Die Karriere danach

Vollenwyders grosse Pläne für kleine Patienten

Der frühere Zürcher Finanzvorsteher ist seit Anfang Jahr Präsident des Kinderspitals. Bis 2020 will er in den geplanten Neubau auf der Lengg umziehen.

«Ich kenne sehr reiche Leute, die wollen, dass ihr Name nicht vergessen wird»: Martin Vollenwyder. Foto: Doris Fanconi

«Ich kenne sehr reiche Leute, die wollen, dass ihr Name nicht vergessen wird»: Martin Vollenwyder. Foto: Doris Fanconi

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In diesen Tagen erfolgt der Take-off für das neue Kinderspital. «Der Gesundheitsdirektor hat die Startfreigabe erteilt», sagt Martin Vollenwyder, «am 2. Juni wollen wir mit der Detailprojektierung beginnen.» Der Ex-Stadtrat fühlt sich in seiner Rolle als «Kispi»-Pilot sichtlich wohl. Es ist eine grosse Kiste, die er steuert. Nicht ganz so gross wie der städtische Finanzhaushalt, aber doch rund 600 Millionen schwer. Und der Flug ist risikoreich.

Seit Anfang Jahr präsidiert Vollenwyder die Eleonorenstiftung, die Trägerin des Zürcher Kinderspitals. Vollenwyder kennt das Kispi als Vater aus eigener Erfahrung. «In den 90er-Jahren war ich mit meinen Töchtern dort ein Kassenschlager.» Schon damals gab es Überlegungen, das Kispi zu verlegen, schon damals stand das Areal neben dem Burghölzli zur Diskussion. Der städtische Hochbauvorsteher Elmar Ledergerber machte sich für die Verlegung auf die Lengg stark. Doch der Regierungsrat entschied, das Kispi in Hottingen zu sanieren – im Wissen, dass inmitten eines Wohnquartiers eine Erweiterung nicht möglich war. Als Gründe nannte er die Nähe zum Unispital und die rechtskräftigen Planungsgrundlagen, die einen schnellen Umbaubeginn erlaubten.

Der Regierungsrat nahm diesen Entscheid später zurück. Die Folgen: Statt gebaut wurde geflickt, und das über Jahre. Das Personal, die kleinen Patienten und ihre Eltern bekamen es zu spüren: überlasteter Notfall, Platznot, Provisorien. Martin Vollenwyder nennt das Spital in Hottingen «Vereinigte Hüttenwerke». Doch nun soll alles anders werden. Das Kinderspital zügelt doch auf die Lengg und erhält einen topmodernen Neubau. Das Land gehört dort dem Kanton, er tauscht es gegen das Areal in Hottingen. Die Basler Stararchitekten Herzog & de Meuron haben den Architekturwettbewerb gewonnen. Ihr Projekt, das aus einem Spital sowie einem Labor- und Hörsaalgebäude besteht, kostet gemäss aktuellem Voranschlag 550 bis 600 Millionen Franken.

Müssen es Stararchitekten sein?

Da ist jetzt die Expertise des Finanzspezialisten gefragt. Letzten September hat der Regierungsrat einen Planungskredit von 51 Millionen bewilligt – bewilligt, aber noch nicht freigegeben. Denn es gab Fragen: Ist das überhaupt finanzierbar? Muss es unbedingt ein Bau von Stararchitekten sein? Ein anderes Projekt von Herzog & de Meuron, die Elbphilharmonie in Hamburg, ist finanziell total aus dem Ruder gelaufen. Kann das neue Kinderspital nicht etwas kleiner dimensioniert werden?

Kontrolle der Architekten nötig

Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger (FDP) forderte von den Kispi-Verantwortlichen einen Plausibilisierungsbericht. Diese holten unter anderem beim Wirtschaftsprüfer PWC eine Drittmeinung ein. Laut Vollenwyder ist der Bericht positiv ausgefallen. Die Wahl der Architekten sei richtig: «Sie waren im Wettbewerb die Besten und Wirtschaftlichsten, und sie sind kreativ und gut.» Allerdings müsse der Bauherr seine Managementaufgaben wahrnehmen und die Besten «im Prozess begleiten», wie das Beispiel Hamburg zeige. Dort habe sich der Bürgermeister ein Denkmal bauen wollen, und die Architekten hätten ihm natürlich gern alle Wünsche erfüllt. «Wenn man nur die Architekten machen lässt, hat man am Schluss einen Superbau, aber ein finanzielles Fiasko», sagt Vollenwyder. Er habe deshalb in den letzten Monaten viel Zeit investiert, um für das Kispi-Projekt eine gute Organisation aufzubauen.

