Von der Fluss- zur Seestadt

Um 1900 wurden die Quaianlagen zu Zürichs Aushängeschild. Kaum jemand besass damals ein Badezimmer, und so entstanden öffentliche Bäder, um Cholera- und Typhus einzudämmen.

Arnold Bürkli baute die Uferpromenade mit Utoquai, Quaibrücke, Bürkliplatz und Mythenquai und erschloss den See 1887 damit auch für Flaneure.

Arnold Bürkli baute die Uferpromenade mit Utoquai, Quaibrücke, Bürkliplatz und Mythenquai und erschloss den See 1887 damit auch für Flaneure. Bild: Photoglob/Keystone

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Noch Anfang der 1880er-Jahre war es in Zürich unmöglich, dem See entlang zu spazieren, weil es keine Uferwege gab. Um den See besser zu erschliessen, bildeten Vertreter der damals selbstständigen Gemeinden Zürich, Enge und Riesbach 1872 die «Seequaikommission» und liessen ein Projekt für eine Uferanlage vom Zürichhorn bis hin zum Belvoirpark ausarbeiten. 1881 stimmte das Volk dem Projekt zu, das Arnold Bürkli als Stadtingenieur ausführte.

«Zürichs schönster Schmuck ist der See»

Vom Hafen Enge bis nach Riesbach wurden durch Aufschüttungen gut 200 000 Quadratmeter Neuland gewonnen, was etwa 30 Fussballfeldern entspricht. Das Bindeglied dieser neuen Anlage, die Quaibrücke, war 1884 nach etlichen technischen Schwierigkeiten für Autos befahrbar. Im Sommer 1887 weihten die Zürcherinnen und Zürcher die Quaianlagen mit einem grossen Volksfest ein. Zürich wurde von der Stadt am Fluss zur Stadt am See.

Die neue Uferpromenade mit von Bäumen gesäumten Alleen, Grünanlagen und Ruheplätzen entwickelte sich zum Aushängeschild des Zürcher Verkehrsvereins. «Wir lenken auf den neuen Quai ein», hiess es in einem Reiseführer von 1885, «ein Werk, das Zürich zu einer der schönsten Städte des Kontinents umgestaltet». Und schon bald lernten die Viertklässler aus ihrem Heimatkundebuch «Zürichs schönster Schmuck ist der See».

Bäder in Italien als Vorbild

Zeitgleich mit der Entstehung der Uferpromenade erlebte Zürich einen Badeboom. Das starke Bevölkerungswachstum führte zu massiven Hygiene- und Abwasserproblemen. Cholera- und Typhusausbrüche waren die Folge. Kaum ein Privathaushalt verfügte über ein Badezimmer, und so machten sich Ärzte, Städtebauer und Sozialreformer für öffentliche Bäder stark. Da die Uferanlagen gerade am Entstehen waren, war es schwierig, geeignete Standorte für Bäder zu finden. Die Stadt schrieb nach Triest und Venedig und bat um Pläne für schwimmende Bäder, wie sie dort in Betrieb waren. Man wollte die neuen Bäder bei Bedarf an einen anderen Ort verschieben können.

Das Utoquai ist ein Beispiel für ein Kastenbad nach italienischem Vorbild. Der Architekt und Innendekorateur William Henri Martin erbaute es 1890 als Badepalast mit Kuppeltürmen und maurischen Fensterformen. Frauen, Männer, Mädchen und Knaben gingen damals in separaten Abteilen verhüllt ins Wasser. Die Frauen trugen eine Badehose und eine bis ans Knie reichende lange Bluse – Kostüme, die im Laufe der Jahrzehnte immer knapper wurden. Mit der neu aufkommenden Körperkultur entschloss man sich 1908, auf den Dächern Terrassen einzurichten und das Utoquai zum Sonnenbad auszubauen. In den 40er-Jahren wurden die Kuppeltürme aus «sachlichem Unverstand» entfernt, wie ein Historiker urteilte. An ihrer Stelle entstanden weitere Sonnenterrassen.

Erstellt: 13.08.2010, 10:29 Uhr

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