Von der Gerechtigkeit verlassen

Wegen einer Ohrfeige und einer Drohung wird der Zürcher Jusstudent Michail S. zehn Tage in Untersuchungshaft gesperrt. Die Härte dieser Massnahme habe ihn in den Suizid getrieben, sagt seine Mutter.

Das Propog-Gefängnis auf der Kasernenwiese: Hier verbrachte Michail drei seiner zehn Tage in U-Haft.

Das Propog-Gefängnis auf der Kasernenwiese: Hier verbrachte Michail drei seiner zehn Tage in U-Haft. Bild: Dominique Meienberg

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Michail S.* verehrte die Gerechtigkeit. Ein fast naives Gerechtigkeitsempfinden habe ihn angetrieben, sagen Bekannte. In Leserbriefen, Aufsätzen, Gedichten dachte der Jusstudent über das faire Zusammenleben nach.

Dann versagte die Gerechtigkeit, ausgerechnet an ihm selbst, ausgerechnet in der Schweiz. Das habe den 28-Jährigen gebrochen. Und ihn in den Suizid getrieben, sagt seine Mutter. Das Unglück beginnt in einer Bar gegenüber der Zentralbibliothek. Hier treffen sich Michail und seine Studienfreunde nach dem Lernen, auch am Abend des 26. Januar 2010. Um etwa zehn Uhr fordert eine Ukrainerin, die mit ihrem Hamburger Freund einen Abend in Zürich verbringt, Michails Gruppe auf, leiser zu sprechen. Die offenbar grobe Ermahnung provoziert einen von Michails Kollegen. Dieser steht auf, wehrt sich. Die Lautstärke steigt. Der Hamburger fühlt sich bedroht, zückt sein Blackberry. Michails Kollege schlägt ihm dieses aus der Hand. Im allgemeinen Tumult greift er das Gerät und steckt es ein, ohne dass dies jemand bemerkt.

Aufgeschreckt durch den Radau, mischt sich Michail ein. Anschuldigungen fliegen hin und her. Um die Sache zu klären, ruft Michail die Polizei. Bis die Patrouille erscheint, hat sich sein Bekannter abgesetzt. Der Hamburger vermisst sein Handy. Während des Gesprächs mit den Polizisten schimpft er Michail einen Dieb, worauf ihm dieser eine Ohrfeige verpasst. Später sagt die Frau, Michail habe sie mit dem Tod bedroht. Was er bestreitet.

Michail sei keiner gewesen, der schnell zulangte, sagt seine Mutter. Auch in der Bar habe er versucht, den Streit friedlich zu lösen. «Dass er plötzlich als Dieb dastand, beleidigte und empörte ihn.» Bis zu diesem Zeitpunkt habe er gar nicht gewusst, dass ein Handy fehlte.

Die Polizisten führen Michail nach draussen, durchsuchen ihn ein erstes Mal, nehmen ihn mit auf den Posten. Gemäss Rapport hat er sich in der Bar «unkooperativ verhalten und den Geschädigten beschimpft».

Kurz vor der Abschlussprüfung

Bis zu diesem Abend hatte sich Michail keinerlei Probleme mit den Strafbehörden eingehandelt. Auffällig an ihm war höchstens seine rasche Integration. Als 15-Jähriger zog er mit der Mutter aus Osteuropa nach Zürich. Schnell lernte er Deutsch, holte die Matura nach, absolvierte die Rekrutenschule, begann ein Jusstudium. Im Januar 2010 stand Michail ein halbes Jahr vor der Abschlussprüfung, arbeitete Teilzeit bei einer Bank, hatte einen Gedichtband über Zürich geschrieben und war Mitglied der Juso.

All das schützt ihn nicht davor, dass ihn die Polizisten auf dem Posten auffordern, sich auszuziehen. Ganz. So stellt die Stadtpolizei sicher, dass Gefangene nirgendwo Waffen verbergen. Michail weigert sich «aus ethischen Gründen». Und einen Blackberry könne er nicht gut in den Unterhosen verstecken.

Die Beamten hätten korrekt gehandelt, sagt Marco Cortesi, Medienchef der Stadtpolizei. Dies beweise der ausführliche Rapport des Abends. Der Wachtchef als unbeteiligte Person habe die Leibesvisitation bewilligt. Bei gewalttätigen Verdächtigen wie Michail S. müssten die Polizisten sich selber und den Inhaftierten schützen. Das funktioniere nur mit einer Leibesvisitation.

Falsch, sagt Jürg Oskar Luginbühl, Anwalt von Michail und dessen Mutter. Die Aufforderung verstosse gegen mehrere Gerichtsurteile in ähnlichen Fällen. Michails Vergehen sei zu harmlos gewesen, um eine Leibesvisitation zu rechtfertigen. Zudem habe ihn die Polizei vor der Bar bereits abgetastet.

Schläge in die Nierengegend?

