«Unsere Kinder kennen weder Drogen noch Sex»

Die Zürcher Juden verurteilen die Frauenfeindlichkeit in Israel. Separate Trottoirs oder Busabteile zu fordern, sei lächerlich. Getrennte Schulklassen für Mädchen und Buben gibt es aber auch in Zürich.

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Herr Kremer, jüngst wurde in Israel ein achtjähriges Mädchen auf ihrem Schulweg angespuckt , weil sie nicht züchtig genug gekleidet war. Wie nehmen die Zürcher Juden die Konflikte zwischen säkularen Israeli und fanatischen Ultraorthodoxen wahr?
Wissen Sie, es gibt in Zürich keinen einzigen ultraorthodoxen Juden, der für die Forderungen dieser Fanatiker mehr als ein müdes Lächeln übrig hätte. Separate Trottoirs für Frauen - die Einstellung existiert hier bei uns einfach nicht. Der Fanatiker, der das Kind angegriffen hat, wird hier von allen verurteilt. Und nicht nur hier; sämtliche Rabbiner in Israel haben dies aufs Schärfste verurteilt. Aber manchmal suchen die säkularen Israeli und teilweise auch die Presse Gründe, um die Orthodoxen anzugreifen und bauschen solche Einzelfälle auf.

Bereitet Ihnen diese frauenfeindlich Entwicklung Sorgen?
Ach, das sind doch vereinzelte Spinner. Es sind nicht die Ultraorthodoxen generell, die sich dermassen radikalisieren, sondern nur ein verschwindend kleiner Teil von ihnen. Wissen Sie, ich gehöre selbst der ultraorthodoxen Gemeinde in Zürich an - aber ich trage weder Schläfenlocken noch einen schwarzen Kaftan. Man muss unterscheiden zwischen fundamentalistisch und ultraorthodox. Und auch zwischen orthodox und ultraorthodox sind die Unterschiede fliessend.

Wo ist denn da die Grenze?
Die Palette bei uns ist sehr breit. Für mich bedeutet orthodox zu sein, dass ich die jüdische Religion im Alltag praktiziere. Manche ultraorthodoxen Juden richten ihr ganzes Leben nach der Religion aus. Sie gehen nur einer Erwerbstätigkeit nach, um ihre finanzielle Existenz knapp zu sichern. Daneben gibt es auch noch die Nationalorthodoxen oder sogenannte moderne Orthodoxe. Für diese beiden Gruppen gilt weitgehend, dass sie mehr in die nichtjüdische Um- und Arbeitswelt integriert sind und oft auch optisch nicht so stark als Juden wahrgenommen werden. Für die Nationalorthodoxie ist der Staat Israel ein wichtiger Bestandteil ihrer Existenz. Einige Ultraorthodoxe glauben hingegen, dass der Staat die Ankunft des Messias vorwegnehme. In Zürich lehnen jedoch nur äusserst wenige Juden den Staat als solchen ab.

Die Proteste in Israel gehen von Frauen aus, die ihre Rechte von den ultraorthodoxen Fanatikern bedroht sehen. Welche Geschlechterrollen werden in den Schulen in Zürich vermittelt?
Frauen sind bei uns vor allem in den streng orthodoxen Kreisen, nicht gleich- aber auch nicht minder- sondern anders berechtigt. Und haben auch andere Pflichten. Daher wird bei der Erziehung von Knaben und Mädchen auf Unterschiedliches Wert gelegt. Es gibt in Zürich neben einer gemischten auch getrennte Schulen für Knaben und Mädchen. Frauen sind in dieser Kultur eher für die Kindererziehung und den Haushalt zuständig. So müssen sie zum Beispiel auch weniger beten als die Männer, weil sie neben Kindern und Haushalt gar keine Zeit dazu haben. Männer sollen die Zeit nutzen, um den Talmud zu studieren. In jungen Jahren ist es manchmal auch die Frau, die das Geld nach Hause bringt, damit der Mann sich gänzlich dem Religionsstudium widmen kann.

Tragen jüdische Privatschulen nicht dazu bei, dass sich eine Parallelgesellschaft entwickelt?
Wir sind eine Minorität. Uns ist es daher wichtig, dass wir unsere Bräuche und Sitten beibehalten. Nicht-religiöse Juden kennen ihre eigenen Wurzeln oft nach zwei oder drei Generationen nicht mehr. Privatschulen ermöglichen es uns, die Religion frühzeitig kennenzulernen und zu praktizieren. Ausserdem können sich viele Orthodoxe nicht mit der heutigen Lebensart der Umwelt identifizieren. Unsere Kinder kennen weder Drogen noch Sex. Klar haben sich die Moralvorstellungen im Laufe der Zeit verändert. Aber wir glauben, dass es wichtig ist, die Kinder von gewissen Dingen abzuhalten. Das führt nicht zu einer Parallelgesellschaft, man hat ja durchaus Kontakt zu anderen. Aber es entsteht ein eigener Freundeskreis mit einer anderen Prioritätensetzung.

Wie hat sich die jüdische Gemeinschaft in Zürich entwickelt?
In den letzten 60 Jahren ist die religiöse Gemeinde insgesamt orthodoxer geworden. Es gibt auch viele, die nach Israel auswandern, weil sie dort die Religion besser ausleben können. Ich führe das darauf zurück, dass es den Menschen seit dem letzten Weltkrieg wirtschaftlich immer besser geht und sie Zeit haben, sich mit der Religion auseinanderzusetzen. Zudem haben sie auch mehr Geld, um die Kinder in Religionsschulen und danach noch in Talmudhochschulen zu schicken. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.01.2012, 11:01 Uhr

Jonny Kremer ist Mitglied der streng orthodoxen ostjüdischen Gemeinde in Zürich und
ehrenamtlich Präsident des Vereins «Minjan Brunau», eines der grössten jüdischen Gebets- und Kulturvereine Zürichs.
Jonny Kremer bezeichnet sich selbst als modern national-orthodox. Die im Interview
wiedergegebenen Meinungen sind seine persönlichen Ansichten, die nicht zwingend
mit denen der Gemeinde oder des Vereins übereinstimmen.

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