An die Spitze der Baukommission berief der Stiftungsrat Heini Brugger, gemäss Vollenwyder ein unabhängiger Experte mit viel Erfahrung. Brugger habe schon den Hallenstadion-Umbau beaufsichtigt und – was für das Kispi noch wertvoller sei – den Bau der Basler Messehalle 1 von Herzog & de Meuron. «In Basel blieben die Architekten völlig im Budget», versichert Vollenwyder. Neben der Baukommission gibt es neu eine Projektleitung und einen Steuerungsausschuss. Diesen leitet die bisherige Baukommissionpräsidentin, Françoise de Vries. Sie kennt die Geschichte des Kispi gut, war sie früher doch Generalsekretärin auf der Gesundheitsdirektion.

Den Rundbau überprüfen

Die Grösse des Spitals scheint mit 200 Betten betriebswirtschaftlich richtig. Eine Reduktion der Zimmer würde finanziell wenig bringen, hat der Prüfbericht ergeben. Hingegen will Vollenwyder das Forschungs- und Laborgebäude in der Detailplanung nochmals genau anschauen. Diese dürfe eine spätere Entwicklung nicht präjudizieren. Auf der Lengg hätte es nämlich Platz für weitere Spitalbauten. Schon heute befindet sich in dem Gebiet mit der Psychiatrischen Uniklinik, der Schulthess-Klinik, dem Balgrist, der Klinik Hirslanden und der Epi-Klinik ein eigentlicher «Medizincluster». Als mögliche Erweiterung erwähnt Vollenwyder eine Rehaklinik, die das Kispi und die Epi-Klinik gemeinsam betreiben könnten.

Doch erst mal muss er dafür sorgen, dass das Kispi plangemäss gebaut wird. Das grösste Problem ist die Finanzierung. Seit 2012 müssen die Spitäler sowohl Betrieb als auch Investitionen aus den Fallpauschalen finanzieren. So sieht es das Gesetz vor. In der Realität brauchen die Spitäler aber zusätzlich Gewinne aus der Behandlung von Zusatzversicherten, um grössere Investitionen zahlen zu können. Dem Kispi fehlt diese Einnahmequelle, da Kinder in der Regel keine Privatversicherung haben. Kommt dazu, dass Vollenwyder nicht weiss, wie viel der Betrieb einst einbringen wird. Gesundheitsdirektor Heiniger hat dem Kispi zwar die höchste Fallpauschale aller Spitäler zugestanden, doch die Krankenkassen haben diese angefochten. Der Gerichtsentscheid steht noch aus. Laut Vollenwyders Berechnungen kann das Kispi bis zu 250 Millionen Franken Baukosten aus dem Betrieb refinanzieren, wenn der Basisfallpreis bei 12 800 Franken bliebe. Würde das Gericht aber einen geringeren Betrag für richtig halten, beispielsweise 10'800 Franken, könnte das Spital rund 50 Millionen weniger aus dem Cashflow finanzieren.

Kanton soll einspringen

So oder so kann das Kispi seinen 600-Millionen-Bau niemals aus Betriebserträgen zahlen. Vollenwyder sieht zwei weitere grosse Beitragsblöcke vor: 150 Millionen soll der Kanton à fonds perdu bezahlen. Rechtfertigen liesse sich dies als Beitrag für Forschung und Lehre, die das Kispi als universitäres Spital leisten muss. Für diese Staatsaufgaben sind die Bildungsdirektion und der Bund zuständig.

