Vom Oktagon übers Pentagon zum Hypodrom

Als die Clubmitglieder ihr Stadion noch selber bauen mussten und als noch ein Stadion für 60'000 Zuschauer geplant wurde – die Geschichte der Zürcher Fussballstadien ist spannend und wechselvoll.

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Gigantomanie und Träume zum einen, aber auch Pragmatismus auf der anderen Seite prägen die Geschichte des Zürcher Stadionbaus. Pragmatisch und sehr selbstständig bauten die beiden heutigen Grossclubs FC Zürich und Grasshopper-Club ihre Spielstätten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dann folgten in den 1950ern und um 1970 Ansätze von Grössenwahn, bis in den Nullerjahren ein Grossprojekt scheiterte und eines realisiert wurde. Der Vorschlag, über den die Zürcherinnen und Zürcher am 22. September abstimmen, ist eher der Kategorie Kompromiss und Vernunft zuzuordnen.

Während GC nach seiner Gründung 1886 an diversen Stätten im Selnauquartier, in Aussersihl und im Industriequartier spielte, trug der FCZ sein erstes Spiel 1896 im Innenraum der Radrennbahn Hardau an der Badenerstrasse aus – damals noch weit ausserhalb der Stadt. Dort blieb man und teilte sich die Anlage teilweise mit den Grasshoppers, bis der FCZ 1912 auf dem Utogrund an der Albisriederstrasse sein erstes eigenes Stadion baute. Gut zehn Jahre später wurde es dort zu eng, worauf der FCZ von der Stadt ein Grundstück neben dem Schlachthof pachtete. Die Mitglieder des damals noch polysportiven Vereins mussten selber Hand anlegen. Das Ergebnis: der Letzigrund, der 1925 eingeweiht wurde.

FCZ seit 1935 Stadionmieter

1929 brannte die Holztribüne ab, die durch einen Betonbau ersetzt wurde. Die krisenhaften 1930er-Jahre und der sportliche Abstieg im ersten Profiligajahr zwangen den FCZ, das Stadion 1935 der Stadt zu überlassen und es fortan zu mieten. Zweitmieter war der damalige dritte Spitzenclub Young Fellows, dessen Heimat auf dem Förrlibuck zu klein geworden war.

Die Grasshoppers hatten inzwischen entschieden, ein eigenes Stadion zu errichten, das 1929 auf dem Hardturmareal eröffnet wurde. Dies war dank Zuwendungen von GC-nahen Grundbesitzern möglich. Das Stadion war damals der letzte Schrei, da es 27'500 Zuschauern Platz und den Presseleuten direkte Telefonlinien und Radioanschlüsse bot, wie dem damaligen «Tages-Anzeiger» zu entnehmen ist. Die NZZ jubelte, dass Zürich um eine Sehenswürdigkeit bereichert wurde, «die ihresgleichen die Schweiz bisher nicht besass». Das Blatt lobte die «Initiative und sportliche Unternehmenslust» des Grasshopper-Clubs. 1934 brannte auch die Hardturmtribüne ab, wurde aber schnell wieder aufgebaut.

Ein Grossstadion für Gross-Zürich

Für ein städtisches Grossstadion gab es schon Ende der 30er-Jahre Überlegungen, weil die Einwohnerzahl der Stadt nach der zweiten Eingemeindung 1934 auf 312'000 Personen gestiegen war, wie Uni-Geschichtsprofessor Christian Koller in seinem Buch «Sport als städtisches Ereignis» schreibt. Doch konkret wurde es erst, als die Fifa die WM 54 an die Schweiz vergab. Oktagon hiess das Projekt, der Preis lag bei 8 Millionen Franken. Das eigentümliche Achteck sollte 60'000 Zuschauer beherbergen und den Hardturm ersetzen.

Finanziert werden sollte es grösstenteils durch A-fonds-perdu-Beiträge und zinslose Darlehen von Stadt und Kanton. Den Rest sollte die Genossenschaft Stadion Zürich beitragen. Den Stimmberechtigten wurde die polysportive Arena dadurch schmackhaft gemacht, dass auch gleich die Leichtathletik-EM von 1954 darin stattfinden sollte.

«Verharren in der Geistigen Landesverteidigung»

Die Befürworter der «sportlichen Grosskampfanlage» (wie sie die Genossenschafter nannten) argumentierten mit Modernismus und Lokalpatriotismus. Die Hürde des Stadtparlaments überwand das Projekt mit einer hauchdünnen Mehrheit von zwei Stimmen, wobei Gegner Ja gestimmt haben sollen, damit das Volk Nein sagen konnte. So kam es denn auch. Bei einer Beteiligung von 65 Prozent lehnten am 1. Februar 1953 zwei Drittel der Stimmenden das Oktagon ab.

Bloss die Kommunisten und die kleine Demokratische Partei hatten ein Ja empfohlen. Die SP und die grösseren bürgerlichen Parteien hatten Stimmfreigabe beschlossen, die Mitteparteien die Nein-Parole. Gemäss Sporthistoriker Koller waren neben den Finanzen das «Verharren in der Geistigen Landesverteidigung» für das negative Abstimmungsresultat ausschlaggebend. Die NZZ hatte das Stadion auch aus Sorge um die Jugend abgelehnt und ortete im Abstimmungsergebnis eine Kritik an der «weiteren Förderung von Massenveranstaltungen». Für die WM und ihre fünf Zürcher Spiele wurde schliesslich der Hardturm um eine Tribüne auf eine Kapazität von 35'000 Zuschauern erweitert.

Wenige Jahre später modernisierte die Stadt den Letzigrund grundlegend. Das Stadion erhielt seine Formen, die es bis zum Abbruch 2006 prägten, und fasste damals 23'000 Zuschauer.

