Unser Genie Gessner

Conrad Gessner, geboren vor 500 Jahren, schuf ein Tierlexikon. Er übersetzte antike Texte. Als Zürcher Stadtarzt kurierte er Prominente – gewisse Substanzen testete er zuerst an sich selbst.

Aus einer Mailänder Bibliothek: Porträt des Zürcher Renaissancemannes Conrad Gessner. Foto: imago stock & people

Aus einer Mailänder Bibliothek: Porträt des Zürcher Renaissancemannes Conrad Gessner. Foto: imago stock & people

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Das Jahr 1531 fängt gut an für Conrad Gess­ner, ein hochbegabtes Bürschchen von 15 Jahren. Vor erlesenem Stadtzürcher Publikum spielt er in einem antiken Theaterstück gleich zwei Rollen. Gegeben wird Aristophanes im Original, die Komödianten sprechen Altgriechisch.

Einige Zeit zuvor hat Gessner bei Zürichs Reformator Ulrich Zwingli um ein Stipendium ersucht. Sein Vater, ein Kürschner, kann nicht alle acht Kinder ernähren; Conrad musste mit fünf zu ­einem Grossonkel ausziehen. Danach waren es Lehrer, die ihn beherbergten.

Gessner bekommt sein Stipendium, auch das ist erfreulich in diesem Jahr. Wichtige Leute wissen um ihn und fördern ihn. Im Oktober dann die Katastrophe. Zwingli stirbt in der Schlacht gegen die Katholiken in Kappel am Albis. Gut ein Zehntel der kriegstauglichen Zürcher kommen um, auch Gessners Vater.

Seine Geldgeber grollen, als er, ohne sie zu fragen, mit 19 heiratet.

Zürich ist erschüttert, die Reformation gefährdet, die Staatskasse leer. Und Gessner hat seinen Mentor Zwingli verloren. Sein Hausvater kann es sich nicht länger leisten, ihn zu ernähren.

«Jeglicher Stütze beraubt, stand der begabte Jüngling nun völlig einsam und ohne Perspektive vor einer sich düster gestaltenden Zukunft.» Das schreibt der Zürcher Historiker Urs B. Leu in der nächste Woche erscheinenden Biografie «Conrad Gessner». Wir Heutigen wissen freilich, dass Gessner sein frühes Tief überwunden hat. Mehr als das – hoch aufgeschossen ist er, sodass sein Name bis heute klingt, meist versehen mit dem Beiwort «Universalgenie».

Heuer wird Gessners gedacht. Zum 500. Geburtstag gibt es Ausstellungen und neue Bücher. Das Wirken des Mannes ist so vielseitig, seine Werke zwischen Tier- und Pflanzenkunde, Philologie und Bibliografie sind so zahlreich, dass man kaum alles überblicken kann. Vom «Leonardo da Vinci der damaligen Eidgenossenschaft» spricht Biograf Leu.

Professor in Lausanne mit 21

Arbeit ist die Hauptzutat dieser Existenz, Arbeit jahraus, jahrein. Dazu kommen Reisen in der Schweiz und in die benachbarten Länder: Besuche bei anderen Gelehrten sowie wissenschaftliche Exkursionen, etwa die auf den Pilatus 1555. Gessner sammelt, dokumentiert, forscht nach, strebt unermüdlich nach Wissen. Er ist ein Mann der Renaissance, der Epoche des Aufbruchs. Am Beispiel Pilatus beschreibt er, dass auf verschiedenen Höhen verschiedene Pflanzen wachsen. Das macht ihn zum Entdecker der botanischen Höhenstufen.

Zurück zur skizzierten Lebenskrise. Mit 16 reist Gessner nach Strassburg, der Reformator Wolfgang Capito nimmt ihn auf. Es folgen vertiefte Studien in Bourges in Frankreich. Zwinglis Nachfolger Heinrich Bullinger sorgt aus Zürich für den einen oder anderen Zustupf. Die Reformation braucht Nachwuchs. Sie hat dazu ja auch eigene Lehrstätten gegründet. In Zürich ist es die Hohe Schule. Und in Lausanne das Collège.

1537, mit 21, wird Gessner einer von vier Professoren am Collège. Neben Geld erhält er zum Lohn reichlich Naturalien, etwa zwei Eimer Wein jährlich. Drei Jahre lang wird er angehende Pfarrer in Altgriechisch unterrichten.

