Vom Bauernhof nach Chongqing

Ernst Stocker hat ein gutes Gespür für Trends. Darum setzt sich der SVP-Volkswirtschaftsdirektor mit Branchen und Kulturen auseinander, die ihm eigentlich fremd sind.

«Zürich ist der Wirtschaftsmotor der Schweiz»: SVP-Volkswirtschaftsdirektor Ernst Stocker wollte am Bahnhof Löwenstrasse fotografiert werden. Foto: Doris Fanconi

«Zürich ist der Wirtschaftsmotor der Schweiz»: SVP-Volkswirtschaftsdirektor Ernst Stocker wollte am Bahnhof Löwenstrasse fotografiert werden. Foto: Doris Fanconi

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Im Zürcher Regierungsrat gibt es eine inoffizielle Wurstfraktion: Nach Sitzungsende treffen sich Ernst Stocker (SVP), Markus Kägi (SVP) und Mario Fehr (SP) regelmässig zum Verzehr weicher Fleisch­erzeugnisse. Am häufigsten ist das ungleiche Gespann im Sternengrill oder im Restaurant Zum Kropf anzutreffen. Eine unheilige Allianz, die allerdings nicht nur auf gemeinsamen kulinarischen Vorlieben, sondern auch auf ­Respekt beruht. SP-Mann Fehr lobt Stockers «verlässliche, pragmatische Art, seine klare Sprache und die Volksnähe». Entsprechend wohlwollend fällt seine Prognose bezüglich der anstehenden Regierungsratswahlen aus: «Es würde mich nicht überraschen, wenn Ernst Stocker das Bestresultat erzielt», sagte er kürzlich an einem Wahlpodium.

Vor ein paar Jahren hätte dies wohl noch anders geklungen. Kaum jemand hatte Stocker auf dem Radar, als die SVP 2009 den Sitz von Rita Fuhrer verteidigen wollte. Die parteiinterne Konkurrenz schien zu stark, Stocker rhetorisch zu schwach. Doch dann kam Christoph Blocher und sprach ein Machtwort: Es komme nicht aufs «Schnurren» an. «Der Ernst denkt länger, als er redet. Und das ist gut so.» Stocker wurde nominiert – und gewählt.

Nach fast fünf Jahren im Amt ist der Volkswirtschaftsdirektor nicht gesprächiger geworden. Stocker steht in seinem Büro am Neumühlequai und blickt aus dem Fenster. Unter ihm fliesst der dichte Verkehr und die Menschen bewegen sich wie Ameisen rund um den Hauptbahnhof. «Zürich ist der Wirtschaftsmotor der Schweiz», sagt Stocker. Die Zahlen geben ihm Recht: 25 Prozent der umsatzstärksten Schweizer Firmen haben ihren Sitz im Kanton, fast jedes zweite Start-up wird hier gegründet.

Offen für Neues

An solchen Zahlen wird Volkswirtschaftsdirektor Stocker gemessen – dennoch sind nicht alle zufrieden. Er sei zu wenig visionär, lautet ein Vorwurf. «Das streite ich nicht ab», sagt Stocker. Er sehe seine Aufgabe vielmehr darin, die nötigen Bedingungen zu schaffen, damit andere visionär sein können. Dies dürfte erklären, warum Stocker regelmässig die Nähe zu Branchen sucht, die ihm eigentlich fremd sind. Er, der keine Social-Media-Profile unterhält und die «zunehmende Handyfixiertheit» im Morgenverkehr mit Besorgnis zur Kenntnis nimmt, hält Eröffnungsreden an Computerspiel-Messen oder überreicht Nachwuchspreise an App-Entwickler.

Stocker umschreibt seine Haltung mit einem Sprichwort: «Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.» Und tatsächlich scheint er jemand zu sein, der die Zeichen der Zeit erkennt und sie zu nutzen weiss. Philipp Kutter, Stadtpräsident von Wädenswil (CVP), bezeichnet seinen Vorgänger als Realisten mit einem guten Gespür für Trends: «Sein Instinkt hilft ihm, sich mit den richtigen Leuten zu umgeben.»

Doch Stockers Offenheit gegenüber wirtschaftlich rentablen Projekten stösst auch auf Kritik – sogar aus den eigenen Reihen. Peter Bossert ist Landwirt in Wädenswil und SVP-Mitglied. An vordester Front wehrte er sich vergangenes Jahr erfolgreich gegen einen 18-Loch-Golfplatz. Stocker war dafür. «Ich hätte erwartet, dass er sich als ehemaliger Bauer mehr für die Interessen der Landwirtschaft einsetzt», sagt Bossert. Allerdings hat er auch ein gewisses Verständnis: «Als Berufspolitiker ist es bestimmt schwer, den Kontakt zur Basis zu behalten.» Sicher ist: Der Einzug in die Regierung hat Stockers Leben radikal verändert. Mehr als fünf Jahrzehnte lang war Wädenswil sein Lebensmittelpunkt. Hier wuchs er auf, übernahm mit 30 Jahren den elterlichen Hof, stieg in die Lokalpolitik ein. Noch heute wohnt er auf dem Landwirtschaftsbetrieb, den er nur einmal im Leben für längere Zeit verlassen hat: Für ein Jahr im Welschland während der Bauernlehre.

