Streit um fünf Seiten in der «Bibel»

Uni-Professor Thomas Lüscher ist einer der wichtigsten Kardiologen Europas. Nun kämpft er um seinen Ruf: Ein Ex-Mitarbeiter erhebt Vorwürfe gegen ihn.

Unter Plagiatsverdacht: Professor Thomas Lüscher im Universitätsspital Zürich.

Unter Plagiatsverdacht: Professor Thomas Lüscher im Universitätsspital Zürich. Bild: Dominique Meienberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Ehrlichkeit, Präzision und Wahrheit»: Mit diesen Worten beginnt ein Editorial über korrektes wissenschaftliches Verhalten, das im April 2013 in der renommierten Zeitschrift «European Heart Journal» erschienen ist:

«Wann immer wir eine Autorenschaft akzeptieren, müssen wir uns bewusst sein, welche Verantwortung damit verbunden ist. [. . .] Mindestens sollten wir die letzte Version des Manuskripts korrekturgelesen haben – alles andere ist nicht angemessen.»

Der Aufsatz stammt von Thomas Lüscher, dem «Editor in Chief» des Magazins. Der Mediziner hat eine Doppelprofessur für Kardiologie und Physiologie an der Universität Zürich inne, er leitet die universitäre Klinik für Kardiologie, unter ihm arbeiten 78 Ärzte, Wissenschaftler und Assistenten. Auf seiner Website listet er über 400 Arbeiten auf, an denen er in seiner 34-jährigen Forscherkarriere mitgewirkt hat. Lüscher organisiert mit «Cardiology Update» einen wichtigen Ärztekongress in Davos. Als Chefredaktor des «Heart Journals» nimmt er bei der Auswahl der zu publizierenden Forschung eine Schlüsselrolle ein – die Zeitschrift lehnt 90 Prozent der eingereichten Arbeiten ab. Kurz: Lüscher ist einer der einflussreichsten Kardiologen Europas.

«Die Bibel der inneren Medizin»

Ausgerechnet gegen ihn läuft nun an der Universität Zürich ein Verfahren wegen eines Plagiats, wie ein Sprecher gegenüber dem TA bestätigt. Die Affäre, zuerst von der «Weltwoche» publik gemacht, dreht sich um ein Lehrbuch. «Siegenthalers Differenzialdiagnose» ist ein medizinisches Standardwerk. Grünlich verfärbte Fingernägel, gewulstete Zunge, Schwindelattacken – zu jedem Symptom finden sich auf 1167 Seiten die passenden Definitionen und Diagnosen. Manche Ärzte nennen das Buch «die Bibel der inneren Medizin». Zum ersten Mal erschien es 1952, es gibt Übersetzungen in zwölf Sprachen, darunter Rumänisch, Japanisch, Persisch.

Kardiologe Christoph Scharf hat das Plagiatsverfahren im August 2013 bei Universität und Verlag gestartet. Er legt einen Stapel Papiere auf den Schreibtisch, seine Beweise, chronologisch ausgedruckt. Scharf ist ein Ex-Angestellter Lüschers – Spezialgebiet Rhythmologie. Bis 2005 arbeitete er als Oberarzt am Unispital. Dann wechselte er an die private Klinik im Park in Wollishofen.

Scharf erklärt: In der 19. Auflage des Buchs, die 2005 erschien, war er Co-Autor. Unter anderem überarbeitete er eine Passage im Kapitel 31. Die knapp fünf Seiten drehen sich um den Kreislaufkollaps. Als der Verlag die 20. Auflage plante, bot Scharf an, den Text weiterhin zu betreuen. Der Verlag hatte aber Thomas Lüscher als neuen Autor für das Kapitel eingesetzt – und dieser verzichtete auf Scharf als Co-Autor. Lüscher plane, das Kapitel komplett neu zu schreiben, mailte der Verlag an Scharf.

Grauzone

Lüscher habe dann aber die Passage zum Kreislaufkollaps grösstenteils wörtlich von ihm übernommen, sagt Scharf – mit Ausnahme der ersten Sätze und einer Grafik. Der TA hat die Versionen verglichen, sie sind nahezu identisch. Scharf sagt, er hätte kein Problem, wenn Lüscher seinen Text genommen und neu bearbeitet hätte. Eine entsprechende Erklärung hat er laut eigenen Angaben unterschrieben. «Aber Professor Lüscher beansprucht die Autorenschaft, ohne die erforderliche Eigenleistung erbracht zu haben.»

An der Universität erhielt der frühere Dekan, Philipp Heitz, den Auftrag, die Sache abzuklären. Ein von ihm beauftragter Gutachter kam zum Schluss: Ja, ein Plagiat liegt vor. Daraufhin beauftragte Lüscher einen Zweitgutachter. Dieser hielt fest: Nein, kein Plagiat.«Ich bin nicht perfekt», sagt Thomas Lüscher zu Scharfs Vorwürfen. Es habe eine Kette von Missverständnissen gegeben. Aber ein Plagiat liege deswegen noch nicht vor. Scharf sei beim Kapitel 31 als «früherer Bearbeiter» erwähnt.