Seine Weigerung beantworten die Polizisten gemäss Michail mit Gewalt: «Polizisten kamen herein, ich legte die Hände zur Seite zum Zeichen, dass ich mich nicht wehren würde. Ich erhielt einen Schlag mit offener Hand unter das Kinn, dann wurde ich zu Boden geworfen und erhielt weitere Schläge, einen davon in die Nierengegend», sagt Michail bei der Befragung am nächsten Morgen. Wer genau ihn schlug, habe er nicht erkennen können. Seine starke Brille hätten ihm Polizisten vorher abgenommen.

Michail reicht Anzeige ein. Polizisten fotografieren die betroffenen Stellen. Die Bilder zeigen einen hellblauen Flecken über der Hüfte. Ob er von den angeblichen Schlägen stammt, lässt sich nicht bestimmen.

Auf Luginbühls Drängen hat der Rechtsdienst der Stadtpolizei den Vorfall später untersucht. Der befragte Polizist gab an, sich an keine Unregelmässigkeiten zu erinnern. Da Widerstand bei Leibesvisitationen selten vorkomme, hätte der Beamte einen solchen Vorfall im Gedächtnis behalten, schreibt der Rechtsdienst. Auf den Fotos seien «keine erheblichen Verletzungen erkennbar». Anhaltspunkte für missbräuchliches Verhalten fehlten. Luginbühl hält den Bericht für verschleiernd. Und ein einziger befragter Zeuge genüge nicht.

Die Staatsanwältin will Michail in Untersuchungshaft sperren. Die Möglichkeit bestehe, dass er die Geschädigten unter Druck setze (Kollusionsgefahr). Michail widerspricht. Die Geschädigten seien nach Hamburg zurückgereist. Er kenne nicht einmal deren Namen, könne sie von Zürich aus unmöglich beeinflussen. Ein Kontaktverbot genüge.

Drohungen und Tätlichkeiten gälten bei solchen Auseinandersetzungen niemals als Bagatelldelikte, schreibt ein Oberstaatsanwalt dem TA. Untersuchungshaft anzuordnen, entspreche dem normalen Vorgehen. Zudem bestehe auch dann Kollusionsgefahr, wenn die Geschädigten im Ausland lebten: «Es gibt immer Wege und Möglichkeiten, Personen zu beeinflussen.»

Die Staatsanwaltschaft habe Michail zu leichtfertig ins Gefängnis gesteckt, sagt Anwalt Luginbühl. «Drohungen führen sehr selten zu zehntägiger Untersuchungshaft.» Verhaftungen seien in Zürich ein «Massengeschäft». «Mehr Fingerspitzengefühl würde in Ausnahmefällen helfen, Suizide zu vermeiden.»

Der Haftrichter folgt der Argumentation der Staatsanwältin. Luginbühl ruft an Michails Arbeitsplatz an, um mitzuteilen, dass dieser ein paar Tage fehlen werde. Später entlässt ihn die Bank, obwohl sie seine Leistung stets gelobt hat.

Die ersten drei Tage verbringt Michail im Gefängnis auf der Kasernenwiese. Weiterhin verschweigt er den Namen seines Kollegen, überzeugt von dessen Unschuld. Dann wird er ins Flughafengefängnis verschoben. Hier kann ihn Anwalt Jürg Oskar Luginbühl das erste Mal besuchen. Luginbühl kennt Michail, da dieser 2006 ein zweimonatiges Praktikum bei ihm absolviert hat. «Er verhielt sich aggressiv und fahrig. Das widersprach dem besonnenen Eindruck, den er früher auf mich gemacht hatte.»

Die Zelle teilt Michail mit einem Gewohnheitsverbrecher. Beim zweiten Besuch Luginbühls hat Michails Verhalten gedreht. «Er gab sich cool und unbeteiligt. Als ob ihn alles nichts anginge.»

Zehn Tage nach dem Streit fliegen die Geschädigten aus Hamburg nach Zürich, um auszusagen. Nach der Befragung beurteilt die Staatsanwältin die Verdunkelungsgefahr als aufgehoben. Sie entlässt Michail unverzüglich in die Freiheit. Die Untersuchung gegen ihn läuft weiter.

Die späte Entschuldigung

Anfang April ist Michail längst klar geworden, dass sein Kollege den Blackberry nahm. Den Kontakt zu ihm bricht er ab. Dafür schreibt Michail dem Hamburger Paar, bedauert sein Verhalten. Er habe die Lage falsch eingeschätzt. Beide akzeptieren die Entschuldigung, bitten die Staatsanwältin, das Verfahren einzustellen. Ob dies geschieht, erfährt Michail nicht. Auch nicht, ob die Staatsanwältin gegen die Polizisten ermittelt.

Später fragt er per E-Mail nach. Eine Antwort bekommt er nicht. In Wahrheit hat die Staatsanwältin nichts unternommen. Ihre Vorgesetzte segnet die Untätigkeit laut Luginbühl schriftlich ab.