Bereits ist er verheiratet. Im Alter von 19 Jahren hat er die Liestalerin Barbara Singysen geehelicht, ohne das Einverständnis der Zürcher Förderer, die ihm darob lange grollen, ihn ein gutes Jahr kurzhalten und durch Missachtung strafen; sie fürchten, er werde seine Ausbildung vernachlässigen. Gessners Gattin ist, wie er schwärmt, «reizend schön».

Kaum etwas ist über Singysen bekannt. Ein Detail: Sie leidet schwer an ihren Krampfadern; Gessner erkundigt sich brieflich bei Arztkollegen, was man tun kann. Von Lausanne reist man im Sommer 1539 für eine 20-tägige Badekur nach Leukerbad im Wallis.

Apropos Wasser: Gessner ist in seiner Zeit einer der wenigen Bürger, die schwimmen können. Seine Neuzeitlichkeit zeigt sich darin; er stürzt sich in ein Element, das das Mittelalter fürchtete.

Als Altphilologe studiert Gessner die medizinischen Klassiker der Antike wie den Arzt Galen. Er wird dann selber Mediziner, Studienabschluss 1541 in Basel. Eine ungeheuerliche Vielseitigkeit ist in ihm angelegt. Bereits hat er Bücher publiziert, mit denen sich übrigens nicht nur durch ihren Verkauf Geld verdienen lässt, sondern auch durch ihre Widmung; der Angesprochene revanchiert sich meist mit einem Geldgeschenk. Eine seiner Schriften widmet Gessner Elisabeth I. von England. In diesem Fall handelt er sich Ärger ein. Die Königin ist nicht amüsiert; er hat nicht um Erlaubnis gefragt, ihren Namen zu verwenden.

Wenn Gessner, der nach seinen Studienjahren wieder in Zürich lebt, Interessantes liest, bei Aristoteles etwa, zerschnipselt er das Gelesene oder auch seine Notizen dazu und legt die Papierchen anhand eines Schlagwort-Systems ab. So kann er zu einem Thema alles Wichtige schnell finden und arrangieren. Als er einen Ausflug in die Glarner Alpen plant, verfasst er für seinen Freund in Glarus, Landschreiber Vogel, das Büchlein «Über Milch und Milchprodukte». Er erwähnt den Ziger, der, «mit aromatischen Kräutern gewürzt, grosse Gunst bei allen Auswärtigen erwirbt».

Gessners Ruhm gründet besonders auf zwei Schriften. Dank der «Bibliotheca universalis» von 1545 gilt er als Vater der Bibliografie. Der Buchdruck ist noch jung, hat aber die Zahl der Bücher vervielfacht. Eine Übersicht fehlt. Gessner erstellt einen Katalog lateinischer, griechischer, hebräischer Titel. 5031 Autoren nennt er in der ersten Ausgabe und fügt jeweils Titel, Druckort, Drucker, Erscheinungsjahr, Format, Umfang bei. Bisweilen gibt es dazu eine Kurzbiografie des Autors oder Auszüge.

Auch die Inquisition liest ihn

Die «Bibliotheca universalis» wird zum Verzeichnis des abendländischen Kulturgutes. Zum Who’s who der grossen Autoren. Die steinreichen Fugger in Augsburg nutzen sie als Katalog für ihre Bibliothek. Und die päpstliche Inquisition zu Rom kann dank Gessner studieren, welche Bücher verboten gehören.

Ein noch viel gewaltigeres Unterfangen ist ab 1551 die «Historia animalium», ein Tierlexikon in fünf Bänden, «Brehms illustriertes Tierleben» im 16. Jahrhundert sozusagen, wobei der Autor auf alle vier bekannten Erdteile blickt. Von einer «Arche Noah der Renaissance» spricht Historiker Leu.

Die indianischen Kaninchen

Erstaunlich: Da lebt einer in einer Stadt am Fusse der Alpen und wagt ein solches Unterfangen; besser würde er sich in einem Handelszentrum an einem Meer aufhalten, wo mit den Schiffen Informationen aus aller Welt eintreffen. Gessner behilft sich, indem er sich per Brief gezielt nach Tieren erkundigt. Indem er Gehilfen losschickt, die Information und Objekte beschaffen. Und indem er Zeichnungen sammelt.

Sein Haus an der Frankengasse 6 lässt er bald um eine Etage aufstocken. Er unterhält ein Museum mit Mineralien, Fossilien, Pflanzen- und Tierteilen; zum Beispiel besitzt er das Skelett eines fliegenden Fisches. Die Haut eines Bartgeiers mit Schnabel und Beinen. Den Schnabel eines brasilianischen Tukans. Die Klauen eines Gürteltiers.

