Uni Zürich forscht schwerelos

Mit dem ehemaligen Kanzler-Airbus von Angela Merkel hat die Uni Zürich Experimente gestartet. Der Jet flog über dem Mittelmeer 15 Parabeln mit null G.

Passagiere und Wissenschaftler schwerelos 7000 Meter über dem Mittelmeer. Foto: PD

Passagiere und Wissenschaftler schwerelos 7000 Meter über dem Mittelmeer. Foto: PD

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«Da lupfts einem nicht nur den Magen – da schwebt der ganze Körper nach oben», erzählte Professor Max Gassmann nach der Landung des Airbus A310 am Dienstagmittag in Dübendorf. Der Leiter des Zentrums für Integrative Humanphysiologie an der Uni Zürich hat einen Traum: Er möchte die Mittel finden, um Menschen in eine Art Winterschlaf zu versetzen – wie Murmeltiere, die im Frühling schnell wieder munter werden. Ihm schweben Astronauten vor auf ihrem achtmonatigen Flug zum Mars, aber auch bettlägerige Patienten. Professor Gassmann ist gestern mit einer sorgsam verpackten Sammlung von Säugetierzellen in die Zero G gestiegen, um die Zellen gleichzeitig Schwerelosigkeit und Sauerstoffmangel auszusetzen.

Die Zero G ist ein spezielles Flugzeug. Der Airbus hiess früher Konrad Adenauer und war das VIP-Flugzeug von Angela Merkel. Dann wurde er der Firma Nove­space in Bordeaux verkauft und zum Zero-G-Jet umgebaut. Wo früher die Kanzlerin logierte, ist heute eine 100 Quadratmeter grosse, fensterlose Turnhalle eingerichtet, mit weissen Matten gepolstert und von Netzen begrenzt.

Kaum hat die Zero G über Südfrankreich das Mittelmeer erreicht, gehen die Experimente los. Im Cockpit sitzen drei Piloten. Einer steuert die Bewegung der Längsachse, der zweite die Querachse und der dritte die Triebwerke. Die Forscher kümmern sich um ihre Zellen, Uhrwerke oder Mikrobläschen, die Probanden legen sich auf den weichen Boden. Dann steigt der Jet 20 Sekunden lang scharf von 6000 auf 8000 Meter auf, die Passagiere spüren nun fast ihr doppeltes Körpergewicht. Jetzt leitet der Pilot zum Parabelflug über, 20 Sekunden sind die Probanden schwerelos. Nach einer Minute fliegen die Piloten die nächste Parabel, nach fünf magensaugenden Berg-und-Tal-Flügen gibts fünf Minuten Pause.

Kotztüten und Tabletten

«Diese Pause konnten wir gut gebrauchen», sagt Gassmann. Wie alle anderen 50 Teilnehmer hat er Medikamente gegen Seekrankheit geschluckt. Vier Passagiere müssen wegen akuter Erbrechensgefahr von der Turnhalle auf die Sitze dislozieren und werden von einem Arzt mit Kotztüten und Aromastoffen versorgt. Nach der Pause folgen über dem Mittelmeer zwei weitere Fünferserien mit Zero-G-Parabeln. «Mit jedem Mal wurde ich selbstbewusster», erzählt Gassmann. «Am Schluss habe ich mich siebenmal um meine Achse gedreht. Und wir bekamen Bälle zum Spielen.»

Der Flug mit Start und Landung in Dübendorf war ein Pilotprojekt im Hinblick auf weitere Parabelflüge ab der Schweiz. Der Wissenschaftler Oliver Ullrich, Professor für Anatomie und Space-Biotechnologie an der Uni Zürich, hat ein interessantes Modell entwickelt. Er engagiert den Zero-G-Jet und nimmt auf seine Experimentierflüge ab Dübendorf zahlende Passagiere mit, die für 15 mal 20 Sekunden Astronautenfeeling 8800 Franken bezahlen. Die Wissenschaft kann im Gegenzug ohne öffentliche Mittel forschen.

Mit an Bord waren gestern auch Forscher der ETH Lausanne, welche die Auswirkung der Schwerelosigkeit auf Gasbläschen in Flüssigkeit erforschen. Durch die nadelstichartige Wirkung platzender Bläschen sollen Rheuma­erkrankungen und Gewebeschwund behandelt werden. Zudem wurde das Experiment fortgesetzt, mit dem die Uni 2014 auf der Internationalen Raumstation (ISS) den Einfluss der Schwerelosigkeit auf das menschliche Immunsystem erforscht hatte. Und im Passagierraum sassen Tüftler der Schaffhauser Edel-Uhrenmanufaktur Moser & Cie., die mit Uhrwerken aus verschiedenen Materialien für Anker und Unruhen in der Schwerelosigkeit experimentierten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.09.2015, 21:00 Uhr

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