«WLAN ist ein Auslaufmodell»

Der Zürcher Stadtrat Andres Türler (FDP) verteidigt im Interview die 400-Millionen-Investition ins Glasfasernetz und erklärt, weshalb die WLAN-Technologie keine Alternative sein kann.

Beteuert, dass die Strompreise nicht steigen werden, um das neue Glasfasernetz zu finanzieren: Stadtrat Andres Türler.

Beteuert, dass die Strompreise nicht steigen werden, um das neue Glasfasernetz zu finanzieren: Stadtrat Andres Türler. Bild: Pascal Unternährer

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Herr Türler, das Zürcher Stimmvolk hat bereits vor fünf Jahren 200 Millionen Franken für ein Glasfasernetz gesprochen. Was hat es davon, und weshalb soll es nun weitere 400 Millionen sprechen?
Wir haben damals von einer ersten Etappe gesprochen, die es erlaubte, einen Teil der Stadt mit Glasfasern zu versorgen. Jetzt geht es darum, die ganze Stadt zu erschliessen. Nur mit der Glasfasertechnik können wir den Anschluss an die Zukunft halten. Eine moderne Stadt braucht ein leistungsfähiges Telecomnetz.

Sind die 400 Millionen Steuergelder?
Nein, es ist Geld aus der Kasse des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich (EWZ). Das EWZ spielt quasi Bank für das EWZ-Profitcenter Telekom, das dieses Geld gegenüber dem EWZ auch verzinsen muss.

Muss der Stromkunde damit rechnen, dass der Strompreis steigt, um diese Investition zu finanzieren?
Nein, eine Querfinanzierung vom Strom- zum Telecombereich ist schon von Gesetzes wegen ausgeschlossen.

Wieso überlässt man die enormen Investitionen nicht Privaten?
Wer sind denn Private? Die Swisscom, die infrage käme, gehört ebenfalls der Öffentlichkeit. Also würde bloss der Bund statt der Stadt Zürich investieren. Zudem ist die Swisscom aufgrund ihrer Rechtsform verpflichtet, Gewinn zu erwirtschaften. Das müssen wir nicht, sodass Sie und ich als Kunden profitieren. Das, was wir nicht für den Gewinn von anderen zahlen müssen, behalten wir im Hosensack.

Dennoch: Die Stadt arbeitet eng mit der Swisscom zusammen. Subventioniert da die Stadt nicht ein gewinnorientiertes Unternehmen?
Es gibt keine Subventionierung. Wir bauen 75 Prozent des Netzes, die Swisscom 25 Prozent. Und wir sichern uns gegenseitig das Nutzungsrecht für 30 Jahre zu. Die Investitionskosten teilen wir gemäss den Erwartungen auf, wie die vier Glasfasern dereinst genutzt werden: Das EWZ zahlt 40 Prozent, die Swisscom 60 Prozent. Falls das Szenario nicht eintritt, wird der Schlüssel neu beurteilt.

Zusätzlich zu den Investitionen erwarten Sie Betriebskosten von 20 Millionen im Jahr. Das sind über 20 Jahre nochmals 400 Millionen, was das Glasfaserprojekt zu einem Milliardenunternehmen macht. Können Sie dieses Geld wirklich wieder hereinholen?
Das wird nicht einfach, wir müssen – wie die Swisscom auch – am Ball bleiben. Wir rechnen damit, innerhalb von 15 Jahren Gewinn zu schreiben. Das ist bei einem Marktanteil von 14 Prozent in der Stadt möglich. Diese Zahl haben wir in einigen Stadtgebieten, die bereits mit Glasfasern erschlossen sind, fast erreicht, weshalb ich zuversichtlich bin.

Telecom-Experten sprechen handkehrum von viel zu optimistischen Zahlen und prognostizieren im Gegenteil Verluste in dreistelliger Millionenhöhe für die Stadt.
Es sind dieselben Experten, die drei Jahre zuvor gesagt haben, Glasfasernetze in dicht besiedeltem Raum werden funktionieren. Ich frage Sie: Wo ist die Schweiz dichter besiedelt als in Zürich? Diese Experten rücken im Übrigen die von Ihnen zitierte Studie nicht heraus und haben sich meinen Gesprächsangeboten entzogen.

Diese Experten sagen aber sogar, dass sie für die Stadt positive Annahmen getroffen haben.
Einige Annahmen der Studie sind komplett falsch. Sie geht davon aus, dass wir auf der grünen Wiese ein neues Netz bauen. Das ist nicht so. Die Trassen für die Leitungen sind praktisch überall schon vorhanden. Zudem geht die Studie von Kapitalkosten von 8 Prozent aus. Unsere konservative Annahme von 4 Prozent ist realistischer. Und schliesslich lässt die Studie das profitable Punkt-zu-Punkt-Geschäft ausser Acht. Das sind etwa gemietete Standleitungen zwischen verschiedenen Unternehmensfilialen.

