VBZ lässt keine Dicken ans Steuer

Die Verkehrsbetriebe Zürich laden nur Tramfahrer an Bewerbungsgespräche ein, die ein bestimmtes Gewicht nicht überschreiten.

Chancenlos: Wer einen BMI über 30 hat, darf in Zürich nicht im Führerstand eines Trams arbeiten.

Chancenlos: Wer einen BMI über 30 hat, darf in Zürich nicht im Führerstand eines Trams arbeiten. Bild: Thomas Burla

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Den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ) fehlen Tramführer. Im Jobprofil verlangt das städtische Unternehmen von seinen künftigen Mitarbeitern neben Zuverlässigkeit, Vertrauenswürdigkeit, Spass an der Arbeit und Erfahrung auch Gesundheit. Unter diesen Punkt fällt bei den VBZ auch Übergewicht. Im auszufüllenden Bewerbungsbogen müssen Interessenten denn auch Körpergrösse und Gewicht angeben, denn wer zu schwer ist, kommt nicht infrage.

Das Bundesamt für Verkehr (BAV) setzte 2008 Richtlinien fest, in denen es aus medizinischen Gründen eine Gewichtsgrenze für Lok- und Tramführer verankerte. «Überschreitet ein Bewerber diese Grenze, erfüllt er einen von 17 Ablehnungsgründen, welche der Bund festgelegt hat», sagt Andreas Windlinger, Mediensprecher des BAV. Darunter fällt beispielsweise auch Alkoholmissbrauch oder insulinpflichtige Diabetes. Personen, deren Body-Mass-Index (BMI) höher ist als 35, dürfen nicht als Tram- oder Lokchauffeure angestellt werden. Dieser Index bestimmt das Idealgewicht eines Menschen relativ zu seiner Grösse.

Grund für diese BMI-Grenze sei, dass stark übergewichtige Menschen zu Tagesschläfrigkeit neigten, was ein Sicherheitsrisiko für die Passagiere bedeute, sagt Windlinger. «Wer diese Limite während des Anstellungsverhältnisses überschreitet, verliert aber deswegen nicht gleich seinen Job.» Das Gewicht müsse aber bei periodischen medizinischen Untersuchungen der Tramfahrer überprüft werden.

Anfänger nehmen zu

In seiner jüngsten Ausgabe schreibt «Der Landbote», dass die VBZ einen deutlich tieferen BMI verlangen als das BAV. Für die VBZ kommen nur Bewerber infrage, deren BMI kleiner ist als 30. laut Jörg Buckmann, Personalchef der VBZ, handle es sich um eine Vorsichtsmassnahme, die mit der Gewichtszunahme neuer Tramführer zusammenhänge. Die Anfänger würden in den ersten Monaten zunehmen, weil sie sich die Schichtarbeit und die damit verbundenen unregelmässigen Essenszeiten nicht gewohnt seien. Auch wenn dies nicht für alle Novizen gelte, nehme die VBZ in Kauf, dass ihnen ein tauglicher Bewerber durch die Regelung entgehe. Gemäss Buckmann kommunizierten die Betriebe offen, falls ein Bewerber zu dick sei.

Ernst Danner, Jurist und während zehn Jahren Chef der Personalrechtsabteilung beim Kanton Zürich, hält die Vorsichtsmassnahme für fragwürdig. Die Verkehrsbetriebe müssten gut begründen können, warum sie einen übergewichtigen Bewerber nicht berücksichtigen, sagt er gegenüber dem «Landboten». Weiter lässt sich Adrian von Kaenel, Anwalt für Arbeits- und Personalrecht, zitieren. Er sagt, dass eine Abweisung wegen Übergewicht nur dann zulässig sei, wenn der Betrieb nachweisen könne, dass der Anwärter aufgrund seiner Körperfülle nicht arbeitstauglich sei.

BMI genügt nicht als Beschlussgrundlage

Darüber gebe der BMI aber gemäss Kaspar Berneis, leitender Arzt für Klinische Ernährung am Universitätsspital Zürich, nicht abschliessend Auskunft. Ein Mensch mit einem BMI 30 könne durchaus gesund und fit sein, sofern er einen gesunden Lebensstil pflege und körperlich und geistig aktiv sei. Er findet einem Urteil, ob sich jemand als Tramführer eignet oder nicht, sollte eine sachgemässe und professionelle Beurteilung vorausgehen.

Während sich der zuständige Stadtrat Andres Türler nicht zu den restriktiveren Vorgaben der VBZ äussern will, ist man bei den Personalverbänden empört. Duri Beer vom Verband des Personals Öffentlicher Dienste (VPOD) spricht von Diskriminierung. (pia)

Erstellt: 05.10.2011, 11:33 Uhr

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