«Vier Haare für ein Halleluja»

Eva Grdjic geht in den Ruhestand. Ihre Schöpfer Claude Jaermann und Felix Schaad erzählen, was die drei zusammen durchgemacht haben.

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Irgendetwas stimmt mit dem Tagi nicht. Heute nicht – und ab dem 3. Januar noch viel weniger. Nimmt Eva heute mehr Platz ein, als ihr eigentlich zusteht, verschwindet sie mit dem Jahreswechsel ganz vor der Bildfläche. Eva Grdjic, die berühmteste Kassiererin der Stadt, die Alltagsheldin der Zeitungslandschaft schlechthin, die Heldin «von helvetischem Format» («Migros-Magazin»), geht Ende 2017 in Pension. Nach 17 Jahren und mehr als 5000 Geschichten – einfach so adieu. Einfach so?

Verantwortlich dafür sind Evas Schöpfer: Texter Claude Jaermann und Zeichner Felix Schaad haben beschlossen, dass Evas nächster Lebensabschnitt abseits der Öffentlichkeit stattfinden soll. Eva wird dadurch noch mehr wie Superwoman: In der Stadt werden weiterhin Wunder geschehen – nur weiss niemand mehr, wer dafür verantwortlich ist. Der Name Eva Grdjic wird fallen, Gewissheit wird es nie geben.

In einer Todesanzeige las ich ­einmal: «Man sieht die Sonne ­untergehen, und doch ­erschrickt man, wenn es dunkel wird.» Seit ihr mir gesagt habt, dass Eva ihrem Ende entgegengeht, lese ich Evas vier ikonografischen Haare als letzte ­Sonnenstrahlen.
Felix Schaad: Bei Sonnenstrahlen kommt mir spontan immer das SVP-Sünneli in den Sinn. Schön wäre, sie ginge gemeinsam mit Eva langsam unter.
Claude Jaermann: Eva wurde mal im «Magazin» erwähnt. In der Geschichte ging es um Sterbebegleitung. Eine Tochter schilderte, wie ihr Vater, der im ­Sterben lag, jeden Tag nach dem Tagi ­respektive nach Eva verlangte.

Was stünde in Evas ­Todesanzeige?
Jaermann: Vier Haare für ein Halleluja.
Schaad: Eva Four-Hair-ver, also ­forever . . .

Eva wird doch aber nicht sterben, oder? Das wäre einer Comicheldin ganz und gar unwürdig.
Schaad: Nein, das wird sie unter keinen Umständen. Das musste ich meiner Tochter versprechen.
Jaermann: Ich will es mir auch nicht mit Felix’ Tochter verscherzen.

Eva stirbt also nicht, Eva geht in Pension. Weshalb?
Schaad: Bei mir stellte sich eine gewisse Grundmüdigkeit ein. So etwas wie eine Jahresenddepression in Bezug auf Eva. Die habe ich vor allem bei der ­Ausführung gemerkt. Dieses Jeden-Tag-Ding, das schlaucht. Interessant ist ja: Wir wurden über die Jahre nicht ­schneller, im Gegenteil. Ich wollte aufhören vor dem Burn-out. Oder der Verweigerung.
Jaermann: Die letzten Jahre sind wir stets am Abgrund entlanggeschlichen. Wir haben das auch immer wieder thematisiert. Und jetzt ist wohl der Zeitpunkt aufzuhören – das Risiko abzustürzen wurde uns zu gross. Wir wollen aufhören, solange wir noch gut genug sind. Also: solange wir uns noch für gut genug halten.

Was wird euch an Eva am meisten fehlen?
Schaad: Die Frage lässt sich wohl erst beantworten, wenn Eva weg ist. Die Möglichkeiten, die das Gefäss bietet, die werden mir sicher fehlen. Auf der anderen Seite war es während 17 Jahren eine irre Kadenz. Das wird mir nicht fehlen.
Jaermann: Ich weiss es noch nicht. Eva kann alles, und mit Eva konnten wir alles. Die Frage, die ich mir stelle – und die Panik in mir auslöst –, ist: Womit verdiene ich mir ab Januar 2018 meinen ­Lebensunterhalt?

