Uni Zürich baut ausgerechnet beim Französisch ab

Aus Spargründen gibt es bald nur noch einen Lehrstuhl für Moderne Französische Literatur. Kritiker sehen die Ausbildung der Gymilehrer in Gefahr.

Schwärmt für vieles, aber nicht so sehr für französische Literatur: Die Universität Zürich.

Schwärmt für vieles, aber nicht so sehr für französische Literatur: Die Universität Zürich. Bild: Walter Bieri/Keystone

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Ausgerechnet auf dem grossen Gebiet der französischen Erzählkunst halbiert die Universität Zürich ihr Angebot. Ab 2020 kümmert sich nur noch eine Professur um die Werke der modernen französischen Literatur von Molière bis Houellebecq. Einer der zwei Lehrstühle soll nicht mehr neu besetzt werden, wenn Patrick Labarthe Anfang 2019 emeritiert wird. Das gab die Universitätsleitung an der letzten Fakultätsversammlung der Philosophischen Fakultät Ende April bekannt.

Dagegen regt sich nun Widerstand. «Der Abbau führt zu einer fatalen Verdünnung des Unterrichts», sagt Bernard Steck, Präsident der Alliance Française in Bern, der sich stellvertretend für Freunde des Französischen an der Uni Zürich zu Wort meldet. Mit nur einem Lehrstuhl könne das französische Literaturgut in Zürich nicht mehr angemessen vermittelt werden, der Unterricht würde bruchstückhaft, ja auch von kreativer Publikationstätigkeit müsse abgesehen werden. Für Steck ist der Entscheid der Universität Zürich unverständlich.

Verschoben auf unbekannt

In Zürich sind derzeit 179 Studentinnen und Studenten im Hauptfach Französische Sprach- und Literaturwissenschaft eingeschrieben. Insgesamt fünf Lehrstühle kümmern sich heute um ihre Ausbildung: Neben zwei Professuren für Linguistik und einer für mittelalterliches Französisch gibt es zwei Lehrstühle für Moderne Literatur. Bis 2003 gab es sogar deren drei. «Nachdem eine frisch gewählte Dozentin nach München gezogen war, erfolgte stillschweigend keine Ersatzwahl», sagt Steck.

Dass ein frei gewordener Lehrstuhl nicht einfach neu besetzt, sondern «überdacht» wird, ist laut Universitätsleitung ein «normaler Prozess». Andreas H. Jucker, Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich, sagt: «Im Rahmen des Entwicklungs- und Finanzplans 2017 bis 2020 hat die Universitätsleitung beschlossen, die Wiederbesetzung der Professur zu sistieren.» Etwas einfacher ausgedrückt: Die Universität muss sparen und verschiebt den Ersatz von Professor Labarthe deshalb auf unbekannt.

«Problem für die Ausbildung der Gymilehrer»

Die Qualität des Studiums leide nicht unter dem Abbau, findet Dekan Jucker. Das Angebot für Französisch-Studierende sei nach wie vor komfortabel. Das Romanische Seminar, zu dem auch die Abteilung für Französisch zählt, gehöre mit seinen 14 Professuren zu den Seminaren der Uni Zürich, die mit Abstand am besten ausgestattet seien. In der Tat ist das Betreuungsverhältnis für die Fächer Spanisch, Italienisch, Portugiesisch oder Französisch gut. Auf eine Professorin oder einen Professor kommen etwa 37 Studierende (im Vergleich zu etwa 85 Studierenden pro Professur als Durchschnittswert für die ganze Philosophische Fakultät).

Dennoch kommt auch von Universitätsangehörigen Kritik. «Der Abbau ist ein Problem für die Ausbildung der Gymilehrer», sagt eine Person, die nicht mit Namen in der Zeitung erscheinen will, weil sie Repressionen befürchtet. Französische Literatur sei Maturstoff, deshalb müssten die zukünftigen Lehrer gut darin ausgebildet sein. Ein Lehrstuhl reiche dafür nicht aus. «Die Studenten werden an andere Schweizer Universitäten ausweichen», befürchtet sie. Das dürfe nicht sein.

«Mehrbelastung ist zumutbar»

Tatsächlich hat die grösste Schweizer Universität vielleicht bald das knappste Studienangebot für Moderne Französische Literatur. In Basel und Bern sind die Französisch-Abteilungen zwar insgesamt kleiner als in Zürich (die Uni Basel hat drei ordentliche Professuren, die Uni Bern zwei), aber die Studierendenzahlen sind – im Gegensatz zu Zürich – stabil. An der Uni Zürich hat die Anzahl Studierender in dem Fach in den letzten fünf Jahren um 5 bis 10 Prozent abgenommen.

Für Studenten, die in der Schweiz Französisch studieren wollen, ist Zürich also schon länger nicht mehr erste Wahl. Umso mehr weibelt Dekan Jucker um angehende Gymilehrer. «Die Ausbildung zum Lehrdiplom für Maturitätsschulen im Schulfach Französisch wird weiterhin mit sehr hoher Qualität gewährleistet sein», sagt er. Angesichts des sehr komfortablen Betreuungsverhältnisses sei die voraussichtliche Mehrbelastung für den verbleibenden Lehrstuhl der Französischen Literatur durchaus zumutbar.

Was die Studierenden zu dem drohenden Abbau zu sagen haben, steht aus. Die Fachschaft möchte sich noch nicht zu der Angelegenheit äussern. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.06.2016, 11:51 Uhr

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