Viele in der Zürcher SVP haben genug von Blocher und Mörgeli

In der SVP rumort es. Auch vor der gestrigen Delegiertenversammlung, an der Christoph Blocher erneut nominiert wurde.

«Geht mit seinem ewigen Gepolter vielen in der SVP auf die Nerven»: Christoph Blocher.

«Geht mit seinem ewigen Gepolter vielen in der SVP auf die Nerven»: Christoph Blocher. Bild: Reuters

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In der Zürcher SVP waren die Mitglieder schon glücklicher. Der Verlust von 4,3 Wählerprozenten schlägt auf die Moral – und vor allem auch auf die Einigkeit in der Partei. Dass die 35-jährige Natalie Rickli Übervater Christoph Blocher vom 7. Platz aus überholt und distanziert hat, wirkt in der Partei wie ein Fanal. Zudem wurden alte «Schlachtrösser» wie Toni Bortoluzzi, Max Binder, Hans Fehr, Ulrich Schlüer und Ernst Schibli zurückgestuft oder gar abgewählt. Jüngere hingegen machten Boden gut: Gregor Rutz, Thomas Matter oder Hans-Ueli Vogt. Nur die 25-jährige Anita Borer wurde brutal durchgereicht.

Auffallend am internen Streit: Niemand hat den Mut, öffentlich hinzustehen. Viele fürchten – oder haben schon die Erfahrung gemacht –, dass sie intern abgekanzelt werden. Einzig Roberto Martullo, Blochers Schwiegersohn, wagte Kritik an den Sesselklebern. Trotzdem wurde die Rentner-Liste im Mai diskussionslos durchgewinkt.

Nur eine SVP-Frau hat Mut

«Bei uns in der Partei wird nicht mehr gekämpft und diskutiert, da wird bloss noch abgenickt oder einstimmig Parolen gefasst», sagt ein Kantonsrat. Auch er will anonym bleiben – in vier Jahren sind wieder Wahlen, da will keiner auf die schwarze Liste der Motzer. Die Einzige, die hinsteht, ist die letztjährige Bülacher Gemeinderatspräsidentin Andrea Spycher (39). «Ich habe Blocher weder in den Nationalrat noch in den Ständerat gewählt», sagt sie. «Blocher geht mit seinem ewigen Gepolter vielen in der SVP auf den Nerv.» Spycher hatte sogar den Mut, ihre Meinung in der «DOK»-Sendung des Schweizer Fernsehens zu sagen, die morgen ausgestrahlt wird. «Wenn sich niemand mehr getraut zu kritisieren, bringt das die SVP nicht weiter.»

Tatsächlich machen viele die Faust im Sack. Bei den meisten richtet sich der Frust gegen Christoph Blocher und auch stark gegen dessen Stellvertreter Christoph Mörgeli. Dieser habe bei der Listengestaltung das Sagen gehabt und trage die Hauptschuld, dass die junge Anita Borer verheizt wurde. «Viele wetzen schon die Messer gegen Mörgeli für den Tag, an dem Blocher nicht mehr da ist», sagt ein langjähriger SVP-Politiker.

Banker und Quereinsteiger Thomas Matter, der von Listenplatz 25 auf Platz 14 vorgerückt war, mochte nicht in den Chor der Kritiker einstimmen: «Christoph Blocher ist eine gute Wahllokomotive, und die Findungskommission hat sich bei der Listengestaltung an die Regeln gehalten.» Er hofft, dass die SVP jetzt keine Konzessionen macht: «Die SVP wurde nur so stark, weil sie keine Wischiwaschi-Partei ist.» Stadtparteipräsident Roger Liebi wollte ebenfalls keine Kritik üben, obwohl er sich bessere Plätze für die Städter gewünscht hätte. Zur Kritik der Berner SVP-Mitglieder Rudolf Joder und Hansruedi Wandfluh am Stil der Partei meinte Liebi: «Diese beiden sollen erst zu Hause zum Rechten sehen, bevor sie grosse Töne spucken.»

An der gestrigen Delegiertenversammlung in Hombrechtikon spielte Parteipräsident Alfred Heer die Niederlage herunter. Es sei übertrieben, von einer Wahlschlappe zu sprechen. Der Verlust eines Nationalratssitzes im Kanton Zürich sei zwar «nicht erfreulich, aber keine Katastrophe». Die Schuld an der Niederlage gab Heer in erster Linie den Medien, insbesondere dem «Staatsfernsehen mit Herrn de Weck».

«Blocher wirds schwer haben»

Auf die umstrittene Listengestaltung ging Heer nicht ein, Selbstkritik übte er kaum. Er kündigte aber eine Analyse in der Wahlkommission an. Er habe viele Ratschläge bekommen, was man besser machen müsste, aber: «Es gibt keine schlüssige Antwort auf die Frage, warum wir nicht gewonnen haben.»

Bei den Ständeratswahlen hat die Parteileitung geprüft, Kandidat Blocher zurückzuziehen oder auszuwechseln. Beides ist laut Alfred Heer verworfen worden. Blocher werde es zwar im zweiten Wahlgang schwer haben, doch chancenlos sei er nicht. «Die Linke ist nervös.» Anders sei es nicht zu erklären, dass die Grünen ihre «Erzfeindin» Verena Diener nun offiziell unterstützten. Am Ende nominierte die Versammlung wie beantragt Christoph Blocher – mit 239:1 Stimmen bei 2 Enthaltungen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.10.2011, 07:07 Uhr

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