstetten für einen Erfolg.

Zürich hat sich punkto käuflichen Sex verändert: Frau am inzwischen für Prostituierte geschlossenen Sihlquai. (Archiv 2011)

Zürich hat sich punkto käuflichen Sex verändert: Frau am inzwischen für Prostituierte geschlossenen Sihlquai. (Archiv 2011) Bild: Keystone

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Die Stadt Zürich beurteilt den neuen Strichplatz als Erfolg, die Fachstelle Frauenhandel ist der Ansicht, die Lage der Sexarbeiterinnen habe sich verschlechtert. Wie sehen Sie das?
Es konnte nicht das Ziel der Stadt sein, einen Strichplatz für eine grosse Anzahl ausländischer Prostituierter zu errichten. Der Strichplatz ist nur ein Element des Massnahmenpakets der Stadt Zürich. Zuvor gab es am Sihlquai eine Prostitutionsszene mit Auswüchsen wie bei der Drogenszene. Diese einzudämmen, war unumgänglich.

Und wo sind die Frauen jetzt?
In anderen Städten, in anderen Ländern. Die kommen nicht mehr. Ungarische Prostituierte zum Beispiel kommen kaum mehr nach Zürich.

Sind die Frauen nicht einfach in private Wohnungen ausgewichen und bieten ihre Dienste nun über Internet und Handy an?
Nein, die sind ausgewichen. Die Frauen, die in Sexetablissements arbeiten, sind nicht dieselben wie jene auf dem Strassenstrich. Das sind zwei völlig verschiedene Marktsegmente. Aber richtig ist: Die Frauen, die in Bordellen arbeiten, haben wenig Aussenkontakt und kaum Möglichkeiten, sich an Hilfsinstitutionen zu wenden. Auch sie werden häufig ausgebeutet. Nur gab es dieses Problem schon immer.

Die Lage der Frauen in Bordellen hat sich nicht verschärft?
Das glaube ich nicht.

Die Stadt ist auch bei Bordellen restriktiver. Treibt das die Frauen nicht mehr in den Untergrund?
Unbewilligte Salons gibt es kaum, sie würden den Nachbarn auffallen. Und in allen bewilligten Etablissements darf die Polizei jederzeit Kontrollen machen. Das tut sie auch. Das wirkt präventiv.

Das ist jetzt aber ein Widerspruch. Einerseits sagen Sie, Kontrollen wirkten präventiv, anderseits aber werden Frauen offenbar in den Etablissements auch ausgebeutet. Wie passt das zusammen?
Die Frauen erzählen der Polizei nicht, dass sie Opfer von Menschenhandel oder Zuhälterei sind. Der Bordellbetreiber weiss oft auch nichts davon. Von diesen Frauen erfahren wir häufig erst dann, wenn der Leidensdruck so gross ist, dass sie sich an uns oder an eine Hilfsinstitution wenden. Die Dunkelziffer ist hier gross – aber sie ist nicht grösser geworden.

Wie kann man das ändern? Könnten diese Frauen mit weniger strengen Bewilligungsverfahren besser geschützt werden?
Letztlich stellt sich immer die Frage, wie weit man bei der Repression Komp­romisse eingehen kann. Repression trifft nun einmal auch das schwächste Glied in der Kette, also die Frauen. Anderseits: Wenn man das nicht will, müsste man den Prostituierten eine Art geschützten Arbeitsplatz anbieten. Dann wäre man aber sehr schnell bei staatlichen Bordellen.

Wie stellen Sie sich zur Forderung nach einem Verbot einerseits und einer Liberalisierung anderseits?
Ich bin hin- und hergerissen. Zürich geht mit dem Strichplatz einen guten Weg. Ich habe jedenfalls noch keine Studie gesehen, die beweist, dass die klassische Milieudelinquenz mit einem Verbot zurückgeht. Andererseits könnte man Prostitution erst dann konsequent liberalisieren und als Arbeit wie jede andere bezeichnen, wenn Sie und ich der eigenen Tochter sagen könnten: Prostituierte ist ein guter Job, mach das.

Erstellt: 03.04.2014, 06:57 Uhr

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