Vom Zürcher Zunftmeister zum Strafverfolgten

P.S., Oberzünfter von Wollishofen, hat mit seiner preisgekrönten Telecom-Technologiefirma Pleite gemacht.

Der Konkurs ist verhängt, doch es wird weiter ermittelt. Foto: Martin Rütschi (Keystone)

Der Konkurs ist verhängt, doch es wird weiter ermittelt. Foto: Martin Rütschi (Keystone)

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Von 2008 bis 2016 war P.S. Zunftmeister der Quartierzunft Wollishofen. Dann war plötzlich alles anders. Letzten Herbst landete seine Telekommunikationsfirma im Konkurs, ein halbes Jahr später gingen auch in der Holdingmutter die Lichter aus. Eine stolze Familienfirma mit einst 150 Mitarbeitern und Hightechgerät für Militäranwendungen fand ihr abruptes Ende.

Noch schlimmer könnte es den Inhaber selbst erwischen. P.S. (49), immer noch Zünfter und in der Zürcher Wirtschaftsszene einst geschätzter Unternehmer und Arbeitgeber, verbrachte Anfang Frühling eine Nacht im Gefängnis. Eine Justizsprecherin bestätigt, dass «gegen verschiedene Personen im Umfeld des Unternehmens wegen betrügerischen Konkurses» ermittelt werde. Ex-Mitarbeiter haben offene Lohnforderungen. P.S. wollte keine Stellung nehmen.

Zürcher Unternehmenskrimi

Vom Zunftmeister zum Strafverfolgten: Der steile Aufstieg des P.S. und sein tiefer Fall bilden die Eckpfeiler eines Zürcher Unternehmenskrimis, mit verarmten Gründern, schamlosen Profiteuren und rachedurstigen Widersachern.

Die Geschichte von P.S. und seinem Vater, Patrons alter Schule, beginnt 1967. Es ist das Geburtsjahr von P.S. Und Vater P., auch er ETH-Ingenieur, bringt gleichzeitig sein Unternehmensbaby zur Welt. S. senior machte das KMU gross. Als Mitte der 90er-Jahre das Internet zum Siegeszug ansetzte, musste sich der Vater entscheiden: gross ins Ausland gehen oder klein in der Schweiz bleiben. Er wagte – und gewann. Mit einem ultraschnellen Datenmodem eroberte die Zürcher Telecomfirma zunächst Frankreich und dann Deutschland, Mexiko, Brasilien, später Russland und auch China. Ein Globalplayer aus der Limmatstadt.

Für den Vater der richtige Moment, sich aufs Präsidium zurückzuziehen. Die Aktien übernahm der Sohn, der auch Geschäftsführer wurde. Rückblickend befand sich die Firma damals auf dem Zenit. In Brasilien wurde sie 2001 zur «Company of the Year» gekürt. Wenig später platzte die Dotcom-Blase, die Kunden im Ausland blieben auf den Modems der Firma sitzen. Da zahlte sich aus, dass die Firma inzwischen ein zweites Standbein aufgebaut hatte. Mit einem Umsatzanteil von 10 Prozent erst klein, aber vielversprechend: Telecomgeräte für die zivile und die militärische Flugüberwachung. So erfand sich das KMU neu, konnte die Mitarbeiterzahl einigermassen halten und gewann Aufträge von Kleinairports bis zu Riesen-Hubs wie Hongkong.

Erneut ging die Rechnung von Vater und Sohn nicht wie gewünscht auf. «Unsere Anlagen verkauften wir zwar an 330 Flughäfen auf der ganzen Welt», sagt der Vater. «Das war sicher ein Riesenerfolg, nur leider hatten wir die Finanzierung unterschätzt.» Im Ausland müsse man auf sein Geld warten, gerade bei Flughafenprojekten könne sich der Rechnungsprozess in die Länge ziehen. Der Telecomzulieferer war chronisch knapp bei Kasse. Vater und Sohn, der Präsident und der Geschäftsführer, pumpten immer mehr ihres privaten Vermögens ins Unternehmen. Schon geschah die nächste Unbill. Der Frankenschock von Anfang 2015 kostete eine weitere Million.

Spirale nach unten

Die Spirale nach unten beschleunigte sich, Personal musste gehen, die Hälfte der firmeneigenen PK war bereits im Unternehmen investiert. Mehr ging nicht. Ende 2015 beantragte die Firma schliesslich provisorischen Gläubigerschutz. Ziel war es, Zeit zu gewinnen, um sich zu organisieren und saniert aus der Krise hervorzugehen. Laut S. senior schien das Gröbste überstanden. Bis im Herbst 2016 der Nachlassverwalter plötzlich den Stecker zog. Vater und Sohn hatten eine Zahlung aus Ägypten statt der operativen AG der Holding gutgeschrieben, also der Mutterfirma. Es ging um gut 300'000 Euro, vergleichsweise Peanuts. Doch der Nachlassverwalter vermutete ein Manöver der beiden S. dahinter – und beantragte den Konkurs.

«Ein lächerlicher Betrag, um 42 Leute in die Wüste zu schicken», findet Vater S. Zudem sei das Geld ja nicht in seiner Privatschatulle oder jener seines Sohns gelandet, sondern in der Holding. Und damit nicht verloren. Ein administrativer Fehler, mehr nicht, sagt er. Die Folgen wogen jedoch schwer. Am 23. Dezember 2016 bekam die Revisionsgesellschaft der Holding kalte Füsse. Als Organ der Gesellschaft verlangte sie eine sofortige «Zwischenbilanz zu Fortführungs- und Veräusserungswerten». Zeit bis zum Dreikönigstag. Auf Anfrage wollte die Revisorin nichts sagen.

Die Zeit lief den beiden davon. Da entschieden sie sich für ein gewagtes Manöver. Sie übergaben alle Werte ihrer Firma einem Berater, der das Geschäft zusammen mit den Mitarbeitern wieder hochfahren sollte. Nur: Der Retter entpuppte sich als Missgriff. «Wir waren an den Falschen geraten», urteilt Vater S. heute, «der Berater suchte gar nicht das Business, sondern nur die Substanz.» Jetzt zog sich die Schlinge vollends zu. Am 11. April sah das Zürcher Konkursgericht die «Überschuldung» der Holding als gegeben und verfügte den Konkurs.

Als wäre das nicht genug, eröffnete die Wirtschafts-Staatsanwaltschaft die Jagd auf die beiden S. In Bewegung gesetzt hat sie ein ehemaliges Geschäftsleitungsmitglied, dem Vater und Sohn vor Jahren gekündigt hatten. Er hatte Anzeige bei der Justiz erstattet. Er war telefonisch nicht erreichbar. Am 24. März setzte der Staatsanwalt Sohn P.S. in U-Haft und beschlagnahmte Beweise. Auf Anfrage hin wollte der Ermittler nichts sagen.

«Da wird gar nichts passieren»

Vater P.S. zeigt sich unbeeindruckt vom Verfahren gegen ihn und seinen Sohn. «Das raubt mir keine Sekunde Schlaf», meint er, «da wird gar nichts passieren.» Der 84-Jährige will nun nochmals in die Hosen steigen. «Mein Sohn und ich haben selber alles Geld in die Firma gesteckt», sagt er. «Heute lebe ich von der AHV, aber wir zwei werden mit einer neuen Firma wieder auf die Beine kommen.»

Für P.S. und seinen Vater gilt die Unschuldsvermutung.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.06.2017, 19:34 Uhr

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