Olympia-Muschel nicht genehm

Dann herrschte zehn Jahre lang Ruhe. Bis der Architekt Werner Müller Ende der 1960er-Jahre die Idee lancierte, sich um die Olympischen Sommerspiele 1976 zu bewerben. Das Stadionprojekt lieferte der Mann gleich selbst. Er plante ein muschelartiges Grossstadion für 100'000 Personen auf der grünen Wiese. Es sollte am Fuss des Uetlibergs in den der Stadt abgewandten Hang eingebettet werden. Doch daraus wurde nichts.

Zur Abstimmung gelangten wiederum ein 44-Millionen-Kredit und eine zusätzliche Defizitgarantie von 25 Millionen für die Winterspiele 1976. Für die Eröffnungs- und Schlusszeremonie hätte man im Norden Zürichs ein temporäres Eisstadion für 60'000 Personen errichtet. Doch die Idee von Stadtpräsident Sigi Widmer versenkten die Stimmbürger 1969 mit 78 Prozent Nein. Abgesehen von Widmers LdU hatten alle Parteien die Ablehnung empfohlen.

GCs Dreiviertelstadion

In den 1960- und 70er-Jahren geschah stadiontechnisch nichts, der Hardturm verfügte nicht einmal über eine Damentoilette. Auch der erneute Tribünenbrand im Juni 1968 hatte zu keinem Modernisierungsschub geführt. Erst als das 100-jährige Jubiläum vor der Tür stand, plante GC Grösseres. In vier Etappen sollte ein zweistöckiges Rund für 38'000 Zuschauer entstehen. Doch bis 1986 wurde nur die Hälfte gebaut und das Projekt bis 1998 nur zu drei Vierteln realisiert – auch weil man anfing, über ein neues polysportives Stadion an selber Stätte zu reden.

Um die Jahrtausendwende wurden entsprechende Pläne gezeichnet, doch bald gab es einen weiteren Strategiewechsel: zwei Stadien für den Fussball und die Leichtathletik statt nur einer Arena. In dieser Zeit kam auch der Entscheid, dass Zürich drei Spiele der Euro 08 beherbergen soll. Die Credit Suisse liess sich für das Fussballstadion im Hardturm begeistern. Für 370 Millionen wollte sie das Projekt Pentagon umsetzen. Das Fünfeck für 30'000 Zuschauer sollte sich durch die Mantelnutzung – Shopping, Gastronomie, Hotel etc. – refinanzieren.

Der Druck der Euro 08

Die Stimmbürger machten diesmal mit. Mit 63 Prozent stimmten sie im September 2003 dem Gestaltungsplan zu, mit 59 Prozent der 48-Millionen-Beteiligung der Stadt. Ein Nein hatten nur die Grünen und die AL empfohlen. Doch das Quartier rebellierte und blockierte den Neubau mit einer Flut von Rekursen. Die Zürcher Euro-Spiele waren in Gefahr, wieder musste der Stadtrat umdenken.

So forcierte er den Neubau des Leichtathletikstadions Letzigrund. Behelfsmässig sollte es die Euro-Spiele beherbergen und in einer Übergangsphase die Heimspiele des FCZ und der Grasshoppers. Die 110-Millionen-Abstimmung wurde im Eilzugtempo durchgepeitscht, das Volk sagte im Juni 2005 mit einer Dreiviertelmehrheit Ja. Mit 70 Prozent wurde zudem ein 11-Millionen-Zusatzkredit für die Euro-Tauglichkeit des Stadions angenommen. Die Nationalmannschaften von Frankreich, Italien und Rumänien durften sich im Sommer 2008 über 31'000 Zuschauer freuen.

Abbruch und Rückzug

Im folgenden Winter wurde der Hardturm abgebrochen, um dem Pentagon Platz zu machen. Doch nur wenige Monate später hatte die CS genug und zog sich vom Stadionprojekt zurück. Die Stadt musste wieder bei null anfangen.

Vier Jahre später haben die Stimmberechtigten über das Projekt Hypodrom zu befinden. 216 Millionen kostet das Stadion, das die neue Heimat von GC und dem FCZ werden soll und 19'000 Zuschauern Platz bietet. Bauherrin ist diesmal die Stadt.

Zürich wider den Zeitgeist

Dem Historiker Christian Koller ist aufgefallen, dass sich Zürich konträr dem Zeitgeist verhält. Ausgerechnet in der Zwischenkriegszeit, als im Ausland wie im «Roten Zürich» der kommunale Bau forciert wurde, entstanden auf private Initiative und mit privaten Mitteln zwei grosse Stadien. Umgekehrt soll in einer Zeit, in der im In- wie Ausland private Sponsoren und Investoren Stadien errichten, in Zürich staatlich gebaut werden.

Die Bilder der obigen Bildstrecke wurden grösstenteils von Saro Pepe zusammengestellt. Der Leiter des FCZ-Museums hat sie für eine Multimediashow im Museum am Letzigraben 89 aufbereitet. Das FCZ-Museum ist am Samstag, 10.8., Mittwoch, 14.8., Samstag, 17.8., und in den folgenden Wochen bis am 31. Oktober jeweils mittwochs bis samstags von 14 bis 17 Uhr und drei Stunden vor FCZ-Heimspielen geöffnet.

Erstellt: 09.08.2013, 11:09 Uhr

Bildstrecke

Das neue Hardturmstadion

Das neue Hardturmstadion Die Stadt präsentierte am 24. Oktober 2012 mit dem FCZ und GC das Siegerprojekt für das neue Stadion Zürich auf dem Hardturmareal.

Soll zum Abstimmen animieren: Virtueller Flug zum neuen Fussballstadion auf dem Hardturmareal. (Video: Mathys Partner)

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