Über das ganze Kapitel hinweg hätten mehrere Co-Autoren Änderungen vorgenommen, sodass Scharfs Autoren-Rechten mit der Bezeichnung «früherer Bearbeiter» angemessen Rechnung getragen sei. Zu diesem Schluss komme auch das zweite Gutachten. Ein Lehrbuch in der 20. Auflage könne man ausserdem nicht mit der Publikation einer Forschungsarbeit vergleichen: «Es ist normal, dass da Textbausteine übernommen werden. Auch Herr Scharf hat damals nicht alles neu geschrieben.»Dann fügt Lüscher an: «Ich glaube, wir sind hier in einer Grauzone, wo man beide Meinungen vertreten kann.» Selbst die beiden Gutachter seien zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen, obwohl sie beide Assistenten bei demselben Professor gewesen seien.

Scharf lehnte runden Tisch ab

Zwischendurch versuchte die Universität, den Streit an einem runden Tisch zu schlichten. Scharf, Lüscher, Herausgeber Edouard Battegay, Dekan Klaus Grätz und zwei Mitarbeiter des Rechtsdienstes hätten teilnehmen sollen. Scharf lehnte ab: «Ich habe etwas Angst, dass der runde Tisch dazu dienen soll, etwas unter ihn zu kehren», schrieb er in einem E-Mail an den Rechtsdienst.

Nun wird das Dossier beim neuen Rektor Michael Hengartner landen, der sein Amt am 1. Februar antritt. Die Universitätsleitung muss ein Urteil fällen. Doch sie hat schlechte Optionen: Entscheidet sie gegen Scharf, steht der Vorwurf im Raum, sie drücke bei unsau-berer wissenschaftlicher Arbeit ein Auge zu. Entscheidet sie gegen Lüscher, schadet sie ihrem Starkardiologen.

Dem deutschen Thieme-Verlag ist die Aufregung um das Buch unangenehm. Die Auslieferung war laut Scharf im letzten Herbst unterbrochen worden. Erst als er sein Okay für den Weiterverkauf gegeben hatte, verliessen wieder Exemplare die Lager. Das Verlagshaus nimmt dazu keine Stellung. Sprecherin Anne-Katrin Döbler verlangte vom TA eine schriftliche Frageliste, schickte dann aber keine konkreten Antworten zurück, sondern nur eine allgemeine Stellungnahme: Es sei «selbstkritisch anzumerken», dass beim fraglichen Kapitel der Hinweis auf eine frühere Bearbeitung Scharfs nicht genüge. Korrekter wäre eine explizite Nennung seiner Autorenschaft «auf der Ebene des Unterkapitels» gewesen. Der Verlag plant eine Neuauflage. Man werde bei der Konzeption «die gemachte Erfahrung berücksichtigen». Ob Lüscher weiter Co-Autor sein wird, sagt der Verlag nicht.

Kapitel überarbeitet

Der Aufsatz Lüschers vom letzten April zur Redlichkeit in der Wissenschaft endete mit sieben Prinzipien, an die sich Forscher halten sollen. Als letzten Punkt nannte er:

«Last, but not least, müssen wir betonen, dass Wissenschaft ein Bekenntnis zu Ehrlichkeit und zur Suche nach der Wahrheit ist – und nichts anderes.»

Auch wenn Lüscher sagt, er habe keine Regeln verletzt: Wohl scheint es ihm mit der aktuellen Version des Kapitels 31 nicht zu sein. Nach den Diskussionen mit Christoph Scharf hat er den Abschnitt für einen allfälligen Neudruck komplett überarbeitet. Bei Scharf fragte er nach, ob dieser nun auf die Autorenliste wolle. Der gratulierte ihm zur Überarbeitung – und lehnte ab: Er habe daran nicht mitgewirkt. «Ein Eintrag als Autor würde den Richtlinien für Autorenschaft in wissenschaftlichen Publikationen widersprechen», sagt er.

Erstellt: 30.01.2014, 07:29 Uhr

Artikel zum Thema

Plagiats- und Mobbingvorwürfe gegen Neuenburger Professor

Ein «versehentliches» Plagiat und Hinweise auf Mobbing: Eine Untersuchung bestätigt die Vorwürfe des Westschweizer Journalisten Ludovic Rocchi teilweise. Mehr...

Plagiat? Greift zu!

Deadline Deadline Immer mehr Politiker werden als Plagiatoren entlarvt und richten damit Schaden an. Sie säen Zweifel an der Kompetenz der Politik. Und noch schlimmer: Sie säen Zweifel an der Kunst des Plagiats. Zum Blog

«Tiefe Konflikte» an der Universität Neuenburg

Ein «versehentliches» Plagiat und Hinweise auf Mobbing: Eine Untersuchung bestätigt Vorwürfe des Westschweizer Journalisten Ludovic Rocchi teilweise. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...