«Viele junge Kreative schämen sich»

Soeben haben über hundert Designer an der Kunsthochschule ihr Diplom erhalten. Viele wissen aber nicht, wie sie nun zu einem angemessenen Lohn kommen. Das will Myriam Marti ändern.

Kennt die Mühen des Berufseinstiegs nur zu gut: Designerin Myriam Marti.

Kennt die Mühen des Berufseinstiegs nur zu gut: Designerin Myriam Marti. Bild: Doris Fanconi

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Myriam Marti, warum ist es so schwer, als Jungdesigner Fuss zu fassen?
Die meisten haben nach dem Studium keine Ahnung, wie viel sie wert sind. So ging es mir auch. An der ZHDK wurden wir auf diese Fragen nicht vorbereitet: Es gab kein Modul, in dem wir lernten, wie man als selbstständig Erwerbende etwa einen Kostenvoranschlag macht. Ich wusste nicht, was ich für die Stunden verlangen darf, in denen ich zwar Konzepte erstelle, aber nichts Handfestes produziere. Da man generell nicht über Löhne spricht, haben wir keinen Vergleich und verkaufen uns unter Wert.

Der Lohn ist auch in der Kreativszene tabu?
Ja. Viele junge Kreative schämen sich, weil sie ihre Arbeit zu lächerlichen Preisen anbieten – aus Angst, den Auftrag nicht zu bekommen. Als ein Kollege und ich mit Kunden ein Meeting führten, hätten wir eigentlich 100 Franken pro Person verlangt. Der Auftraggeber sagte, das sei für eine Stunde reden zu teuer. Wir reduzierten auf 50 Franken.

Sie haben sich nicht gewehrt?
Es war unser erster Auftrag, wir wurden unsicher und fragten uns, ob wir übertriebene Vorstellungen haben. Wenn jemand sagt, dass er gerne so viel zahlen würde, aber leider vom Budget her nicht kann, dann geht man einen Kompromiss ein. Start-ups zahlen oft keine fixen Stundenlöhne, weil sie selbst kein Geld haben, und stellen stattdessen eine Beteiligung am Gewinn in Aussicht.

Davon kann man aber nicht leben.
Die meisten von uns arbeiten nur nebenbei als Designer und verdienen Geld in einem anderen Beruf. Das ist das Hauptproblem unserer Branche: dass wir Design als Hobby betreiben und Aufträge aus Freude annehmen, obwohl wir wenig Geld bekommen. Wir kalkulieren den Aufwand und die Kosten oft auch falsch.

Dies wollen Sie mit Ihrer Plattform Moneynotlove.ch ändern?
Genau. Meine Kollege Nando Schmidlin und ich rechnen vor, warum Designer anfangs den Minimalbetrag von 100 Franken pro Stunde verlangen sollten. Man vergisst die Abzüge für Sozialleistungen, Ateliermiete, Programme und Material: Am Ende bleiben nur noch 45 Franken übrig. Zu wissen, was ein branchenüblicher Lohn ist, stärkt jungen Designern bei der nächsten Lohnverhandlung den Rücken.

Dahinter steckt ein solidarischer Gedanke. Sind Nachwuchsdesigner nicht auch Konkurrenten?
Jedes Jahr schliessen etwa 100 Designer den Bachelor in Zürich ab, in meinem Studiengang Industriedesign waren wir 20. Wir sind befreundet. Während der Diplomarbeitsphase war die Stimmung aber angespannt: Wir fühlten uns voneinander bedroht, manche dachten, man wolle ihre Ideen klauen. Nach dem Abschluss vor zwei Jahren hatten wir den Druck, sofort eine Anstellung zu finden, und schämten uns, wenn wir wieder nur eine temporäre Stelle oder ein schlecht bezahltes Praktikum ergatterten. Und im Nacken spürten wir den nachfolgenden Jahrgang.

Wie konnten Sie sich von diesen Ängsten lösen?
Indem ich meine Nische fand. Ich interessiere mich für die Schnittstelle von Architektur und Design und habe in diesem Bereich verschiedene Praktika gemacht. Wenn jeder in seinem Spezialgebiet arbeitet, fällt es auch leichter, offen über Probleme zu reden: Der Vergleich mit den anderen ist nicht mehr möglich.

Während eines Jahres waren Sie Teilzeit-Selbstständige. Ihre Erfahrung?
Es war stressig, weil ich meinen Geldjob und meine Projekte ständig koordinieren musste und das Gefühl hatte, mich nirgends richtig reinhängen zu können. Immer dachte ich, dass ich meine Möglichkeiten nicht voll ausgeschöpft hätte. Ausserdem war es wenig lukrativ und ernüchternd: In diesem Jahr verdiente ich mit meinen Projekten total 7000 Franken, umgerechnet weniger als 30 Franken pro Stunde. Jetzt muss ich etwas durchatmen. Seit ich eine Vollzeitstelle in einem Zürcher Architekturbüro habe, fällt es mir leichter, abends abzuschalten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.06.2015, 11:14 Uhr

Starthilfe für Kreative

Money not Love

Mit der Website Moneynotlove.ch wollen Myriam Marti und Nando Schmidlin den Designern zu dem Lohn verhelfen, den sie auch wirklich verdienen. Zum Vergleich listen sie auf, wie der Stundenansatz in anderen Branchen aussieht: Hilfsmaler verrechnen 83 Franken in der Stunde, Automechaniker 128 und Architekten gar 132 Franken. Auf der Plattform findet man zudem Informationen rund um Versicherungen, Rechnungen und Verträge sowie Links zu Schweizer Dienstleistern, Materialanbietern und Designwettbewerben.
www.moneynotlove.ch

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