«Unsere Elefanten kommen im tiefen Wasser noch oft in Schieflage»

Revierleiter Carlo Cathomen glaubt, dass sich die Tiere an die neugewonnene Freiheit in der modernen Anlage erst gewöhnen müssen.

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Der neue Elefantenpark Kaeng Krachan im Zoo Zürich setzt mit dem feudalen Prachtbau mit Pools und Garten neue Massstäbe in der Elefantenhaltung. Er bietet mehr Platz und mehr Familienleben für die Tiere, viel Bewegungsfreiheit – und eine Menge Badevergnügen. Die Anlage ist sowohl innen wie aussen als Landschaft konzipiert, mit Naturböden, Futterstellen und Wasserbecken. Am Samstag ist der Park erstmals für die Bevölkerung geöffnet.

Im neuen Elefantengehege soll der Pfleger nicht mehr in die Hierarchie der Tiere eingreifen und distanzierter auftreten. Revierleiter Carlo Cathomen (43), seit über 20 Jahren Tierpfleger auf dem Zürichberg, spricht über seine heikle Arbeit mit den Dickhäutern.

Herr Cathomen, was ist der wesentliche Unterschied zu Ihrer Arbeit vorher?
Im alten Haus haben wir mit den Elefantenkühen im ungeschützten Kontakt gearbeitet. Wir mussten ihnen mit Dominanz und Konsequenz begegnen. Kleine Elefanten mussten lernen, dass sie mit uns nicht «geuggle» konnten. Wenn sie Blödsinn machten, mussten wir mit ­ihnen schimpfen.

Wie bringen Sie die Elefanten dazu, auf Sie zu hören?
Der frühere Tierpfleger Ruedi Tanner hat hier Pionierarbeit geleistet und dem Bullen Maxi gezeigt, wie er sich bewegen muss, um durchs Gitter gepflegt zu werden. Mit den Kühen haben wir schon im alten Haus geübt. Elefanten sind intelligente Tiere und lernen schnell und gut. Aber man muss praktisch Gedanken lesen können. Bei einem Gärtner würde man sagen, er müsse den grünen Daumen haben. Bei uns ist das ein gutes Gspüüri für die Tiere.

Vermissen Sie den unmittelbaren Kontakt zu den Elefanten?
Ich würde es vermissen, wenn ich sie nicht mehr berühren könnte. Aber wir müssen die Tiere auch im geschützten Kontakt anfassen. Bei der Fusspflege, Blutabnahme oder bei Verletzungen. Durch das Gitter können wir sie kraulen. Ceyla zum Beispiel geniesst es, wenn man sie auf der Zunge krault oder tätschelt. Elefanten sind keine Schmusetiere. Wir Tierpfleger brauchen den Körperkontakt wahrscheinlich mehr als sie. Darum sind sie jetzt auch nicht traurig, aber die neue Freiheit ist ungewohnt.

Und woran zeigt sich das?
Früher waren die Tiere bei verschiedenen Gelegenheiten angekettet. Wir haben ihren Tagesablauf bestimmt. Wir haben beispielsweise die Reihenfolge bestimmt, wenn sie einen Raum verlassen sollten. Jetzt geht der Schieber auf, und das heisst: Du bist frei, darfst jetzt laufen. Damit sind sie wahrscheinlich noch ein bisschen überfordert.

Baden sie schon fleissig?
Weil unsere Elefanten – mit Ausnahme von Indi – noch nie geschwommen sind, kommen sie im tiefen Wasser noch oft in Schieflage, was lustig aussieht. Da der Rüssel als Schnorchel dient, müssen sie ja nicht aufpassen, dass der Kopf oben bleibt. Die Jungtiere sind dabei eindeutig mutiger, gehen eher ins Wasser. Eine Elefantenkuh haben wir so weit, dass sie immer zur gleichen Zeit badet.

Elefanten haben ein Elefantengedächtnis, oder?
Ja, sie merken sich viele Erlebnisse, schlechte wie gute. Ein Student hat beispielsweise ein Holzkästchen entwickelt, an dem ein Elefant mit dem Rüssel einen Holzstift in einer bestimmten Kombination schalten musste, um eine Belohnung zu erhalten. Die Elefantenkuh Druk hat noch Jahre später, ohne zu zögern, die richtige Kombination geschaltet. Was Elefanten einmal gelernt haben, vergessen sie nie.

