Von der Fussgängerzone auf die Transitachse

Zürich-West by Bike: Das Erlebnis hinterlässt zwiespältige Gefühle. Die Velolobby spricht von einer «verpassten Chance». Die Stadt räumt Fehler ein.

Alle dürfen überall: Velofahren im neuen Zürich-West.

Alle dürfen überall: Velofahren im neuen Zürich-West.

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Ob sie wollen oder nicht, Fussgänger und Velofahrer proben in Zürich-West ein neues Miteinander. Viele der frischen Fahrradwege führen durch breite Fussgängerzonen. Wo Räder und wo Füsse hingehören, verrät die Signalisation nicht. Alle dürfen überall. «Mischfläche» heisst das. Es gibt sie entlang der Pfingstweidstrasse, auf der Hardbrücke und neben der Hardstrasse.

Bei einer kürzlichen Testfahrt funktionierte das Miteinander problemlos, weil es als distanziertes Nebeneinander ablief. Dass das Nebeneinander rasch in ein Gegeneinander kippen kann, merkt, wer über die Hardbrücke nach Zürich- West fährt. Die Bushaltestelle beim Bahnhof dient hier gleichzeitig als Veloweg. Auch an anderen Ecken oder auf Verkehrsinseln bleiben dem «Langsamverkehr» nur wenige Quadratmeter. Zu Hauptverkehrszeiten kommt es an solchen Orten schnell zu Drängeleien.

«Abgetrennte Velowege hätten besser gepasst»

Mischzonen behagen gemütlichen und vorsichtigen Radlern. Man fährt hier ohne die Angst, von Autos an den Rand gedrängt zu werden. Tempobolzer werden sie weniger mögen. Auf der Pfingstweidstrasse unterbrechen steil ansteigende Trottoirränder regelmässig den Weg. «Felgenkiller» nennt sie AL-Gemeinderat Richard Wolff. Wer nicht bremst, holt sich eine Acht. Die Absätze sind gesetzlich vorgeschrieben, als Orientierungshilfe für Blinde.

An manchen Kreuzungen, wie etwa vor der Duttweilerbrücke, müssen Velofahrer zudem doppelt warten. Erst am Rand, dann auf einer Verkehrsinsel. Die Autos rauschen in einem Zug durch. In Mischzonen radelt es sich sicherer, aber auch langsamer. «Abgetrennte Velowege hätten besser gepasst. An der Pfingstweidstrasse wäre dafür Platz genug gewesen», sagt Dave Durner, Geschäftsführer von Pro Velo Zürich. Selbst bei der Stadt sieht man die negativen Aspekte. «Der Grundsatzbeschluss fiel vor einigen Jahren. Damals hat man die Mischfläche als befriedigende Lösung beurteilt. Ich bin nicht sicher, ob man heute gleich entscheiden würde», sagt Mathias Camenzind, Veloverantwortlicher beim Tiefbauamt.

«Hochgefährliche» Hardstrasse

Allzu behaglich können es sich die Velofahrer trotz Mischzonen nicht einrichten. Das Trendquartier bleibt Autoland. Wer hier den Ton angibt, zeigt sich schon auf der Hardbrücke. Autos können über die Hochstrasse direkt nach Wipkingen beschleunigen, die Velofahrer müssen untendurch, beim Bahnhof Hardbrücke gehts auf einer Rampe bergab. (Wagen sich Velofahrer trotzdem über die Brücke, werden sie zusammengehupt als Tadel dafür, dass sie den Autofluss ins Stocken bringen.) Die links-grüne Mehrheit im Gemeinderat will diese Ungleichbehandlung gegen den Willen des Stadtrats ändern, in Eigenregie plant sie einen Veloweg über die Hardbrücke.

