Untypisch Züri

Wer wissen will, wie Zürich auch sein könnte, muss am Tag der Saisoneröffnung in die Badi. Wo man dann Leute wie Frau Hefti und Frau Stolz trifft.

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Es ist ordentlich frisch, als wir uns kurz nach halb neun Uhr morgens in Wiedikon auf die Vespa hocken. Wir, das sind die Fotografin Frau Bobst und der Berichterstatter Herr Wyss. Unsere Mission an diesem Samstagvormittag ist derart verlockend, dass wir vor dem Losfahren beinahe die Liedstrophe «Im Frühtau zu Bade wir ziehn, fallera!» angestimmt hätten (da wir nicht allzu gut singen, lassen wirs bleiben) – wir sollen nämlich auf Stippvisitentour durch Zürcher Badis, um herauszufinden, wie es da zu- und hergeht am Tage der Saisoneröffnung.

Präzis um 9.01 Uhr tuckern wir beim Freibad Allenmoos in Oerlikon ein, wo gerade zwei Angestellte im (hoffentlich prophetischen) hochsommersonnengelben Sportamttenü das Gitter zurückziehen und wo bereits drei Frauen eine Mini-Schlange bilden. Die hinteren beiden, Marianne Hefti und Béatrice Stolz, sehen wir auf der Restaurantterrasse wieder. Sie haben hier den Logenplatz: Ecktisch, Sonnenschirm und freie Sicht aufs Schwimmbecken . . . oder wie Frau Stolz lachend präzisiert: «Das ist unser persönlicher ‹Muppet Show›-Balkon: Wie die zwei alten Knacker können auch wir kaum etwas unkommentiert lassen.»

Aktuell betrifft das die Frau im grünen Badeanzug, die trotz 15 Grad Wassertemperatur stoisch ihre Bahnen zieht («Respekt, uns ist das noch zu kalt, darum waren wir heute Morgen in Seebach schwimmen, da ist das Becken geheizt»), und das Spezialjoghurt («mmh, phänomenal!»), das ihnen die Allenmoos-Gastronomin eigens zubereitet hat. Gemeinsam mit ihr, die zur Freundin geworden ist, wollen sie den Start zelebrieren – in der «schönsten Badi der Stadt», ihrer alten Heimat . . . auch wenn Hefti heute in Opfikon und Stolz in Dübendorf wohnt.

Die Angestellten schäkern mit sich selbst

Superlativ hin oder her, doch schön, das finden auch wir, ist es in dieser 1939 eröffneten Anlage würkli. Schön vor allem im kontemplativ-meditativen Sinne, was chronisch gestressten Medienschaffenden einfahren kann, wie anderen Leuten Psilo-Pilze einfahren, kurz: Plötzlich lauschen Bobst und Wyss innig beglückt der betörenden kleinen Morgenmusik aus Bassinwassergeplätscher, Piepmatzgesinge, Laubbaumgeraschel und rhythmischer Ruhe und denken, ohne es auszusprechen, dasselbe: Kann es wirklich noch schöner, noch wirklicher werden?

Diese Frage begleitet uns fortan wie eine rege geschaltete Unterbrecherwerbung; immer wieder steht sie im Raum, hängt sie in der Luft, dümpelt sie durchs Wasser. Das nächste Mal kurz nach zehn Uhr, als wir die Werdinsel in Höngg und das ebenfalls vom Sportamt betriebene Flussbad betreten.

Die Steckaschenbecher, propper wie wohl nie mehr in den kommenden Monaten, warten in entspannter Formation auf erste Raucher; Erpel und Enten erinnern an müde Filmstatisten, die einer gescheiten Regieanweisung harren; die Jungs vom Sportamt stochern gleichmütig letzten Unrat aus dem Rasen; im Café schäkern die Angestellten mangels Gästen mit sich selbst; auf dem «Riitiseili» geniesst Klein Milo das von Papa Philippes bewirkte Auf und Ab. Alle und alles so relaxt sei «untypisch für Züri», analysiert Sujetjägerin Bobst in gemütlichem Solothurner Dialekt, derweil ich ahne, dass das die sagenumwobene «unendliche Leichtigkeit des Seins» sein könnte.

Auf dem Weg zur Vespa behaupten wir uns beide ins Gewissen, die Samstagmorgen künftig regelmässig an diesem prächtigen Kraftort zu verbringen – und wissen insgeheim genau, dass diese Aussage ähnlich verlässlich ist wie ein Neujahrsvorsatz. Dann düsen wir los, Luftlinie plus/minus geradeaus, und lange Kilometer später stranden wir ... stimmt: «In der schönsten Badi der Stadt!»

Der das sagt, muss es wissen, er ist ja der «Chef», sprich Markus Mascotto, Betriebsleiter des Strandbads Tiefenbrunnen. Beschwingt plaudernd, führt er uns durch die surreal leer wirkende Anlage – an Spitzentagen sonnen sich hier 8000 Körper, am Samstag sinds 150 – und über einen Rasen mit Wimbledon-Cut, bis wir irgendwann am vorderen Ufer stehen. Mascotto zeigt aufs Panorama, das aussieht wie Hodlers «Landschaft am Genfersee», bloss krass eindrücklicher, und meint stolz wie anno dazumal Feldherr Cäsar beim Anblick seines mächtigen Heeres (so ist es, die «Asterix & Obelix»-Bände einmal ausgenommen, historisch überliefert): «Einfach fantastisch!»

Wir stimmen zu, verabschieden uns, cruisen ohne Hast ums Seebecken und geniessen um 12.15 Uhr «Zürichs besten Badi-Kaffee» (das ist ebenfalls überliefert, wenn auch nicht historisch): Yep, wir sind im Seebad Enge, das private Betreiber hat. Die Folgen: schicke Bademeister-Outfits, exquisite «Unplugged»-Konzerte, ein gewisser Szene-Appeal.

Doch beim Saisonstart ist die «Szene» absent, er wird durch andere Gäste geprägt. Durch Frank Koomen zum Beispiel, womöglich der erste Mensch, der am ersten Tag in den 16-Grad-See hüpft – und das mit «Ich war gestern an einer Party und heute Morgen sehr müde, dieser Schwumm war mein Energiestoss» erklärt. Oder durch die Londoner Adam, Chris und Daniel, die ihre Füsse auch nicht vom kühlen Nass lassen können.

Das tönt wie Jeans for Jesus

Wer schreibt den Sommerhit? Ist er gut? Wird jemand ertrinken? Falls ja, wo? Und wieso? Wie hoch wird die höchste Temperatur sein? Wie tief die tiefste? Werden viele Girls Ende Sommer einen anderen Boy an ihrer Seite haben? Was ist mit der Bademode los? Kann es wirklich noch schöner, noch wirklicher werden?

Solche Fragen gehen mir durch den Kopf, als wir zum Schluss durchs von «Oberfräägli» Max Frisch erbaute Freibad Letzigraben schlendern. Doch bevor das hier noch mehr nach einem Hit der Band Jeans for Jesus zu tönen beginnt, brechen wir ab. Ende September, nach Saisonschluss, wissen wir mehr. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 16.05.2017, 14:34 Uhr)

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