«Vätern fehlt das Urvertrauen»

Die Stiftung Fondation M will das erste Väterzentrum der Schweiz gründen. Stiftungsratmitglied Oliver Hunziker über Papas, die ihr Bestes geben, aber in ihrem Muster gefangen sind.

Oliver Hunziker von der Fondation M will einen Ort der Vertrautheit schaffen, wo sich Väter wohlfühlen. Foto: Reto Oeschger

Oliver Hunziker von der Fondation M will einen Ort der Vertrautheit schaffen, wo sich Väter wohlfühlen. Foto: Reto Oeschger

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Die Stiftung Fondation M, bei der Oliver Hunziker Stiftungsratmitglied ist, will das erste Väterzentrum der Schweiz gründen – am liebsten in Zürich. Es brauche ein Angebot, das Väter direkt anspreche und in ihrem Anliegen bestärke.

Die Stiftung Fondation M will das erste Väterzentrum der Schweiz lancieren, den Papa­laden. Ist das nötig?
Männer müssen anders angesprochen werden als Frauen. Sie brauchen einen anderen Rahmen, um sich zu öffnen und über sich zu reden. Wenn sie als Väter nur «mitgemeint» sind, reicht das einfach nicht.

Wie «mitgemeint»?
Das heisst, dass Väter auch in die Familienberatung mitgehen können, aber das sieht dann so aus, dass ein Vater als einziger Mann unter 20 Müttern in einem rosa Plüsch-Setting sitzt und sich denkt: Was mache ich hier?

Sie übertreiben. In der ­städtischen Elternberatung führt man Einzelgespräche, wo man sich nicht exponiert.
Ich formuliere bewusst überspitzt, aber das Angebot für Väter muss spezifischer sein. Bloss dabeizusein, ist etwas anderes, als gezielt angesprochen zu werden. Wir wollen auch Gruppengespräche anbieten.

Welche spezifisch männlichen Bedürfnisse meinen Sie?
Meine 15-jährige Erfahrung mit getrennten und geschiedenen Männern zeigt, dass es ihnen schwerfällt, vor Frauen über ihre Schwächen zu sprechen.

Und vor anderen Männern ist diese Scham kleiner?
Wenn Alphamänner dabei sind, kann das für gewisse Männer auch ein Problem sein. Sie gehen unter, verstummen irgendwann. Allerdings wären die Alpha­männer in einem Angebot, wie es uns vorschwebt, ohnehin nicht anwesend – die denken ja, keine Unterstützung zu benötigen.

Aber sind die Sorgen, die ein Vater hat, so anders?
Ein blödes, aber eindeutiges Beispiel: Männer machen sich nicht die gleichen Gedanken über Stillbeschwerden. Aber vielleicht fragen sie sich öfter, ob sie mit ihrem Kind richtig umgehen, und fühlen Hemmungen, ihre Tochter zu wickeln. Den Vätern fehlt dieses Urvertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Es wird ihnen ja auch nicht gegeben.

Wer gibt es ihnen nicht?
Wir alle. Wir gehen davon aus, dass es Frauen mit einem Kind schon richtig machen, auch wenn es ihr erstes ist. Wenn ein Kind auf die Welt kommt, wissen die Frauen aber auch nicht mehr. Trotzdem nehmen wir es an.

Die Väter selber auch.
Genau, es fängt beim Einzelnen an und setzt sich in der Gesellschaft fort. Darum ist es wichtig, dass Väter unter sich sind und ihre Erfahrungen austauschen.

Weil sie der Frau sonst sofort mehr Kompetenz zusprechen?
Ja. Das kann man beobachten, wenn auf dem Spielplatz ein Kind schreit. Viele denken dann: Die Mutter soll sich darum ­kümmern, sie kann es besser. Oder beim Einkaufen: Ein Vater streckt sich nach dem Regal, das Kind weint. Wie er sich umdreht, steht bereits eine fremde Frau bei seinem Kind. Das ist doch grotesk. Väter kämpfen mit ­solchen gesellschaftlichen Vorstellungen.

«Unser Ziel ist es, Männer so früh wie möglich abzuholen und nicht erst, wenn es schwierig wird.»

Ein Widerspruch, da man sich heutzutage doch präsente Väter wünscht.
Es wäre zu hoffen, dass es irgendwann normal ist, wenn Väter allein mit ihrem Kind unterwegs sind. Bis dahin brauchen sie einen Raum, wo sie von anderen Vätern hören, dass sie mit denselben Fragen kämpfen.

Einen Treffpunkt für Väter namens Papaladen also – und bloss keine Beratungsstelle.
Das funktioniert ja nicht, Männer in einer Krise mit einer Selbsthilfegruppe erreichen zu wollen. Die machen sofort zu und denken, es allein lösen zu müssen. Der Papaladen soll ein Ort der Vertrautheit sein, wo sich Männer wohlfühlen und mit ihrem Kind hingehen. Im Hintergrund arbeitet ein Beratungsteam, das weiterhilft, sobald Probleme auftauchen. Unser Ziel ist es, Männer so früh wie möglich abzuholen und nicht erst, wenn es schwierig wird und vielleicht schon zu spät ist.

