Von der Backstube in den Chindsgi

Der Kindergartenlehrer Reto Peter empfängt heute neue 1. Kindergärtler. Als Lehrperson möchte er es besser machen, als all seine Lehrer einst mit ihm als Zappelphilipp.

Eine «gemischte Raubtiernummer»: Reto Peter und seine Zweitkindergartenkinder.

Eine «gemischte Raubtiernummer»: Reto Peter und seine Zweitkindergartenkinder. Bild: Dominique Meienberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als Reto Peter vor zwölf Jahren im Dübendorfer Schulhaus Stägenbuck seine erste Stelle als Kindergärtner antrat, liessen Eltern ihre Kinder umteilen. Zu gross war ihre Skepsis gegenüber einem Mann im Kindergartenzimmer. Sie wollten ihre Kinder von einer Frau betreut wissen.

Heute hat sich Peter etabliert, viele Dübendorfer Eltern wünschen explizit, dass ihr Kind zu ihm in den Kindergarten kommt. Sei es, weil der männliche Elternteil fehlt, sei es, weil Eltern denken, eine zusätzliche männliche Bezugsperson sei für ihre Söhne förderlich. Peter hat sich deshalb zusätzlich für den richtigen Umgang mit Buben (Bubenarbeit) ausbilden lassen.

Fast täglich musste er vor die Tür

Reto Peter (41), eine Tätowierung am rechten Oberarm, zwei Ringe im linken Ohr, sitzt in Shorts und Flip-Flops auf einem bemalten Stuhl vor dem Kreis der sechs Zweitkindergartenkinder. Sie geniessen den letzten Nachmittag vor dem Schulübertritt. «Nur das Geschlecht unterscheidet mich von den gängigen Kindergartenlehrpersonen», sagt er.

Zumindest die Ausstattung des Zimmers lässt keinen anderen Schluss zu. Auch in seinem Zimmer ist die Wandtafel bemalt, an der Decke baumeln Tücher. In lockerer, kumpelhafter Sprache fordert er die Kinder auf, Geschichten aus den zwei Kindergartenjahren zu erzählen. Es wird viel gelacht, auch, als Peter sagt, ihm schlafe das Gesicht ein. Dann reden zwei Kinder gleichzeitig, eines steht auf. Peter beobachtet, schreitet nicht gleich ein. «In gemischten Raubtiernummern fühle ich mich daheim», sagt er später.

Reto Peters eigene Schulzeit hat den Umgang mit seinen Schülern stark geprägt. Sein Lehrerbild war miserabel. Er war kein guter Schüler, konnte sich schlecht konzentrieren und kaum ruhig sitzen. Fast täglich landete er vor der Tür. Ein richtiges ADHS-Kind sei er gewesen, sagt Peter. Die Lehrer verstanden nicht, dass hinter seinem Verhalten kein böser Wille steckte, und wandten sich von ihm ab. Darunter litt Peter. Als Kindergärtner will er genau das verhindern. «Eine Beziehung zur Lehrperson zu haben, ist ein Grundrecht für jedes Kind», sagt Peter, «darum gebe ich viel Emotionales.»

«Was, du bist Kindergärtner?»

Dabei kennt der Vater zweier Teenagerinnen keine Berührungsängste. Zum Abschluss im Kreis spielt Peter mit den Kindern ihr Lieblingsspiel, einen Singvers. Trotz des kumpelhaften Spiels sind die Rollen stets klar, die Distanz bleibt gewahrt. «Den Eltern mache ich in der ersten Stunde klar, dass ich ihr Kind in den Arm nehme, wenn es weint, auch wenn ich ein Mann bin. In manchen Situationen übernehme ich auch eine Vaterrolle.» Damit gewinnt er das Vertrauen der Eltern.

Später spielen die Kinder in der Puppenecke oder räumen ihre Arbeitsschubladen auf. Peter lässt sie zanken und schreien, spricht ab und zu ein Machtwort. Sie parieren. Manchmal kommt ein Kind zu ihm, fragt etwas, kneift ihm in den Bauch und geht wieder. Er reagiert angemessen und freundlich. Noch heute passiert es Reto Peter ab und zu, dass Fremde über seinen Beruf staunen. «Sie schauen mich ungläubig an und sagen: ‹Was, du bist Kindergärtner?›», sagt er.

Komisch geschaut haben auch Peters ehemalige Bäckerkollegen, als er ihnen offenbarte, er werde jetzt Kindergärtner. Er sei doch einfach zu faul zum Arbeiten, sagten sie. Was nicht stimmte. Wegen einer Mehlallergie konnte er seinen Beruf nicht mehr ausüben. Mit der Geburt der ersten Tochter entdeckte er sein Faible für Kinder. Doch Kindergärtner zu werden, schien mit einem Realschulabschluss unmöglich. Trotzdem glaubte er an seinen Berufswunsch und begann, private Ausbildungsstätten abzuklappern – ohne Erfolg. Viele Seminare hatten gar keine separaten Toiletten und Garderoben für Männer. Erst Ebnat-Kappel willigte ein.

