Urin und Champus

Nach der Street Parade ist vor der Street Parade. Ein nächtlicher Streifzug durch die Zürcher Clubs.

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Die Street Parade als Liebesbeziehung wäre stürmisch und wechselhaft. Zu Beginn verfallen die Protagonisten in eine Euphorie. Nach der Begeisterung folgt der tiefe Fall, der Kater nach der grossen Party. Um 23 Uhr, nach dem Ende des offiziellen Umzugs, wird der Zerfall allmählich sichtbar: entrückte Gesichter, verschmierte Schminke, geknickte Existenzen am Trottoirrand. Vor ihnen: ein Scherbenhaufen.

Die Zürcher Innenstadt ist nun das grösste Urinal der Schweiz – wie jedes Jahr. Das diesjährige Motto trifft zu: Love never ends. Die Liebe will nicht enden, sie offenbart jetzt nur ihre hässliche Seite. Um dieser zu entkommen, bleibt der Gang in die Clubs. Zu den zahlreichen After-Partys, die veranstaltet werden und teilweise noch bis Montagabend andauern. Die Tickets sind begehrt. Einlass erhält in der Regel nur, wer sich zu benehmen weiss – oder die richtigen Kontakte vorweisen kann.

Besonders streng sind die Türsteher vor dem Kaufleuten. Nur tröpfchenweise werden Anstehende hineingelassen. Die Warteschlange erstreckt sich über 100 Meter. Manche warten mehr als eine Stunde. Vorne angekommen, erhalten sie dennoch eine Abfuhr.

Best of Street Parade 2017: Die Bilder der grössten Tanzparty der Schweiz (Video: TA)

Aus dem Innern wummert der Bass. Es ist ein Monster, von dem diese Klänge stammen: KV2 Audio System. Die Soundanlage eines tschechischen Herstellers, die eine Woche vor der Street Parade im Kaufleuten installiert wurde. Gemäss Clubteilhaber Mark Röthlin ist es «die beste und leistungsfähigste Soundanlage der Welt». Wer sich direkt vor sie stellt, riskiert Schlimmeres.

Zum Beispiel Jamie, wenige Zentimeter vor der Box, ein massiger Dunkelhäutiger, dessen Gesicht im Takt der Musik vibriert. «Das ist so geil», ruft Jamie seinem Kumpel zu. Zehn Minuten später, draussen vor der Tür, sagt er: «Der Tinnitus morgen ist fix, so viel steht fest.» Doch er findet Trost. Jamie greift sich eine Flasche teuren Champagners, der in einem Behälter mit Eiswürfel bereitsteht: Dom Perignon.

Raum ist Mangelware

Einige der berüchtigsten Afterpartys finden in Zürich-West statt. Am Tag war das Quartier wie leer gefegt. Nun strömen die Technofans ins ehemalige Industrieareal. Es ist zwei Uhr morgens, Supermarket. Der Club im roten Backsteingebäude hält sich seit fast 20 Jahren, seine Partys gehören quasi zum Inventar der Parade.

Die Einlasskriterien sind bedeutend weniger streng als im Kaufleuten. Das macht sich im Innern bemerkbar. Eine Besucherin stürmt ins Freie. «Viel zu eng», sagt sie. Anderen kann es nicht eng genug sein. Etwa dem 28-jährigen Brasilianer Leandro, der extra für die Street Parade für zwei Tage in die Schweiz gekommen ist. «Die Schweizer sind das netteste Volk der Welt, Zürich ist der schönste Ort der Welt!» Solch liebestrunkene Erklärungen sind an diesem Abend einige zu hören. Die Beats, die bunten Kostüme, die enthemmten Leute entwickeln einen Sog, dem sich kaum einer entziehen kann. Wer es nicht schafft, sich zu begeistern, hilft mit Pillen nach.

Manchmal kippt die Euphorie ins Aggressive. Zwei junge Frauen, ein Handgemenge. Der Türsteher geht dazwischen. Offenbar hat sich die eine etwas zu gut mit dem Freund der anderen verstanden – beide fliegen aus dem Club. Der Mann bleibt und tanzt weiter.

Der Supermarket unterscheidet sich grundlegend vom Kaufleuten: weniger professionell, etwas nahbarer. Die DJs verteilen dem Publikum Handschläge, während sie im Kaufleuten auf einem Podest thronen. Das Publikum ist jünger, ausländischer, enthemmter. Es wird viel gesprochen und angebandelt. Der Tanz wird zur Nebensache.

Nebenan im Hive: In wohl keinem anderen Zürcher Club geniesst Techno einen derart hohen Stellenwert. Wer bisher vergeblich nach der Faszination von Techno suchte, könnte hier fündig werden. Drei Floors, auf allen wird getanzt. Das Publikum feiert die DJs wie Rockstars. Einer schreit seinem Freund zu: «God is a DJ». Antwort: «Love never ends!» Es ist sechs Uhr. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.08.2017, 15:20 Uhr

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