Sind sie deshalb so nachtragend?
Sie erkennen einen auch noch nach Jahren. Ist ein Pfleger hart und ungerecht, erinnern sie sich daran.

Gibt es brutale Tierpfleger in Zoos?
Es gibt leider immer noch Zoos, in denen Pfleger Tiere ungerecht und zu hart behandeln. Und es gibt leider auch Zoos, die Zirkus-Shows anbieten. Und das funktioniert nur mit grober Dominanz.

Trompeten die Tiere, wenn Sie auftauchen?
Manchmal bin ich eine Stunde weg, und schon trompeten sie und wackeln mit den Ohren. Und ein anderes Mal komme ich nach zwei Wochen Ferien zurück, und sie machen keinen Mucks.

Wie kommunizieren Elefanten?
Trompeten und Ohrenwackeln gehören zu ihrer Kommunikation. Wenn sie sich aufregen. Oder wenn sie zum Beispiel einen fremden Duft wittern, heisst das etwa: «Hier hat Maxi gepinkelt, kommt schnell.»

Gibt es auch Zickenkriege?
Die jüngsten zwei, Farah und Chandra, sind Teenies, die provozieren und schauen, was möglich ist. Aber die Oberzicke ist im Moment mein Lieblingstier Farah. Das fängt spielerisch an, wird dann gröber, und schliesslich geht sie mit Stosszähnen auf andere los, beisst sie in den Schwanz, schupft und prügelt sie richtig. Sie macht das im Moment oft mit der schwangeren Indi. Diese wiederum war selber ein bisschen dominant, als sie vom Circus Knie zu uns kam, und hat Ceyla geplagt. Zeitweise mussten wir die Zicken deshalb trennen, so verkracht waren sie.

Ist Bulle Maxi auch launisch?
Nein. Ausserhalb der Musth, die rund einmal im Jahr vorkommt, ist Maxi ein sehr angenehmer Bulle. Aber in der Musth, bei diesem Testosteronschub, ist er zu den Kühen sehr grob.

Woran erkennen Sie, wenn Maxi in die Musth kommt?
Sie kommt relativ schnell, von einem Tag auf den anderen und nimmt zu. Wir merken drei Tag vor der Musth, dass Maxi anders ist als sonst. Er bekommt einen anderen Blick, stiert einen an, macht grosse Augen. Zudem gehorcht er nicht mehr zuverlässig, was Maxi ­normalerweise zu 100 Prozent tut.

Wie geschickt sind Elefanten mit ihrem Rüssel?
Der Rüssel ist Nase und Werkzeug. Sie nehmen damit Futter auf und Wasser – 12 bis 15 Liter aufs Mal. Sie schlagen damit, kratzen, trompeten, tasten und werfen damit Sand. Mit dem Rüsselfinger können sie einen Zweifränkler aufheben. Und sie können Schrauben lösen, wenn sie nicht gut angezogen sind.

Sind Sie zuversichtlich?
Der neue Elefantenpark ist kein Sonntagsspaziergang, vieles ist neu, und wir wissen nicht, wie alles herauskommt. Aber ich bin hier sehr glücklich.

Erstellt: 05.06.2014, 07:52 Uhr

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Der neue Elefantenpark auf dem Zürichberg Das neue Zuhause der Dickhäuter öffnet seine Tore. Es bietet für die Besucher ganz neue Perspektiven.

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Es war einmal im Zoo Zürich

Es war einmal im Zoo Zürich Von der Gründung 1929 an gehören Asiatische Elefanten zum Tierbestand des Zoo Zürich.

Im nördlichen Teil des Klosterfeldes gelegen, ist der Elefantenpark neben dem Masoala-Regenwald der neue starke Pol im östlichen Gebiet des Zoo Zürich. Ein kurvenreicher
Weg führt durch den Wald in die rund 15 Meter tiefer gelegene Welt der Elefanten.

Die Architektur

Ein Bauwerk in Grösse XXL

Das Projekt des Architekten Markus Schietsch und des Landschaftsarchitekten Lorenz Eugster platziert die neue Elefantenanlage gekonnt in eine neu geschaffene Waldlichtung unterhalb des Afrikanischen Gebirges.