Zudem betreibt er einen kleinen Zoo, er hat viele Vögel, etwa einen Uhu, einen Wiedehopf, einen Tannenhäher, dazu Schlangen aus Mittelfrankreich, Marder, Biber, Murmeltiere. Und – eine Sensation – zwei Meerschweinchen aus der Neuen Welt. Ein Augsburger Arzt hat ihm die «indianisch Künele», die indianischen Kaninchen, geschenkt.

Die «Historia animalium» ist ein Pionierwerk sondergleichen. Gessner macht sich halb krank an die Arbeit, der Drucker Christoph Froschauer sitzt ihm stets im Nacken. «Ich kann mir kaum mit dem Finger den Kopf kratzen», klagt der Gelehrte. Froschauer forciert den Erfolg der Bände dann, indem er Versionen mit allen Bildern, aber ohne viel Text herstellt. Die Bände sind in der Regel unkoloriert; für die Kunden, die die Holzschnitte farbig wünschen, beschäftigt der Drucker einen Maler.

Preisbeispiel: Band vier der Normalausgabe, 1337 Seiten mit 737 Abbildungen, kostet unkoloriert 3 Gulden und koloriert 7 Gulden, 10 Schilling. Zum Vergleich: Ein Dachdeckermeister in Zürich verdient gut 6 Gulden pro Monat.

Gessners Lexikon ziert die Bibliotheken überall in Europa. Königin Maria Stuart in England verbringt ihre 18-jährige Gefangenschaft mit dem Sticken von Wandteppichen; Gessners Bände liefern die Vorlagen für ihre Tiermotive.

Hokuspokusfreie Rezepte

Gessner publiziert und doziert, übersetzt – zum Teil als Pionier – antike Schriften, empfängt Gelehrte, reist und zeichnet (hervorragend, notabene). Briefe von überall erreichen ihn und wollen beantwortet sein. Ein polnischer Student bittet, dass man ihm eine Arznei empfehle, die den Bartwuchs fördert; er sei schon 21. Ein Wormser Jurist auf Visite merkt an, dass der grosse Gelehrte müde wirkt: «Als ich letzthin in Zürich war, mochte Gessner kaum etwas über 40 Jahre alt sein, er wäre also in der besten Kraft seines Lebens gestanden, aber die Blässe seines Angesichts zeugte von seinen übermässigen Studien.»

Die Aufgaben häufen sich. Für den Zürcher Rat erstellt Gessner mit einem Kollegen die erste städtische Apotheken-Ordnung. Ihm obliegt die Qualitätskontrolle beider Apotheken der Stadt. Ab und zu behandelt er hochgestellte Persönlichkeiten, so den Glarner Aegidius Tschudi, der als erster Schweizer Historiker gilt. Viel Erfolg hat sein Arzneimittel-Kompendium mit einer Übersicht über alte und neue Arzneien.

In unserer Neuzeit prüft ein Apotheker die Gessner-Rezepte und stellt fest: wirkungsvoll, zum Teil genial – und frei von Hokuspokus. Gessner arbeitet mit Selbstversuchen. Er probiert auch stark giftige Gewächse wie schwarze Tollkirsche, Brechnuss, Tabak, weissen Nieswurz an sich aus. Er notiert: «Ich bekomme brennendes Hitzegefühl an den Schultern, im Gesicht und auch am Kopf. Ich esse weiter.»

Ab 1554 ist Gessner offizieller Stadtarzt, oberste Medizinalperson Zürichs, das Pflichtenheft plagt ihn. Ein Jahrzehnt später schlägt die Pest zu. Ein grosses Sterben setzt ein, 3700 Menschen erliegen 1564 der Krankheit in Stadt und Landschaft. Dem Reformator Bullinger brennt Gessner eine Pestbeule mit dem glühenden Eisen aus. Bullinger erholt sich und wird wieder gesund.

Ein Jahr darauf packt die Pest Gessner selber. Er erledigt letzte Dinge, arbeitet rastlos. Dann ruft er seine Freunde zusammen, macht sein Testament, betet zu Gott. Vom 13. auf den 14. Dezember 1565 stirbt er in den Armen seiner Frau in seinem Museum, in das er sein Bett hat umstellen lassen. Im Grossmünster-Kreuzgang setzen sie ihn bei. 49 Jahre alt ist er geworden.