In den Monaten nach der Haftentlassung verschlechtert sich Michails Zustand. «Ich sah ihn noch zweimal. Erst trat er aggressiv auf. Dann war er extrem gut gelaunt, kündigte an, dass er heiraten werde», sagt Luginbühl. Michail habe erzählt, seine Stimmung schwanke zwischen euphorisch und niedergeschlagen. Luginbühl empfiehlt ihm einen befreundeten Psychiater. Michail hat den Anwalt um den Kontakt gebeten, trotzdem vereinbart er keinen Termin.

Auch Michails Mutter bemerkt die Veränderung: «Er kapselte sich ab, vernachlässigte das Lernen.» Sie habe ihn aufzumuntern versucht. Die Abschlussprüfungen werde er ebenso leicht schaffen wie das erste Lizenziat. Michail antwortete: «Damals wusste ich, wozu.»

Am 27. Mai, vier Monate nach dem Streit, nimmt sich Michail S. das Leben.

Niemand weiss, warum. Einiges deutet darauf hin, dass Michail unter einer Haftpsychose litt. Eine jähe Verhaftung bewirke bei Betroffenen oft ein Trauma, sagt der Psychiater Mario Gmür. «Der überfallartige Charakter, die Fesselung, das Durchwühlen der Privat- und Intimsphäre werden als Demütigung erlebt.» Die moralische Integrität vieler Menschen, die unschuldig oder wegen geringer Vergehen eingesperrt werden, breche durch die Anschuldigungen zusammen. Der Rechtsstaat habe hohe Glaubwürdigkeit, was die Verdächtigten hilf- und ratlos mache, sagt Gmür. Die Verhaftung löse eine Selbstwertkrise aus. «Eine Mischung von Antriebsverlust mit innerer Erregtheit kennzeichnet den lange anhaltenden depressiven Zustand.» Ihre Aggressionen richteten Betroffene oft gegen sich selber. Manchmal könnten sie in einen Suizid münden.

Keine Genugtuung

Weder Michails Mutter noch Jürg Oskar Luginbühl geben den Behörden die direkte Schuld am Suizid. Doch beide stellen einen «kausalen Zusammenhang» her. «Mein Sohn konnte nicht damit umgehen, wegen einer Bagatelle derart ungerecht behandelt zu werden», sagt die Mutter. Früher habe er nie unter psychischen Problemen gelitten.

Nach Michails Tod will die Mutter genau wissen, was ihrem Sohn geschah. Zusammen mit Jürg Oskar Luginbühl kontaktiert sie Mitte 2010 die Stadtpolizei. Der damalige Polizeivorsteher Daniel Leupi (Grüne) sichert ihnen zu, eine interne Untersuchung einzuleiten – falls die Staatsanwaltschaft nicht ermittle. Das ist nicht der Fall. Monate später schreibt Leupi, eine interne Untersuchung sei nicht nötig, da die Staatsanwaltschaft kein Verfahren eingeleitet habe.

Anwalt Luginbühl protestiert. Die Polizei spricht von einem Missverständnis. Man habe die «notwendigen Abklärungen» durch den Rechtsdienst eingeleitet, schreibt Leupi.

Die Staatsanwältin unternimmt weiterhin nichts. Nach Michails Tod habe sich ihre Vorgesetzte gegen eine Untersuchung gesträubt; mit der Begründung, dass man Michail nicht mehr als Zeugen befragen könne, sagt Luginbühl.

Die Staatsanwaltschaft habe bei der Mutter und dem Anwalt nachgefragt, ob sie die Akten dem Obergericht vorlegen solle, schreibt der Oberstaatsanwalt. Das Obergericht hätte dann entschieden, ob ein Verfahren anlaufen soll oder nicht. Weder die Mutter noch deren Anwalt hätten dies gewünscht. «Deshalb wurde darauf verzichtet.» Das sei gesetzeswidrig, findet Luginbühl. Die Staatsanwaltschaft sei verpflichtet, Anzeigen gegen Polizisten von sich aus dem Obergericht zu unterbreiten.

Polizeivorsteher Daniel Leupi bekundete in zwei Briefen sein Beileid. Den tragischen Tod von Michail bedaure er ausserordentlich. Der Vorwurf, dass das Verhalten der Stadtpolizei zu Michails Suizid beigetragen haben, wiege «sehr schwer». Leupi bittet Luginbühl, den Fall durch die Staatsanwaltschaft abklären zu lassen. Diese verfüge über mehr Möglichkeiten als der Rechtsdienst der Stadtpolizei. Luginbühl: «Das ist absurd. Gerade die Staatsanwaltschaft weigerte sich ja, die Sache anzugehen.»

Michail S. liegt auf einem Friedhof in «meiner Stadt am See» begraben, wie er Zürich in seinem Gedichtband nannte.


* Name der Redaktion bekannt (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.02.2014, 07:39 Uhr

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