Analyse

Vierkantrohre sind tiefgründig

Das Zürcher Freiluftfestival Art and the City ist zu Ende; es hat einem nachhaltig die Augen geöffnet.

Hat für Kontroversen gesorgt: Werk von Arcangelo Sassolino im Kreis 5.

Hat für Kontroversen gesorgt: Werk von Arcangelo Sassolino im Kreis 5. Bild: Sabina Bobst

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Seit Hafenkran und Nagelhaus ist die Diskussion über öffentliche Kunst in Zürich von den Steuern beherrscht; Kunst im öffentlichen Raum (KiöR) ist für viele nichts anderes als verschleudertes Geld. KiöR gleich GiöR. Doch niemand hat sich empört, als am Bürkliplatz die Riesenspinne von Louise Bourgeois aufgestellt wurde. Niemand schrie: «Hässlich, passt nicht hierher!» Obwohl die Monsterspinne sowenig an die Seepromenade passt wie der Hafenkran ans Limmatquai. Der Unterschied ist das Geld: Den Kran zahlt die Stadt, die Spinne kam von der Fondation Beyeler.

Aufs Geld wird deshalb so genau geschaut, weil der Gegenwert nicht sofort ersichtlich ist. Kunst muss schön sein, wenn sie etwas kosten darf; moderne Kunst aber ist selten schön. Also ist es für viele keine Kunst. Jean Tinguelys «Heureka» erhielt in den 1960er-Jahren dieses Verdikt, Max Bills «Pavillon» an der Bahnhofstrasse in den 70ern, Sol LeWitts «Cube» in den 80ern. Heute sind das anerkannte Werke, die kaum jemand mehr weghaben möchte. Die öffentliche Wertschätzung folgt der öffentlichen Kunst mit langer Verzögerung.

Kunst für ein breites Publikum

Viele Leute haben keine Erfahrung mit moderner Kunst; das Verständnis fehlt und die Bereitschaft, es sich anzueignen. Im modernen Betrieb gelten eben als Kunst nicht mehr nur Gemälde und Skulptur, sondern auch Intervention und Verfremdung. Der Sommeraktion Art and the City kommt das Verdienst zu, die moderne Kunst einem breiten Publikum nähergebracht zu haben. Die 43 über die City und Zürich-West verteilten Werke, die nun abgeräumt werden, zeigten die ganze Bandbreite dieser Kunstform, während sonst immer nur ein Werk zu reden gibt wie der Hafenkran oder das Nagelhaus.

Das Spektrum von Art and the City reichte von Marmorsesseln am Paradeplatz bis zu Acrylfäden im Schiffbau, von farblosen Landesflaggen auf dem Hardturm zum übergrossen Wasserkessel auf dem Tessinerplatz. Die Organisatoren der städtischen Arbeitsgruppe für Kunst im öffentlichen Raum gaben sich alle Mühe, diese Werke mit Broschüren, Plakaten und übers Internet verständlich zu machen. Mehr als 5000 Frauen und Männer liessen sich auf eine Führung ein; mehrere 10'000 Leute hätten das Festival besucht, schätzt Kurator Christoph Doswald.

Ein Schauen und Denken

Dank der Dauer der Ausstellung und der Vielfalt des Angebots liess sich auch erleben, wie die unterschiedlichen Werke bei einem selber ankommen. Wie lange hält die Faszination für den fünf Meter hohen Wasserkübel, der auf die Wasserknappheit in der Dritten Welt verweist? Genügt es, einen Kran auf den Turbinenplatz zu stellen, der sich laut Titel «Lifting the Earth» anschickt, die ganze Welt aus den Angeln zu heben? Regen die verkrüppelten Strassenpfosten zum Denken an, oder sind Pfosten in den Städten so banal und verbreitet, dass sich damit nichts Spannendes anstellen lässt? Und genügt es, vierkantige Lüftungsrohre ohne Funktion an eine Hausfassade zu schrauben? Öffnet das unsere Augen und Sinne, wie es Kunst ja sollte? Die Antworten fallen individuell aus, doch setzen sie von allen ein Schauen und Denken voraus.

Man schaut sich die Stadt genauer an, ist neugieriger auf Fassaden, Geräte oder Dolendeckel, wenn überall ein künstlerischer Eingriff sein könnte. Kunst im öffentlichen Raum öffnet die Augen und ist ein heilsames Korrektiv zum Tunnelblick aufs Smartphone. Sie bringt den Einwohnern die eigene Stadt näher und bringt Spannung in jedes Quartier. Sie ist Stadtmarketing vom Besten und gibt Zürich die Möglichkeit, sich weiter als Kunststadt zu profilieren – Kunst, die für alle ohne Öffnungszeiten und Billett überall zugänglich ist. Publikumsfreundlicher gehts nicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.10.2012, 07:42 Uhr

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