Von der Markthalle zur «Fresshalle»

Unter den Viadukt-Bögen im Kreis 5 sind ein Sushi-Stand und eine edle Parfümerie eingezogen – als Ersatz für den Bachser Märt mit seinem Biogemüse. Das stösst Mietern der Markthalle sauer auf.

Mieterwechsel in der Markthalle: Reis- und Fischgerichte und edle Duftwässerchen ersetzen Biogemüse.

Mieterwechsel in der Markthalle: Reis- und Fischgerichte und edle Duftwässerchen ersetzen Biogemüse. Bild: Doris Fanconi

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Das Gesicht der Zürcher Markthalle im Kreis 5 hat sich in den letzten Wochen einmal mehr markant verändert: Der Bachser Märt hat seine Gestelle geräumt und ist ausgezogen, schon früher hat der Blumenladen dichtgemacht. Einen Teil des frei gewordenen Platzes nutzt die Weinhandlung Südhang, die in einem neu erstellten Laden prestigeträchtige Weine, Fleisch von Tessiner Hochlandrindern oder das Bier der neuen Winterthurer Brauerei Chopfab verkauft. Im Angebot ist auch abgepackter Käse vom Südhang-Nachbarn Tritt-Käse. Dieser will so die Wartezeiten verkürzen, wenn viele Kunden anstehen.

Die Halle öffnet sich aber auch für Exotisches: Ein Sushi-Geschäft verkauft seit kurzem japanische Spezialitäten, vor allem Take-away-Gerichte. Und die Parfümerie Richard Lüscher Britos aus Uster bietet seit Samstag ihre Terroir-Produkte an und kämpft mit den feinen Düften gegen die Gerüche der frisch zubereiteten Pies, Pizzas und Pasta an.

Der neue Mix führt zu Kritik: Die Stadtzürcher Stiftung für preisgünstige Wohn- und Gewerberäume (PWG) stehe als Vermieterin nicht mehr zur ursprünglichen Idee einer Markthalle, sie habe weder eine Strategie noch ein Konzept, sagen mehrere Mieter. Vom Prestigeobjekt sei nicht viel übrig geblieben. Das zeige sich vor allem im zentralen Punkt eines solchen Marktes: Gemüse und Obst in Bioqualität fehlt seit dem Auszug des Bachser Märts gänzlich. Denn der in der Halle verbliebene Gemüsehändler Käsers Schloss hat kein Biolabel. Der Bachser Märt zog aus drei Gründen aus, wie Geschäftsleiter Patrick Honauer vor zwei Monaten sagte: falsche Strukturen, zu wenig Platz für Lehrlinge, zu viel Diebstahl.

«Selber vorwärtsmachen»

Einige der Markthallen-Mieter stehen offen zur Kritik an der PWG. «Ich wehre mich dagegen, dass die Markthalle vollends zur Fresshalle wird», sagt Matthias Pilliod, Geschäftsführer der Weinhandlung Südhang. Er ist seit Eröffnung der Halle dabei, sein Geschäft sei von Anfang an sehr gut gelaufen. Samuel Spörri, der mit seinem Tritt-Käse in der Markthalle dieses Jahr erstmals schwarze Zahlen schreiben wird, sagt: «Die Markthalle hat sich in eine andere Richtung entwickelt als versprochen.» Da von der PWG seit Beginn nichts komme, müssten die Geschäfte «selber vorwärtsmachen».

Das versuchten diese eine Zeit lang mit dem Engagement des Kommunikationsberaters Adrian Erni, der ihnen bei Events und dem Marketing half. Erni sagt: «Die PWG ist eine gute Immobilienverwalterin, vom Detailhandel hat sie aber kaum eine Ahnung.» Er ist überzeugt, dass mit wenig Mitteln viel bewegt werden könnte – bei der Mieterzusammensetzung und den Öffnungszeiten, aber auch bei Verbesserungen zum Luftdurchzug oder Lichteinfall.