Sie sagten, Männer seien in der Familienberatung oft in der Minderheit. Vielleicht besteht gar keine Nachfrage?
Das wäre die klassische Erklärung, die nur das Klischee bedient, Männer bräuchten keine Hilfe. Den modernen Vater gibt es aber, und der will, dass sich die gesellschaftlichen Strukturen ändern. Mit dem Väterzentrum wollen wir die Väter und ihre Anliegen sichtbarer machen. Ich glaube, dass ein Angebot, das Väter direkt anspricht, auf mehr Interesse stösst.

In Ihrer Wunschstadt Zürich vielleicht. Aber andernorts?
Wir möchten jene Väter erreichen, die ihr Bestes geben, aber noch in ihrem Muster gefangen sind – die wollen, aber nicht genau wissen, wie. In Zürich-West oder im Seefeld gibt es wohl mehr Väter, die dafür empfänglich sind, als in ländlichen ­Regionen. In einer Stadt wie ­Zürich ist das Einzugsgebiet grösser, die Strukturen wären gegeben. Für unser Projekt wäre Zürich ein toller Standort.

Mit dem Papaladen wollen Sie die Gleichstellung fördern. Echte Gleichstellung wäre aber, beide Elternteile anzusprechen. Warum reden Väter nicht einfach mit den Müttern?
Gegenfrage: Warum gibt es so viele Beratungsangebote für Frauen? Können die nicht mit ihrem Partner reden? Klar sollen die Eltern vieles gemeinsam machen: die Geburtsvorbereitungskurse etwa, zu denen man die Väter ruhig auch zwingen darf. Aber es soll kein Zwang sein, immer alles gemeinsam anzugehen. Es ist doch in Ordnung, wenn es unterschiedliche Angebote für die Geschlechter gibt. Das stärkt auch das Selbstvertrauen.

Einst beanstandeten Sie ein allgemeines «reflexartiges Frauen zuerst». Sind nun also die Männer an der Reihe?
Das klingt jetzt etwas gehässig. Es ist schlicht nötig, etwas auszubauen, was bisher nur ein­seitig vorhanden war. Gleich­stellung bedeutet, für beide ­Geschlechter die gleichen Möglichkeiten zu schaffen. Väter sind gesellschaftlich marginalisiert: Es gibt keinen Vaterschaftsurlaub, keine Elternzeit. Es braucht Angebote, die Männer in ihren Anliegen bestärken.

Welches ist das wichtigste?
Die Work-Family-Balance. Jeden Morgen die Familie zu verlassen, ist mit vielen Fragen verbunden. Wie schafft man es, trotzdem die Kinder zu erleben? Der Anteil der alleinverdienenden Männer ist mit über 85 Prozent sehr hoch. Die Rolle des Ernährers ist immer noch Realität, und es ist nicht in jedem Fall so, dass der Mann «es so wollte».

Wie kann man das verbessern?
Das ist der Punkt, an dem wir ­gerade stehen. Die finanzielle Verantwortung für die Familie zu tragen, hat etwas Heroisches. Es bedeutet Prestige, Macht – bis zur Trennung. Dann merken die Väter schnell, auf was sie alles verzichten müssen. Frauen sollten weiterhin arbeiten, auch wenn sie meinen, es lohne sich finanziell nicht. Es lohnt sich immer, weil es darum geht, auf dem Arbeitsmarkt zu bleiben. Sobald die Mutter arbeitet, kann der Vater reduzieren und die Betreuung übernehmen. Die Männer müssen sich jetzt auf den Weg machen, auf dem die Frauen schon seit bald 30 Jahren sind.

Die Männer müssen aufholen?
Sie sind mit einem langen Anforderungskatalog konfrontiert. Dass mancher Vater denkt, er müsse sich im Unterschied zur Mutter als guter Papa erst noch beweisen, ist verständlich.

Im Arbeitsleben ist es ­umgekehrt: Männer können es, Frauen müssen es erst noch beweisen.
Ja. In beiden Bereichen braucht es noch mehr Vorbilder.

Erstellt: 05.02.2019, 08:42 Uhr

Städtisches Angebot

Mütter und Väter finden in der Stadt Zürich zahlreiche Familien- und Elternberatungsangebote – in jedem Quartier. Bei Bedarf kommen die Beraterinnen auch daheim vorbei. Auf www.stadt-zuerich.ch/mvb bieten die Sozialen Dienste der Stadt Zürich einen Überblick. Beratungen bieten zudem die Caritas Zürich an, die Beratungsstelle Pinocchio oder die Zentralstelle für Ehe- und Familienberatung. (slm)

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Pilotprojekt für zwei Jahre

Die Fondation M hat soeben das 2-jährige Pilotprojekt Väterzentrum lanciert und ist zurzeit auf der Suche nach einem Standort. Dafür hat die Stiftung im vergangenen Dezember rund 60 Gemeinden und Städte angeschrieben. Budgetiert sind 300 000 Franken, an denen sich Standort-Gemeinde oder -Stadt hälftig beteiligen soll. Die Fondation M wurde 2016 in Zürich gegründet und engagiert sich für Chancengleichheit - mit Schwerpunkt auf Buben, Männer und Väter.
Der Zürcher Oliver Hunziker, 52, arbeitet als Informatiker und ist Mitglied des Stiftungsrates von Fondation M. Der Vater zweier erwachsener Söhne ist seit 15 Jahren Präsident des Vereins elterliche Verantwortung (VeV), wo Mütter und Väter bei Trennung und Scheidung beraten werden. (slm)

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