Beeindruckte Chinesen

Der Kontrast zu Stockers heutigem Alltag könnte kaum stärker sein: Um neue Absatzmärkte zu erschliessen, reist er bis nach China und fungiert als Türöffner für Zürcher Firmen. Als Leiter einer Delegation traf er in der Millionenmetropole Chongqing schon zweimal wichtige Vertreter aus Wirtschaft und Politik. Wenn er davon erzählt, weicht seine Nüchternheit der Begeisterung: «China investiert stark in die Verkehrsinfrastruktur und stärkt damit seine Wettbewerbsfähigkeit.» Milliardenschwere Grossprojekte können so realisiert werden. In der Schweiz gehe das nicht, sagt Stocker. «Hier ein Moorschutz, dort eine Zierpflanze. Wir sind stark eingeengt durch Gesetze.»

Doch dann hält Stocker inne, als hätte er etwas Verbotenes gesagt. Er relativiert: Die Situation für die Arbeiter sei zum Teil problematisch. Es gebe Menschen, die sieben Tage die Woche arbeiten müssen. «Das hat mich schon beschäftigt.»

Menschen aus allen politischen Lagern berichten Gutes über Stocker. Sie beschreiben ihn als bodenständig, offen, verlässlich, gradlinig oder bescheiden. Alt-Stadtrat Thomas Wagner (FDP) gibt zu, am Anfang skeptisch gewesen zu sein. Wagner ist Mitgründer der Wirtschaftsdelegation, die unter Stockers Führung China besuchte. Wenig Auslanderfahrung und limitierte Fremdsprachenkenntnisse liessen Wagner zweifeln, ob Stocker der Richtige sei. Doch er hat seine Meinung geändert: «Die Chinesen waren beeindruckt von seiner glaubwürdigen und verlässlichen Art.»

Auf der einsamen Insel

Stocker ist kein Mann der kühnen Experimente. Dies widerspiegelt sich auch in seiner Antwort auf die Frage, welche zwei Regierungsräte er auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Nach kurzem Zögern entscheidet er sich für seine beiden Kollegen aus der Wurstfraktion – allerdings nicht aus kulinarischen, sondern aus rationalen Gründen: Markus Kägi sei Jäger und Mario Fehr ein schlauer Fuchs.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.02.2015, 20:13 Uhr

Ernst Stocker

Volkswirtschaftsdirektor

Ernst Stocker (SVP) ist seit 2010 Volkswirtschaftsdirektor des Kantons Zürich. Davor sass er seit 1987 im Kantonsrat und amtete ab 2006 vier Jahre lang als Stadtpräsident in Wädenswil. In seiner Eigenschaft als Regierungsrat nimmt er verschiedene Mandate wahr. Darunter fallen etwa seine Verwaltungsratstätigkeiten bei der Flughafen Zürich AG, der Messe Schweiz, den Elektrizitätswerken des Kantons Zürich und bei Swisslos. Sein Sohn ist SVP-Gemeinderat in Wädenswil und führt den Landwirtschaftsbetrieb, den er seit 2007 vom Vater gepachtet hat. Stocker wohnt im Stöckli des Bauernhofs und hilft gelegentlich mit («wenn der Sohn mich ruft»). In seiner Freizeit fährt Stocker gerne Motorrad oder geht im Zürichsee schwimmen. Er bezeichnet sich als «Seebub». (TA)

Smartspider

Ernst Stockers Spider-Grafik bestätigt die wirtschaftsfreundliche Haltung. Grafik: Smartvote.ch

Sieben Fragen

Was denken Sie, wenn Sie auf der Strasse oder in einem Laden eine Frau mit Burka sehen?
Ich nehme es zur Kenntnis.

Wann sind Sie geizig?
Wenn es um mich selber geht. Unüberlegte Käufe leiste ich mir kaum einmal. Ausser vielleicht, wenn ich mich von einer charmanten Messedame zu einer Kiste Wein überreden lasse.

Wenn Sie am Hauptbahnhof Zürich von einer Bettlerin angesprochen werden, geben Sie ihr dann Geld?
Ab und zu, das kann schon vorkommen. Einmal wollte mich im Ausland eine Bettlerin beklauen. Sie wusste wohl nicht, dass ich auch einen Muni halten kann.

Sollen homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen?
Dass homosexuelle Paare heiraten können, ist für mich in Ordnung. Dass sie aber Kinder adoptieren dürfen, entspricht nicht meiner persönlichen Überzeugung.

Haben Sie eine Ferienwohnung, wenn Ja wo?
Nein, meine Ferien verbringe ich auf dem Bauernhof. Oder ich fahre ans Meer. Ich brauche das Wasser, die Weite und die Freiheit.

Möchten Sie selbst bestimmen können, wann Sie sterben?
Ich möchte mir die Möglichkeit vorbehalten. Ich kann das aber erst entscheiden, wenn ich wirklich dran bin.

Wann haben Sie das letzte Mal gelogen und weshalb?
Eine Notlüge gönnt sich jeder mal. Ich behauptete kürzlich mal, ich hätte keine Zeit für einen Telefonrückruf.

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Nächste Folgen:
Marcel Lenggenhager, BDP 27. Februar
Jacqueline Fehr, SP 2. März
Markus Kägi, SVP 4. März
Nik Gugger, EVP 6. März
Thomas Heiniger, FDP 9. März
Mario Fehr, SP 11. März
Carmen Walker Späh, FDP 13. März
Martin Graf, Grüne 16. März
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