Gingen euch nach so langer Zeit langsam die Ideen aus?
Schaad: Eigentlich nicht. Also nicht erst jetzt: Nach so langer Zeit hatten wir glaub schon jede erdenkliche Idee auf­genommen.
Jaermann: Innerhalb der 5000 Geschichten fragten wir uns schon ab und zu: Hatten wir das nicht schon?
Schaad: Ich hatte manchmal das Gefühl, etwas bereits gezeichnet zu haben. Richtig sicher war ich mir aber nie.
Jaermann: Im Zweifelsfall sind wir nach der Regel verfahren: «Wissen wir es nicht, weiss es niemand.»

Nicht mal treue Fans?
Schaad: Wenn wir jeweils unser neustes Buch signiert haben, dann gab es Leute, die wir langsam kannten. Und es gab Leute, die uns mit ihrem erstaunlichen Eva-Wissen beeindruckten. Von Doubletten war aber nie die Rede.

Woran merkt ihr, dass ihr mit Eva richtigliegt?
Jaermann: Eine Mutter erzählte mir, wie sie ihrer Tochter Armut und das soziale Gefälle mithilfe von Eva erklären konnte. Da war dieser Streifen, in dem Eva kurz vor Weihnachten die prall ­gefüllte Kasse abgibt. Und im Anschluss daran im Abfallkübel wühlt. Es sind diese feinen Sachen, die mich besonders freuten.
Schaad: Wir versuchten, in unseren Geschichten immer auch das aktuelle Geschehen aufzunehmen. Das wurde von den Leserinnen und Lesern sehr gut aufgenommen.

Bekommt Eva viele Fanzuschriften?
Schaad: Eigentlich bekommen wir keine. Ebenso wenig Reklamationen. Es gab ja schon Themen, bei denen wir dachten: Jetzt landen wir in einem Sturm – der Freude oder der Entrüstung. Es blieb immer ruhig. Ich glaube, Eva-Fans gehen mit uns durch alles ­Erdenkliche.

Aktuell läuft die Suche nach Evas Nachfolge. Das heisst: Der ­Comicstreifen auf dieser Seite bleibt. Er wird sogar etwas grösser.
Schaad: Das hat unseren Entscheid vereinfacht. Dass von Anfang an klar war, dass der Comic auch nach Eva ­wichtig bleibt für den Tagi. Dass er ein fester Teil der Zeitung ist. Dass die ­Zeitung an dieser absolut einzigartigen Tradition festhält.

Wie kam es zur Tagi-Tradition mit Eva?
Schaad: Der damalige Chefredaktor Philipp Löpfe wünschte sich einen Comic, einen Daily Strip nach US-Vorbild.
Jaermann: Die Figur gab es zuvor schon – inklusive all ihrer Nebendarsteller wie Zwicky und Vaisselle im «Nebelspalter». Mit ihr erzählten wir zuvor im «Nebelspalter» Geschichten über mehrere Seiten. Wir erkannten ihr Potenzial für Grösseres. Also Kleineres: der Tagesstreifen. Das war neu.

Ihr habt vorhin gesagt, Eva kann alles. Was war das Irrste, das sie in dieser Zeit gemacht hat?
Schaad: Da waren so viele irre Sachen. Ich mochte es zum Beispiel, Eva in ­Somalia über den Waffenmarkt schlendern zu lassen. Zwicky an der Laubbläser-WM war auch eine gefreute Sache. Und Evas Mission auf den Mond im Hinblick auf den prognostizierten Weltuntergang 2012. Die Mission scheiterte dann fulminant.
Jaermann: Eva wollte 2002 ins Stadtpräsidium. Ihr Slogan: «Für sozialen Sozialismus». Damals hiess es Ledergerber gegen Siegenthaler, SP gegen SVP – und wir haben in der Stadt auf eigene Kosten Eva-Plakate aufgehängt. Das ging so weit, dass das Lokalfernsehen ein Dreierinterview aufgleiste. Siegenthaler kam dafür eigens aus den Ferien zurück.

Eva entsprang eine Zeit lang dem Comic.
Schaad: Das war absolut abgefahren.
Jaermann: Eva und Elmar diskutierten auf einem Podium im Internet. Bei der Wahl schliesslich gab es auffallend viele Stimmen für Verschiedene. Ich glaube, viele davon waren für Grdjic, Eva; Kassiererin, Schwamendingen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.11.2017, 23:21 Uhr

Claude Jaermann

Felix Schaad

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