Nicht alle Involvierten wollen offen über die Probleme mit der PWG sprechen. Einer sagt, die Stiftung habe vor der Eröffnung der Markthalle vor etwas mehr als drei Jahren versprochen, einen Markthallenchef einzusetzen – einen Manager also, wie ihn grosse Häuser mit Spezialitätenabteilungen auch haben. Noch vor der Eröffnung sei die PWG dann zurückgekrebst. Der Stiftung sei es von Anfang an nur darum gegangen, die Ladenflächen zu vermieten, ihr sei die Entwicklung und die Stimmung in der Markthalle egal gewesen. So mussten sich die Mieter anfänglich auch gegen die langen Öffnungszeiten wehren.

Um wenigstens am Wochenende wieder Biogemüse zu haben, schlägt Pilliod vom Südhang vor, rund um die Markthalle am Freitagabend und am Samstag einen Wochenendmarkt einzurichten. «Beispiele aus Deutschland zeigen, dass solche Märkte eine breite Kundschaft anziehen.» Ein grösserer Markt am Samstag fehle in der Innenstadt sowieso. Das Problem dabei: Die Geschäftsbetreiber seien mit ihrer Arbeit ausgelastet und hätten keine Kapazitäten, diesen zu organisieren.

Hin zum Spezialitätenmarkt

Daniel Bollhalder von der Stiftung PWG bestätigt, dass sich das Angebot in der Markthalle seit der Eröffnung verändert hat. «Es entwickelt sich Richtung Spezialitätenmarkt.» Die ursprüngliche Idee, eine Art sechstägigen Wochen- und Gemüsemarkt aufzubauen, wo man die Einkäufe für den täglichen Bedarf tätige, habe sich nicht erfüllt. Von einer bewussten Konzeptänderung könne aber keine Rede sein. «Die Veränderungen sind aufgrund des Marktgesetzes von Angebot und Nachfrage erfolgt.» Zu Beginn seien über 50 meist auch sehr kleine Anbieter in der Halle gewesen, im Laufe der Zeit habe sich diese Zahl deutlich reduziert. Die PWG habe auch ganz bewusst begonnen, grössere Flächen an grössere Mieter zu vergeben. Das habe zu einer Professionalisierung geführt. «Das war ein Wunsch von uns.»

Flächen sind alle vermietet

Einige Konzepte in der Halle hätten sich sehr bewährt. «Mehrere Mieter haben ihr Angebot und ihre Verkaufsfläche ausgebaut.» Dass der grosse und wichtige Mieter Bachser Märt die Halle verlassen habe, finde auch die PWG schade, sagt Bollhalder. Die genauen Gründe für den Abgang habe der Betrieb der Stiftung aber nicht mitgeteilt. Mittlerweile sei die Halle wieder voll vermietet.

Die Entwicklung und die Stimmung in der Halle seien der PWG überhaupt nicht egal, sagt Bollhalder. Die Stiftung unterstütze die Mieter, indem sie Werbung und Marketing mache sowie Veranstaltungen organisiere. Zudem biete sie günstige Mieten: Für einen etwa 25 Quadratmeter grossen Marktstand in der Halle bezahlt man 2200 Franken im Monat, für einen der kleineren Bögen mit einer Grösse von 50 Quadratmetern 2500 Franken, für einen grossen mit 90 Quadratmeter Fläche 3200 Franken. Die Preise sind seit der Eröffnung der Halle dieselben geblieben.

Die Idee von einem Markt am Freitag und am Samstag sei gut. «Wir haben sie am Anfang auch gehabt», sagt Bollhalder. Das Konzept habe damals aber keinen Erfolg gehabt. Deshalb verzichte die PWG auf eine Wiederholung. «Wenn die Mieter aber die Initiative ergreifen wollen, legen wir ihnen keine Steine in den Weg.» Die Bewilligungen seien immer noch gültig. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.11.2013, 09:57 Uhr

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