Die restlichen 150 bis 200 Millionen will Vollenwyder über Sponsoren und Mäzene beschaffen. Aus seiner Zeit als Finanzvorstand kennt er grosse Stiftungen, aber auch «sehr reiche Leute in fortgeschrittenem Alter, die wollen, dass ihr Name nicht vergessen wird». Es hätten sich bereits Interessenten bei ihm gemeldet. Einzelne seien bereit, eine Summe zwischen 10 und 50 Millionen zu spenden. Vollenwyders Ziel ist, 100 Millionen durch zwei oder drei Einzelpersonen bzw. Stiftungen aufzubringen. Er ist zuversichtlich, dass es klappt. Und dass der ambitiöse Zeitplan eingehalten wird. «2020 wollen wir einziehen.»

Erstellt: 22.05.2014, 06:49 Uhr

Die Karriere danach

Zwei Ex-Stadträte an der Spitze universitärer Spitäler

Martin Vollenwyder hat nach seinem Rücktritt aus dem Stadtrat vor einem Jahr drei wichtige Ehrenämter übernommen. Er präsidiert die Kinderspital-Stiftung, die Tonhalle-Gesellschaft und die Stiftung Volkshochschule. Vollenwyder sieht das als sinnvolle Fortsetzung seines bisherigen Engagementes: «Das Amt des Stadtrates führt zu einer starken Vernetzung, man kennt viele Leute, weiss, wo man ansetzen muss und wo die Fallstricke liegen. Und Ex-Politiker müssen nicht mehr das eigene Ego pflegen, sondern können sachlich vorgehen.» Die Tonhalle und das Kispi habe er gewählt, weil ­beides Leuchttürme für Zürich seien. Er wolle dafür sorgen, «dass es gut weitergeht».

Im Sommer wird sein ehemaliger Kollege und wichtigster Gesprächspartner im Stadtrat, Martin Waser, das Präsidium des Spitalrates im Unispital von Peter Hasler übernehmen. Zwei Ex-Stadträte werden dann zwei der wichtigsten Spitäler im Kanton strategisch führen. Beide werden dank ihrer Funktion auch Mitglied im Steuerungsausschuss des Projektes «universitäre Medizin Zürich» sein. Das lässt hoffen, dass sich die Fronten zwischen Stadt und Kanton Zürich aufweichen, welche sich in den Diskussionen um den Standort eines gemeinsamen grossen Herzzentrums gebildet haben. Der Konflikt erreichte einen Höhepunkt, als der Stadtrat dem Unispital die Bewilligung für einen Modulbau im geschützten Spitalpark verweigerte. Der Kanton interpretierte dies als Retourkutsche der Stadt, weil das Unispital gegen ein Herzzentrum beim Triemli war.

Zwei Seelenverwandte

Martin Waser werde einiges an Unaufgeregtheit und Ruhe reinbringen, sagt Vollenwyder. Und: «Wir sind beide lösungsorientiert und suchen nicht nach Schuldigen.» Waser, der sich mit Vollenwyder seelenverwandt fühlt, teilt diese Einschätzung fast wörtlich: «Wir werden sicher Lösungen suchen, und wenn man Lösungen sucht, findet man auch welche.» Er freue sich auf die neue Aufgabe, obwohl oder gerade weil sie kompliziert sei: «Das gefällt mir.» Zu inhaltlichen Fragen betreffend Unispital will er sich vor seinem Amtsantritt nicht äussern.

Standort Zürich in Gefahr

Vollenwyder sieht den Medizinstandort Zürich in Gefahr: «Wenn wir die Platzprobleme des Universitätsspitals nicht bald lösen können, geraten wir ins Hintertreffen.» Die fähigsten Leute würden mitsamt ihren Teams abwandern. Dazu komme nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative das Problem, genügend ausländische Arbeitskräfte rekrutieren zu können.

Wäre die Lengg nicht nur für das ­Kispi, sondern allenfalls auch für ein grosses Uni-Herzzentrum der ideale Standort? Vollenwyder verneint. Seiner Ansicht nach wäre das Triemli besser gewesen, weil dort die gesamte Spitalinfrastruktur vom Notfall bis zum Bettenhaus bereits vorhanden ist.
(Susanne Anderegg)

Das Projekt von Herzog & de Meuron zeigt viel Holz. Visualisierung: Herzog & de Meuron. Zum Vergrössern auf Grafik klicken.

Kinderspital: Neuer Standort. Zum Vergrössern auf Grafik klicken.

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