Können Sie denn garantieren, dass die Glasfasergeschichte der Stadt keine Verluste bringen wird?
Garantieren kann ich nur, dass ich nicht ewig leben werde. Wir halten unseren Businessplan aber für realistisch – wie übrigens auch der Gesamtstadtrat und der Gemeinderat. Dazu fällt mir eine Anekdote ein. Vor über 100 Jahren plante die Stadt eine Hochspannungsleitung zwischen Sils im Domleschg und Zürich. Zwei ETH-Professoren sagten, es sei unmöglich, Strom so weit zu transportieren. Das Stimmvolk sagte Ja, heute transportiert die ganze Welt ihren Strom so. Diesen Pioniergedanken spüre ich auch heute wieder.

Besteht nicht das Risiko, dass die Glasfasertechnik in zehn Jahren überholt ist?
Nein, es gibt keine Ersatztechnologie am Horizont. Deshalb investiert die gesamte moderne Welt in Glasfasern. Die heute noch gebrauchte Kupferkabeltechnologie ist mehr als 100 Jahre alt.

Wie viel wird ein Abonnement für Telefon, Fernsehen und Internet über die Glasfaser kosten?
Wir haben heute zwölf Serviceprovider auf unserem Netz. Ich picke einen heraus und stelle fest: Leunet bietet die ganze Palette für 89 Franken an. Ich bezahle heute zu Hause fast das Doppelte, weil ich Anschlussgebühren an die Swisscom und an die Cablecom zahle, die künftig wegfallen.

Es gibt Stimmen, die kritisieren, dass die Stadt einseitig auf die Glasfaser setzt, statt in ein Gratis-WLAN-Netz zu investieren.
Auch WLAN braucht im Hintergrund ein leistungsfähiges Glasfasernetz. WLAN ist in meinen Augen ein Auslaufmodell, da die Handynetze immer stärker werden. Ich war kürzlich in einer europäischen Metropole und habe versucht, ein Foto über ein Gratis-WLAN-Netz zu übermitteln. Das war unmöglich. Die Kapazitäten der WLAN-Netze sind zu klein.

Man müsste halt ein leistungsfähigeres WLAN anbieten.
Aber dann muss – wie heute in Bern – wieder bezahlt werden. Dann sind wir gleich weit wie heute.

Sie peilen eine Abdeckung von 90 Prozent bis 2019 an. Was ist mit den übrigen 10 Prozent? Das sind immerhin fast 4000 Häuser.
Wir können einfach nicht 100 Prozent garantieren. Es gibt auch solche, die kein Interesse an einem Anschluss haben.

Was geschieht, wenn das Volk am 23. September Nein zum 400-Millionen-Kredit sagt?
Dann müssen wir über die Bücher. Die einen Liegenschaften sind dann ans Glasfasernetz angeschlossen, und die anderen müssen hoffen, dass die Swisscom sie auf eigene Faust erschliesst.

War dann die erste Tranche von 200 Millionen für die Katz?
Nein, auf keinen Fall. Die Nutzer sind dann einfach andere als ursprünglich gedacht. Ob das EWZ die gelegten Fasern verkauft oder vermietet, ist offen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.08.2012, 15:47 Uhr

Umfrage

Verliert die Stadt Zürich ohne umfassendes Glasfasernetz den Anschluss an die Zukunft?

Ja

 
70.1%

Nein

 
29.9%

1620 Stimmen


Überall Glasfasern bis 2019

Das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ) erschliesst zusammen mit der Swisscom die Stadt mit einem Glasfasernetz. Voraussetzung ist, dass die Stimmberechtigten am 23. September Ja sagen zum nötigen Objektkredit von 400 Millionen Franken. Bis 2019 soll das Netz flächendeckend sein. Die Stadt will allerdings nicht selbst als Provider auftreten, sondern ihr Netz Dritten anbieten. Die Kundinnen und Kunden haben dann die Wahl, ob sie für ihr Telefon, Internet und Fernsehen Swisscom, einen Provider auf dem ewz.zürinet oder das bestehende Kabel von Cablecom nutzen wollen. Das Netz kann auch als «intelligentes Stromnetz» (Stichwort Smart Grid) genutzt werden, über das der zunehmend dezentral produzierte Strom bedarfsgerecht verteilt werden kann.
Schon vor fünf Jahren hatten die Zürcher Stimmberechtigten sich für ein Glasfasernetz ausgesprochen, als sie einen Rahmenkredit von 200 Millionen Franken bewilligten. Eigentlich sah das EWZ eine Erschliessung je nach Nachfrage vor, später stieg aber die Swisscom ins Boot und wollte sich – wie in anderen Städten – am Bau des Glasfasernetzes beteiligen. (sda)

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