Velo-Umfrage: Wo es in Zürich gefährlich ist

Eine Umfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigt, dass in Zürich sehr viel mehr Unfälle mit Velos geschehen, als die Statistiken belegen. Die Stadt geht nun neue Wege, um des Problems Herr zu werden.

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Die Kampagne der Jungen Grünen sorgte für Aufsehen: Anfang Juli stellten sie an 16 Orten der Stadt Zürich weiss getünchte Velos mit Grabkerzen auf. Die sogenannten Ghost Bikes sollen als Mahnmal für die vielen Unfallopfer verstanden werden, die gemäss Statistiken an diesen Stellen mit dem Fahrrad verunglückt sind.

Tagesanzeiger.ch/Newsnet nahm die Aktion zum Anlass, um die Leserinnen und Leser zu ihren Erfahrungen punkto Sicherheitsempfinden auf dem Velo zu befragen. 1517 Personen haben an der Umfrage teilgenommen – die Mehrheit von ihnen (65 Prozent) fühlt sich auf dem Fahrrad im Zürcher Strassenverkehr oft unsicher.

Bellevue und Langstrasse besonders heikel

Auch in den weiteren Umfragepunkten schneidet die Stadt Zürich schlecht ab. So sind lediglich 41 Prozent der Befragten der Meinung, dass die Velostreifen und -wege gut gekennzeichnet sind. Über 80 Prozent finden, dass es generell zu wenig Fahrradwege in der Stadt gibt. Auch Abstellplätze für die Räder sind gemäss 63 Prozent der Umfrageteilnehmer zu wenig vorhanden. Es erstaunt also kaum, dass nur gerade 9 Prozent die Verkehrssituation für Velofahrer in Zürich als «sehr gut» bezeichnen.

Weitaus erstaunlicher ist, dass 13 Prozent der Befragten selbst in einen Unfall an einer der 16 Stellen verwickelt waren, die von den Jungen Grünen als besonders gefährlich taxiert wurden. Besonders häufig kam es beim Bellevue zu Zwischenfällen mit dem Fahrrad. So beschreibt ein Leser einen Unfall, bei dem ihn ein Auto beinahe rammte. Er sei in die Büsche ausgewichen und vom Rad gestürzt. Stark verletzt habe er sich nicht, trotzdem habe er aufgeschürfte Knie und Hände sowie Prellungen davongetragen.

Auch die Langstrasse wird aussergewöhnlich oft als Unfallort genannt. Hier kommt es gemäss Schilderungen der Umfrageteilnehmer vor allem wegen der engen Platzverhältnisse und der Unaufmerksamkeit der Autolenker zu Kollisionen. «Ich wurde vom Fahrer beim Abbiegen übersehen. Beim Ausweichen bin ich über den Bordstein gestürzt. Das Auto ist normal weitergefahren», berichtet ein Leser. Ein anderer wurde sogar von einem Fahrzeug leicht angefahren, es sei jedoch «zum guten Glück nichts Gröberes passiert».

Studie soll Licht in die Dunkelziffer bringen

Die Angaben in der Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Umfrage bringen ein Problem zutage, das die Verbesserung der Verkehrssicherheit für Velofahrer in Zürich erheblich erschwert: die grosse Zahl der Beinaheunfälle, die in keiner Statistik erfasst sind. Wie oft und wo es in der Stadt zu solchen Kollisionen oder Unfällen kommt, bei denen sich Radfahrer nur leicht verletzen und keine Rettungskräfte hinzugezogen werden müssen, und warum es zu diesen Vorfällen kommt, ist nicht bekannt.

Die Stadt Zürich hat deshalb vor rund einem Monat gemeinsam mit der Universität Zürich eine eigene Umfrage lanciert. Die Studie mit dem Titel «Veloinfrastruktur und Velounfallrisiko Studie» (Vivus) richtet sich an Velofahrer, welche in den letzten drei Jahren einen Unfall oder einen Beinaheunfall in Zürich hatten. «Sie können uns in einem Onlinefragebogen angeben, wo das geschehen ist und auf welcher Strecke sie damals unterwegs waren. Das Ausfüllen des Fragebogens dauert etwa 15 Minuten», erklärt Thomas Götschi vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin, der die Umfrage betreut.

Bisher wurde kaum untersucht, welche Infrastrukturen Velofahrern mehr Sicherheit bieten und welche Massnahmen die Unfallzahlen effektiv reduzieren. Zwar existieren Velounfallstatistiken, daraus ist aber nicht ersichtlich, wie hoch das Unfallrisiko pro gefahrenen Kilometer ist oder für wen an welcher Stelle das Risiko besonders hoch ist. Diese Lücke soll mit der Umfrage geschlossen werden. Es wird unter anderem untersucht, ob beispielsweise eine Strasse mit Velostreifen tatsächlich sicherer ist als eine ohne oder ob Mischverkehr ein höheres Unfallrisiko birgt. «Kurz: Wir versuchen, das Unfallrisiko auf unterschiedlichen Infrastrukturen zu quantifizieren», fasst Götschi zusammen.

Erste Resultate im Herbst 2013

Die erhobenen Daten fliessen laufend in die Auswertung ein. «Nachdem uns Teilnehmer Unfallstandorte mitgeteilt haben, sehen wir uns die Situation vor Ort genau an. Mittels Vergleichen mit Kontrollstandorten wird der Einfluss aller Infrastrukturen analysiert», so Götschi. 118 Personen haben bis zum jetzigen Zeitpunkt an der Umfrage teilgenommen. Erste Resultate werden im Rahmen einer Masterarbeit im Herbst präsentiert.

Eine Weiterführung von Vivus ist bereits geplant, aber noch nicht finanziert. In einer weiteren Studie, die Ende Jahr gestartet und über vier Jahre laufen wird, will die Universität Zürich zudem Studienteilnehmer für wesentlich detailliertere Erhebungen ihres Verkehrsverhalten rekrutieren.

«Das Sicherheitsempfinden ist eine zentrale Grösse in der Veloförderung und ein wesentlicher Grund dafür, ob jemand das Fahrrad nutzt oder nicht», so Götschi. Deshalb seien diese Untersuchungen in Zusammenarbeit mit der Stadt Zürich lanciert worden. Das Projekt wird im Rahmen des Programms «Stadtverkehr 2025» unterstützt, das den Ausbau des öffentlichen Verkehrs sowie Verbesserungen für den Fuss- und Veloverkehr zum Ziel hat.

Erstellt: 24.07.2013, 11:39 Uhr

Unsicheres Gefühl: 65 Prozent fühlen sich auf dem Fahrrad unwohl im Strassenverkehr.

Kaum zu sehen: Nur 41 Prozent sind der Meinung, dass Velowege gut gekennzeichnet sind.

Nicht ausreichend: 81 Prozent der Befragten finden, dass es zu wenig Velowege/Velostreifen gibt.

Mehr Abstellplätze bitte: 63 Prozent genügen die vorhandenen Veloparkplätze der Stadt nicht.

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