Auch unter dem Betonbau radelt es sich nicht ganz sorgenfrei. Trotz knalligen Velosymbolen und viel Platz erschliesst sich die Wegführung nicht immer sofort. Rasch wechseln sich Mischzonen und Velowege ab. «Hochgefährlich» werde es auf der Höhe Josefstrasse, erklärt Gabri Petri. Hier formt die Hardstrasse ein U, man kann nach rechts schwenken oder dem Bogen zurück Richtung Escher-Wyss-Platz folgen. «Abbiegende Autos schneiden Velos den Weg ab. Während einer kurzen Beobachtung sah ich mehrere Fast-Unfälle. Hier muss sich sofort etwas ändern», sagt die VCS-Co-Geschäftsführerin und grüne Kantonsrätin. VCS und Pro Velo fordern deshalb eine rot eingefärbte Velospur. Und auf der Hardstrasse solle die Stadt Tempo 30 durchsetzen.

Verpasste Chance

«Die Situation wurde als anspruchsvoll, aber sicher beurteilt, auch bei der Prüfung durch Fachleute des Bundes», sagt Mathias Camenzind vom Tiefbauamt. Erst müssten sich alle Verkehrsteilnehmer ans neue Regime gewöhnen. Trotzdem steht Tempo 30 auf der Hardstrasse zur Diskussion, heisst es bei der Dienstabteilung Verkehr. Rote Velostreifen liessen sich dagegen nicht umsetzen, da der Bund diese nur zu Versuchszwecken bewilligt. Petri und Durner kritisieren weiter die Veloleitung über den sanierten Escher-Wyss-Platz: Unübersichtlich und riskant sei diese. Wer etwa von Wipkingen Richtung Hardbrücke will, muss sich von aussen auf die linkeste der drei Autospuren schlängeln. «Hier braucht es eine vorgelegte Haltezone, damit die Velofahrer Vorsprung gewinnen», sagt Dave Durner. Die Stadt will die Velos dagegen über gemeinsame Fussradwege um die Kreuzung leiten.

Insgesamt beurteilt Durner die Veloführung durch Zürich-West als verpasste Chance. «Zuerst wurde für das Tram geplant, dann für die Autos und zuletzt für das Velo. Das merkt man.» Mathias Camenzind spricht dagegen von bedeutenden Fortschritten. «Es ist sehr viel Gutes passiert. Dass es bei komplexen Planungen Abstriche gibt, lässt sich leider kaum vermeiden.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.12.2011, 07:41 Uhr

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Zwei neue Tramlinien

Die neue Tramstrecke zwischen Escher-Wyss-Platz und Bahnhof Altstetten wird von der Linie 4 befahren. Statt des 4ers fährt jetzt die Linie 17 bis Werdhölzli, welche die Farbe Magenta im Nummernschild hat – ein helles Rotviolett. In umgekehrter Richtung fährt der 17er über die Limmatstrasse bis Hauptbahnhof und wendet – wie der 10er – über Gessnerallee und Löwenplatz. Eine Linie 17 gab es bisher noch nie in Zürich, und ihr ist auf dieser Strecke auch nur eine Lebensdauer von fünf Jahren beschieden.

Ab Dezember 2016 soll das Tram Hardbrücke vom Escher-Wyss-Platz bis Werdhölzli fahren, also die Linie 8, die zwischen Hardplatz und Bahnhof Hardbrücke die Hardbrücke benützt und über die heutige Auto- und Velorampe bei der Pfingstweidstrasse wieder auf den Boden zurückfindet. Das bedeutet für die Bewohner der Grünau und der Hardturmstrasse, dass sie keine direkte Verbindung mehr zum Hauptbahnhof haben, dafür zum Helvetiaplatz und zum Sprüngli am Paradeplatz.

Die Tramzahl 17 ist – gleich wie die 16 – eigentlich reserviert für die beiden Tramlinien, die in zehn oder mehr Jahren über die Rosengartenstrasse Zürich-Nord und Zürich-West verbinden sollen. Reserviert ist auch die Linie 1 – für ein Tram auf der Hohlstrasse. Der alte 1er wurde 1956 aufgehoben und durch die Trolleybuslinie 31 ersetzt. (jr)

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