Streit in Zürcher Genossenschaft

Am Fusse des Uetlibergs will die Familienheimgenossenschaft einen grossen Teil ihrer Siedlungen neu bauen. Das Vorgehen des Vorstands sorgt für Kritik.

Die Häuser vieler Siedlungen der FGZ sind mittlerweile veraltet und müssen erneuert werden – wie hier unterhalb der Schweighofstrasse. Foto: Reto Oeschger

Die Häuser vieler Siedlungen der FGZ sind mittlerweile veraltet und müssen erneuert werden – wie hier unterhalb der Schweighofstrasse. Foto: Reto Oeschger

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Wer durch das Friesenbergquartier am Fuss des Uetlibergs spaziert, versteht den Begriff der Gartenstadt: kleine Einfamilienhäuser, umgeben von viel Grünflächen und mächtigen Bäumen. Ein Konzept von Beginn des 20. Jahrhunderts, als die Menschen raus aus den dichten und immer teurer werdenden Arbeiterstädten wollten. So entstanden zwischen 1924 und 1926 die ersten Siedlungen der Familienheimgenossenschaft (FGZ) – schweizweit einmalige Zeugen des «helvetischen Modells der Gartenstadt», wie Experten bescheinigen. Hier wohnen die Zürcherinnen und Zürcher statistisch gesehen besonders gern und lange.

Doch heute stört tagsüber der Baulärm die Idylle. Und wer genau hinhört, merkt: Es rumort in der Gartenstadt. Die FGZ befindet sich in einer Transformationsphase. Die Häuser vieler Siedlungen sind mittlerweile veraltet und müssen erneuert werden. Um die Zukunft des Quartiers zu planen, hat die Stadt zusammen mit dem Vorstand der FGZ 2012 begonnen, einen Masterplan zu entwickeln. Bis zum Jahr 2050 sollen zu den heute bestehenden 2300 Wohnungen weitere 500 bis 700 hinzukommen, ohne dass weiteres Land gekauft wird. Die Eckdaten des Plans wurden 2016 publiziert.

Was sie aber bedeuten, wird vielen Friesenberglern erst jetzt allmählich klar, da schon einzelne Siedlungen neu gebaut werden. An zwei Dingen stören sich die Genossenschafter besonders. Einerseits sollen zur Verdichtung idyllische Reihenhäuser durch mehrstöckige Wohnblöcke ersetzt werden. Andererseits stehen subventionierte Wohnungen für einkommensschwächere Mieter auf dem Spiel.

Genossenschafter wollen Reihenhäuser

Der Vorstand spricht jeweils von «massvollem Verdichten». Eine Genossenschafterin, die mit ihrer Familie in einem Reihenhaus wohnt, sieht das anders. «Hier wird auf dem Buckel der ärmeren Bevölkerung knallhart verdichtet», sagt sie. Mit Namen äussern möchte sie sich nicht – wie die meisten von rund einem Dutzend Genossenschaftern, mit denen der TA gesprochen hat. Persönlich ist die Frau von den Bauplänen nicht betroffen. Aber sie stört es, dass gemäss den Plänen der Stadt die idyllischen Gärten am Friesenberg verschwinden sollen, während die Villen der Reichen am Zürichberg kaum angetastet würden. Hochbauvorsteher André Odermatt erklärte dies kürzlich im TA damit, dass der Zürichberg vom Verkehr her nicht optimal erschlossen sei und für das Stadtklima wichtige Kaltluftströme nicht mehr den Hang runterfliessen könnten, wenn verdichtet würde. Das überzeugt die Genossenschafterin nicht. Die Stadt habe in der FGZ ein leichteres Opfer zur Verdichtung gefunden.

Vor allem aber stört sie, dass der Vorstand der FGZ gegen die Interessen der Genossenschafter handle, welche Besitzerinnen und Besitzer des grössten Teils des Baulandes sind. 2011 gab es an einer Generalversammlung eine grundsätzliche Abstimmung über Reihenhäuser: 288 Genossenschafter befürworteten sie damals, bei 176 Gegenstimmen. «Über solche Grundsätze stimmen wir höchst selten ab», sagen mehrere Genossenschafter übereinstimmend. Umso störender finden sie es, dass die Reihenhäuser im Masterplan keine bedeutende Rolle mehr spielen. Gemerkt haben das viele spät, denn über den Erarbeitungsprozess wurde in der Genossenschaft kaum informiert. Zur Frage, welche Bedeutung Reihenhäuser für den aktuellen Vorstand hätten, sagt die aktuelle Präsidentin Karin Schulte: «Ob Reihenhäuser gebaut werden, ist bei jedem konkreten Neubauprojekt abzuwägen. Über Bauprojekte entscheidet in der FGZ jeweils die Generalversammlung.»


Video – Friesenberg-Kinder entfernen Schmierereien Mojo Server error

Sprayer zeigen Kindern, wie man Sprühdosen richtig benützt. Video: Tamedia/Lea Blum


Dem Vorstand ist aber bewusst, dass er für wichtige Entscheidungen die Genossenschafter stärker einbinden muss. Deshalb hat er ein Umfrageinstitut beauftragt, einen sechsseitigen Fragebogen zur baulichen Entwicklung der FGZ zu verschicken. Viele Genossenschafter begrüssen es, dass sie nun mehr miteinbezogen werden. Dennoch gibt es noch immer Kritik am Vorgehen. Die Fragen im Fragebogen seien zum Teil suggestiv, zum Teil ­unklar formuliert. Zudem befürchten Genossenschafter, der ­Vorstand würde die Resultate verwenden, um die eigenen Positionen zu stärken.