Zwei Männer in der Klasse

Überzeugen musste er auch die IV. Sie weigerte sich, die Umschulungskosten zu übernehmen, da er schulisch für diesen Beruf zu wenig qualifiziert war. Als das Seminar schliesslich seine praktischen Fähigkeiten bezeugte, sprach die IV das Geld.

Peter begann die Ausbildung. Wieder musste er sich Sprüche anhören. «Du hast es gut, jeden Tag mit so vielen Frauen in die Schule zu gehen», spotteten seine Kollegen. Einige wandten sich wegen der beruflichen Veränderung von ihm ab. Peter selber verlor das Interesse an den Frauen nach einer Woche; er war froh, einen zweiten Mann in der Klasse zu haben. «Wir sahen uns mit den gleichen Problemen konfrontiert, verstanden uns besser», sagt Peter. Im Kindergartenteam Stägenbuck fühlt sich Reto Peter überhaupt nicht als Exot. «Er ist einer von uns», sagt Madeleine Diete, die Kindergärtnerin von nebenan. Auch in den Augen der Kinder ist Reto Peter nicht anders als andere Kindergärtnerinnen.

Die Buben werden tapferer

Trotz allem spiele das Geschlecht manchmal eine Rolle, räumt er ein. Auf der letzten Schulreise habe er erstmals einen männlichen Begleiter mitgenommen. «Es war unterwegs lauter, im Bus nach einer Ermahnung aber auch sofort ruhig», sagt Peter. Später spielten sie im See mit dem Ball und schossen sich gegenseitig ab. Ein Ball flog einem Jungen direkt ins Gesicht. «Er wollte weinen, aber als er merkte, dass keine tröstende Frau zugegen war, biss er auf die Zähne und schleuderte den Ball zurück. So machte das Spiel nachher doppelt Spass», sagt Peter. Für das Verhalten hat er den Jungen später gelobt.

Zum Abschluss der Stunde ruft Peter die Kinder zurück in den Kreis. Marko erzählt von einem Erlebnis auf der Schulreise. Den ganzen Nachmittag habe er versucht, den grossen Stein hinaufzuklettern, bis er es schaffte. Später sagt Peter: «Genau das will ich ihnen mitgeben: Ich will sie stärken, etwas Neues zu probieren, dranzubleiben, nach eigenen Lösungen zu suchen, und ihnen den Mut geben, immer Fragen zu stellen.»

Erstellt: 20.08.2012, 09:23 Uhr

Matratzen im Unterricht

12 000 Erstklässler erleben am Montag im Kanton Zürich ihren ersten Schultag. Etwa ebenso viele Mädchen und Buben besuchen erstmals den Kindergarten. Die Chance, dass sie zu einem Kindergärtner wie Reto Peter kommen, ist gering. In den vergangenen zwei Schuljahren war bloss ein Prozent der 1600 Stellen im Kanton von Männern besetzt.

(mom/tif)


In der Stadt Zürich beginnt nach dem Wochenende der Schulalltag in 120 Schulhäusern, 300 Kindergärten und 350 Horten. Einige Kinder in Zürich-Unterstrass erwartet etwas Spezielles: Sie werden nicht nur im frisch sanierten Schulhaus Weinberg den Unterricht besuchen, sondern dort auch das neue Schulmobiliar der Stadt nutzen. Das Primarschulhaus ist das erste Gebäude in der Schweiz, das rundum mit dieser neuartigen Einrichtung ausgestattet ist.

Zum neuen Mobiliar gehören Tische, Stühle, Regale und Matratzen. Das Besondere daran ist, dass sich die Tische und Stühle unkompliziert in der Höhe verstellen lassen und die Regale auf Rollen verschiebbar sind. Die flexiblen Möbel sollen die Beweglichkeit im Kleinen wie im Grossen fördern. So lassen sich die Möbel so einstellen, dass die Schüler beim Schreiben und Lesen die richtige Körperhaltung einnehmen können. Darüber hinaus ermöglicht das Mobiliar auch neue Unterrichtsformen. Schülerinnen und Schüler sollen nicht während mehrerer Stunden sitzen müssen.

Artikel zum Thema

Wie Zürichs Schüler künftig sitzen, stehen – und liegen

Exklusiv In der Stadt Zürich kommt ein schweizweit einzigartiges neues Schulmobiliar zum Einsatz. Sogar Matratzen gehören neu zum Inventar. Mehr...

Die Container-Kinder

Hunderte Kinder in Zürich werden in provisorischen Schulcontainern unterrichtet. Um die steigenden Schülerzahlen zu bewältigen, betreibt Zürich bald 55 solcher Schulzimmer. Mehr...

Streit um Bewilligung von islamischem Kindergarten

Der geplante islamische Kindergarten sorgt schon vor der Eröffnung für Ärger. Das Konzept sei bewilligt worden, liessen die Verantwortlichen verlauten und warben um Spenden. Beim Kanton weiss man davon nichts. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Kunst in der Luft: Seifenblasen machen Spass vor dem Louvre in Paris. (19. Juli 2019)
(Bild: Alain Jocard) Mehr...