Besonders augenfällig ist das grosse, geschwungene Dach des neuen Elefantenhauses, das dem Panzer einer Riesenschildkröte ähnlich sieht.

Das Dach kommt im Innern gänzlich ohne stützende Elemente aus. Die neue Anlage ist 11 000 Quadratmeter gross, also sechsmal grösser als die alte. Den landschaftlichen Rahmen bildet ein üppiger Laubmischwald, der aus dem umgebenden Zürichbergwald gezogen wurde. Er bildet den Übergang vom kargen afrikanischen Semien-Gebirge in ein grün eingewachsenes Flusstal. Weil sich das Gehege nicht als Ganzes überschauen lässt, scheint der Raum dadurch unendlich.

Beim Bau der Anlage wurde grossen Wert auf Nachhaltigkeit gelegt. Der dominierende Baustoff ist Holz, und geheizt wird über ein Fernwärmenetz mit der zentralen Holzschnitzelheizung des Zoos. Vom 6800 Quadratmeter grossen Dach wird Regenwasser gesammelt, das für die bodennahe Bewässerung verwendet wird. Aber auch für die Sandbefeuchtung, die Entstaubung der Pflanzen und für die Wasserbecken. Eine ausgeklügelte Steuerung sorgt für eine ressourcenschonende Klimatisierung der Innenanlage.

Die ganze Elefantenanlage hat einen Durchmesser von 80  Metern. Das Licht wird durch 271 Oberlichter aus UV-durchlässiger Folie mit einer Gesamtfläche von ca. 2100 Quadratmetern belichtet. Dies erzeugt den Eindruck eines Parks, der unter einem Blätterdach liegt. (roc)

Die Finanzierung

Aus Schenkungen und Legaten

Das Projekt für die neue Elefantenanlage ist in einem zweistufigen Architekturwettbewerb ermittelt worden. 50 Projekte wurden eingereicht. Die Kosten für den kompletten Bau des Kaeng-Krachan-Elefantenparks betragen 57 Millionen Franken. Finanziert ausschliesslich mit privaten Geldern: 5500 Einzelspender unterstützten das Projekt mit Beträgen von einer bis ein paar Millionen Franken. Dazu kamen Schenkungen vom Zoo-Fäscht für den Bullenstall, der Tiergartengesellschaft für die edukativen Teile und Beiträge weiterer Stiftungen. (roc)

Die Haltung

Lange Tradition

Asiatische Elefanten gehören seit der Gründung im Jahr 1929 zum Tierbestand des Zoo Zürich. Untergebracht waren die Tiere zunächst provisorisch im Hauptgebäude – für 42 Jahre. 1971 konnte das lang ersehnte neue Elefantenhaus eröffnet werden. Dieses galt in der Welt der Zoos damals als vorbildlich und als das modernste seiner Zeit. Um sich auch ohne eigenen Elefantenbullen an der Zucht beteiligen zu können, schickte man im Zoo Zürich – leider ohne Erfolg – die Elefantenkuh Thaia in die Flitterwochen nach Kopenhagen.

Erst zehn Jahre später wurde ein Bullenstall angegliedert, und im gleichen Jahr kam Bulle Maxi aus einem Zirkus in England nach Zürich. Maxis Zuhause bestand aus
zwei Wechselställen und einer separaten Aussenanlage. Elektrisch betriebene Tore ermöglichten einen sicheren Umgang mit dem Bullen, der bereits damals nicht im direkten Kontakt betreut wurde. Damit verfügte der Zoo Zürich über eine der ersten Anlagen für den «protected contact» mit Elefantenbullen. 1984 kam erstmals ein Elefant im Zoo Zürich zur Welt. Dieser Geburt folgten bis heute acht weitere.

Anfang der 90er-Jahre gab man die Kettenhaltung auf. Ketten werden heute nur noch zu Dressurzwecken eingesetzt, um die Sicherheit der Tierpfleger im freien Kontakt zu gewährleisten.

Mit den Jungtieren entstand in den letzten Jahren eine soziale Gruppe, die den Verhältnissen in der Natur immer näher kommt. Die letzten beiden Elefantengeburten fanden ohne menschliche Intervention statt. In ein paar Tagen wird auch die Elefantenkuh Indi ihr Junges ohne menschliche Hilfe im neuen Elefantenhaus zur Welt bringen. (roc)

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