Erstellt: 09.03.2016, 19:54 Uhr

Buch

Urs B. Leu, Conrad Gessner (1516–1565), Universalgelehrter und Naturforscher der Renaissance. Die neue Biografie erscheint Mitte Monat; Verlag Neue Zürcher Zeitung, 456 S., 48 Franken.

Zum Gessner-Jahr öffnen in Zürich bald mehrere Ausstellungen. Eine Besprechung bringt Tagesanzeiger.ch/Newsnet Mitte nächste Woche.

Die 49 Jahre eines grossen Gelehrten

1516 – Geburt als eines von acht Kindern
Conrad Gessner wird am 16. März 1516 in Zürich geboren. Sein Grossvater ist ein Goldschmied aus Nürnberg, der nach Solothurn übersiedelte. Der Vater, Kürschner von Beruf, hat sich in Zürich das Bürgerrecht erkauft. Die Familie ist alles andere als reich, der Vater kann seine acht Kinder nur mit Mühe ernähren. Ohnehin geht es Zürich und seinen 7000 Menschen zu jener Zeit nicht besonders gut . Die Stadt ist stark verschuldet durch den allmählichen Zukauf der Landschaft. Zudem hat sich der Handel nach ­dem Alten Zürichkrieg 1440 bis 1450 immer noch nicht richtig erholt.

1521 – Kostgänger beim Grossonkel
Mit fünf kommt Conrad als Kostgänger zum Onkel seiner Mutter. Johannes Frick ist Priester. Als Kaplan am Elftausend-Jungfrauen-Altar in einer Grossmünsterkapelle darf er für Dienstleistungen wie die Taufe Geld verlangen. Und doch wird Frick Zwinglis Reformation begrüssen, die seine Privilegien abschafft. Frick zeigt Conrad seinen Garten und weckt in ihm die Liebe zu den Pflanzen.

1531 – Mentor Zwingli stirbt im Kampf
Conrad Gessner wird sich zur Leitgestalt der Reformation, der Renaissance, des Humanismus aufschwingen. Er ist ein Gelehrter in einer Zeit des Aufbruchs. Sein Idol in jungen Jahren ist Ulrich Zwingli, der in Zürich die Abkehr vom Katholizismus bewirkt hat. 1531 passiert die Katastrophe. Zwingli und viele andere Zürcher sterben in Kappel am Albis in der Schlacht gegen die Katholiken (die Illustration aus dem 19. Jahrhundert zeigt Zwinglis letzte Lebensminute). Gessner verliert mit 15 Jahren seinen Mentor.

1541 – Doktor der Medizin mit 25
Gessner ist sechs Jahre verheiratet. Er hat Bücher publiziert. Und er war drei Jahre Professor in Lausanne, wo er Altgriechisch unterrichtete. Nun erwirbt er in Basel einen Doktortitel in Medizin. Eine der Prüfungsfragen auf Lateinisch: «Ist das Herz oder das Hirn der Sitz von Gefühl und Bewegung?»

1551 – Sein gewichtigstes Buch
Gessners mehrbändige, prachtvoll bebilderte «Historia animalium» erscheint ab 1551 (im Bild ein Meereswesen aus dem vierten Band über Fische). Das Tierlexikon, das sich allen vier bekannten Erdteilen widmet, wird seinen Herausgeber europaweit berühmt machen. Die Königin Maria Stuart verbringt ihre englische Gefangenschaft damit, Gessner-Tiere auf Wandteppiche zu sticken.

1565 – Pesttod in den Armen der Frau
Gessners Leben ist geprägt von Arbeit. Seit 1554 ist er Zürichs offizieller Stadtarzt, auch die zwei Apotheken der Stadt unterstehen seiner Aufsicht. Und natürlich behandelt er Patienten, darunter sind ab und zu Prominente wie etwa der Glarner Staatsmann und Historiker Aegidius Tschudi. 1565 ist der grosse Arzt allerdings machtlos, als ihn die Pest befällt. Er stirbt in der Nacht auf den 14. Dezember in den Armen seiner Frau. Der Reformator Heinrich Bullinger, dem Gessner ein Jahr zuvor mit dem glühenden Eisen eine Pestbeule ausbrannte, schreibt in einem Brief über dessen letzte Tage: «Er hat nie ständig gelegen, sondern ist immer wieder herumgegangen, hat gegessen und etwas gearbeitet (...).»

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