Der FGZ-Vorstand widerspricht den Vorwürfen und weist darauf hin, es gehe bei der Befragung nicht um eine wissenschaftliche Studie, sondern um eine Form der Mitwirkung in einem Meinungsbildungsprozess. Der Vorstand räumt aber ein, einige Fragen seien komplex. Unter anderem sorgte eine Frage zu subventionierten Wohnungen unter Genossenschaftern für Verärgerung. Denn die Stadt stellt Gelder bereit, um Genossenschaften bei Neubauten zinslose Darlehen zu geben, wenn sie nicht zu teuer bauen. Im Gegenzug verpflichten sich die Genossenschaften verbilligte Wohnungen anzubieten, wobei die Mieter gewisse Bedingungen erfüllen müssen, wie etwa ein maximales steuerbares Haushaltseinkommen zwischen 49'000 und 66'000 Franken.

Zank um subventionierte Wohnungen

Die subventionierten Wohnungen sind neben den Reihenhäusern der zweite grosse Zankapfel in der FGZ. Für Genossenschaften bedeutet sie einen administrativen Mehraufwand, weil sie laufend überprüfen müssen, ob die Mieter die Bedingungen erfüllen. Dennoch stellen sich die grössten Genossenschaften wie die ABZ und die Asig auf Anfrage hinter dieses Instrument.

Als drittgrösste Zürcher Genossenschaft hat die FGZ gemäss TA-Recherchen in die Verhandlungen mit der Stadt um einen Rahmenvertrag eingebracht, sich nicht für den Bau subventionierter Wohnungen verpflichten zu wollen. Dies hat für Irritationen gesorgt, hat es sich der Stadtrat doch zum Ziel gesetzt, die Anzahl dieser Wohnungen in der ganzen Stadt zu steigern.

Zu den laufenden Verhandlungen mit der Stadt könne man sich nicht äussern, sagt der FGZ-Vorstand. Der Anteil der subventionierten Wohnungen betrage heute rund zehn Prozent, und es gebe keine Pläne, diesen zu reduzieren. Auch das zuständige Hochbaudepartement gibt zu den Verhandlungen keine Details preis. Es bestätigt aber, dass es eine von der FGZ eingereichte Aktennotiz zum Thema subventionierte Wohnungen gibt. Zum Inhalt sagt das Departement indes nichts.


Bilder – Die Kinder vom Friesenberg


Das Gerücht um die Haltung der FGZ zu den subventionierten Wohnungen ist auch unter verschiedenen Gemeinderäten ein Thema, und es wird in der Genossenschaft diskutiert. Genossenschafter, die sich vor einem Jahr darum sorgten, die FGZ würde ihre soziale Ausrichtung preisgeben, fühlen sich bestätigt.

Wie die FGZ mit subventionierten Wohnungen umgeht, wird sich wohl erst zeigen, wenn der ausgehandelte städtebauliche Rahmenvertrag vorliegt. Darin regelt die FGZ mit der Stadt die Rahmenbedingungen für die zahlreichen Bauetappen, die in der Genossenschaft anstehen. Dann wird sich auch zeigen, ob die FGZ weiter auf Reihenhäuser setzt. Den Rahmenvertrag will der Vorstand in einer Dialogveranstaltung im März diskutieren und im Juni 2019 vor der Unterzeichnung mit der Stadt zur Kenntnisnahme vorlegen. Genossenschafter fürchten, dass es dann zu spät ist, noch grundsätzliche Punkte zu ändern.


Kampf ums Präsidium und für mehr Mitsprache

In der Familienheimgenossenschaft (FGZ) brodelt es schon länger. Seit einiger Zeit heisst es, der Vorstand agiere selbstherrlich. Bevor Karin Schulte letztes Jahr zur Präsidentin gewählt worden war, stand Alfons Sonderegger 20 Jahre dem Vorstand vor. Er schrieb 2008 in einer internen Zeitschrift zur Zusammensetzung des Vorstands: «Bekanntlich erfolgt die Suche von möglichen Vorstandskandidatinnen und -kandidaten jeweils durch den Vorstand selber.» Dies aus der Überzeugung, dass vor allem der Vorstand wisse, wer ins Gremium passe, und die Chemie in dem ehrenamtlichen Gremium auch stimmen müsse.

Ernsthaften Widerstand gegen diese Haltung gab es vor allem bei der Wahl im vergangenen Jahr. Der Vorstand hatte trotz neun Bewerbungen auf das Präsidium mit Schulte lediglich eine einzelne Kandidatin aus den eigenen Reihen aufgestellt. Zwei Komitees formierten sich damals mit Kandidaten. Eines wollte die ehemalige SP-Stadträtin Esther Maurer und den Juristen Yves de Mestral in den Vorstand wählen. Die beiden zogen sich jedoch noch zurück, nachdem an der GV ein Votum, das sehr persönlich gegen Maurer gerichtet war, viel Applaus erhalten hatte.

Dialogveranstaltung fand statt

Ein anderes Komitee stellte kurz vor der Wahl und ohne Unterstützung des Vorstands den Journalisten Klaus Ammann auf. Der unterlag zwar gegen Schulte in der Präsidentschaftswahl, schaffte aber den Sprung in den Vorstand. Seither setzt er sich dafür ein, dass der Vorstand aktiver informiert und die Genossenschafter in Entscheidungsprozesse mit einbezieht.

So wurde vergangene Woche eine Dialogveranstaltung organisiert, in der es darum ging, die Position des Vorstands zur «Teilrevision Nutzungsplanung ­Friesenberg» zu diskutieren. Mit diesem Instrument setzt der Stadtrat die Rahmenbedingungen für die Bebauung eines gewissen Gebietes. (zac) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.11.2018, 19:11 Uhr

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