Unter der Strasse schlummert die alte Stadtmauer

Die archäologischen Grabungen zwischen Münsterhof und Bürkliplatz zeigen, dass das Fraumünsterquartier schon sehr früh und dichter besiedelt war, als bisher angenommen.

Archäologie heisst schaufeln: Hell in der Bildmitte die Stadtmauer.

Archäologie heisst schaufeln: Hell in der Bildmitte die Stadtmauer. Bild: Sabina Bobst

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«Diese Grabung ist etwas vom härteren», meinte Dölf Wild, Leiter der Stadtarchäologie, als er gestern den Medien die laufenden Arbeiten in der Fraumünster- und der Börsenstrasse erläuterte. Hart, weil die Gräben eng sind und gespickt mit Leitungen. Gleichzeitig sind die Grabungsorte eine Baustelle, denn die Stadt erneuert zwischen Münsterhof und Bürkliplatz die 100 Jahre alten Kanäle und Werkleitungen. Die Bauarbeiten dauern noch bis Frühling 2014; die archäologischen Grabungen, die alles in allem rund drei Millionen Franken kosten, bis November 2013. Etwa 30 Frauen und Männer mit archäologischem Blick sind am Graben und Wischen – schliesslich auf 1,3 Kilometer Länge.

Als einer der bisher schönsten Funde gelten die Überreste der Stadtmauer aus dem 13. Jahrhundert in der Börsenstrasse neben der Nationalbank und in der Fraumünsterstrasse. Die Mauer aus groben Steinbrocken führte vom grossen Kratzturm zur Limmat. Der Turm stand dort, wo sich heute Bahnhof- und Börsenstrasse kreuzen. Nach 1500 wurde die Mauer abgebrochen und mit Häusern überbaut. Das Kratzquartier wurde Richtung See erweitert und vorn am Wasser mit einer neuen Stadtmauer versehen – wie auf dem Murerschen Stadtplan von 1576 ersichtlich. Um die Aufschüttung zu beschleunigen, war die Bevölkerung angehalten, ihren Abfall vor der alten Stadtmauer zu deponieren. Der gewonnene Raum diente als Steinwerkplatz; das Werkmeisterhaus von 1586 wurde 1803 Zürichs erstes Stadthaus. Darin wohnte ab 1868 Stadtschreiber Bernhard Spyri, dessen Frau Johanna dort einen Grossteil ihres «Heidi»-Romans schrieb.

Der Untergrund des Fraumünsterquartiers besteht aus einer 25 Meter dicken Kiesschicht, angeschwemmt von der Sihl, die vor Tausenden von Jahren noch vor der Einmündung in die Limmat einen Seitenarm nach rechts schickte und am Ufer des Zürichsee ein Delta bildete – die heutige City von Zürich. Dort stiftete Ludwig der Deutsche im Jahr 853 ein Kloster für seine älteste Tochter, woraus später das Fraumünster entstand. Ins Kloster eintreten durften nur Frauen aus dem Hochadel, die sich mit einer Mitgift einkaufen konnten. Wie die jüngsten archäologischen Funde zeigen, zog das Kloster weitere vermögende Leute an, die neben dem Kloster in stattlichen Häusern wohnten. Das wird von Goldfunden bestätigt, darunter eine Nadel und ein drei Zentimeter kleines Schmuckstück in Form eines Vogels. Diese Funde stammen aus der Zeitspanne zwischen 1000 und 1250.

Ofenkacheln und Flintensteine

Gleichzeitig wurden auch Überreste handwerklicher Tätigkeit gefunden, darunter überraschend viel Schlacke, was auf eine grosse Schmiede schliessen lässt. Auch Rosenkranz-Hersteller muss es gegeben haben aufgrund der gefundenen Knochenperlen. Weitere Funde aus dem Untergrund der Fraumünster-strasse sind: Römische Münzen, Keramik und Ziegel aus der Römerzeit, ein Schreibgriffel in Kupferlegierung aus dem 11./12. Jahrhundert, Knochennadeln, Tonfiguren, Ofenkacheln aus dem 15. bis 17. Jahrhundert oder Silexsteine für Flinten. Hunderte solcher Funde sind seit Anfang Jahr zusammengekommen. Sie sollen nach der Auswertung das Bild der Stadtentwicklung südlich des Fraumünsters verdeutlichen.

Das heutige Fraumünsterquartier hiess bis Ende des 19. Jahrhunderts Kratzquartier – bis es zwischen 1880 und 1900 vollständig abgebrochen wurde um Platz zu machen für den modernen Städtebau mit den Achsen Stadthausquai und Fraumünsterstrasse und so prächtigen Bauten wie Metropol oder Nationalbank. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.07.2013, 10:53 Uhr

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