Wach ich, oder träum ich?

Max Richter hat Samstagnacht sein achtstündiges Werk «Sleep» aufgeführt – unser Autor und 120 andere Menschen durften zur Musik schlafen. Ein Protokoll.

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22.18 Uhr

Endlich ein Konzert, bei dem man schlafen darf! Das war mein Spontangedanke, als ich vor Monaten erstmals von Max Richters «Sleep»-Projekt hörte, das der renommierte Komponist und Musiker nach Berlin und Sydney nun auch in Zürich aufführen würde. Ja, und wie es das Schicksal will, bin ich nun tatsächlich dabei, an diesem ruhigen Spektakel in der Eventhalle 622 in Oerlikon – sollte aber wegen der Berichterstattung besser nicht oder höchstens wenig schlafen. Irgendwie dumm gelaufen. Seis drum, auf jeden Fall sind kurz nach zehn Uhr die meisten der knapp 120 Menschen eingetroffen, die per Wettbewerb ihre Tickets für diese Soiree gewonnen haben – notabene vorab Zweiergespanne im Beziehungsstatus «liebe Liebende», «beste Freundinnen» oder «olle Kumpels». Man verpflegt und beschnuppert sich, die Stimmung wäre mit entspannt gespannt wohl nicht ganz falsch umschrieben.

22.57 Uhr

Letzte Woche führte ich mit Max Richter noch ein kurzes Interview (siehe unten), wobei ich ihn auch fragte, wie man sich als Besucher auf eine solche musikalische Reise vorbereiten könne (um offen zu sprechen: Ein Kollege bat mich, Richter zu fragen, welche Substanz – Marihuana, Ecstasy, LSD oder Psylo-Pilz – sich für den «Sleep»-Soundtrip am besten eignen würde; hab ich nicht getan, bin ja nicht bescheuert . . . überhaupt, immer dieses Drogentheater, die würdens gescheiter mal mit natürlichen Highs versuchen, bei Sonnenaufgang in einen Bergsee springen oder so), und er sagte, es brauche keine spezifische Vorbereitung, sondern allein die Bereitschaft, aufwühlende Traumlandschaften zu bereisen. Noch aber wühlt anderes auf: Per Smartphone wird im Foyer mitverfolgt, wie Usain Bolt im 100-Meter-WM-Final geschlagen wird – unfassbares Kopfschütteln, hüben wie drüben.

23.45 Uhr

Draussen werden letzte Zigis gepafft, drinnen letzte Zähne geputzt. Und weil das allüberall im Gratisbademantel geschieht, weil überhaupt alles hier für alle gratis ist (doch jeder Leser weiss, dass irgendjemand dafür bezahlt haben wird), ist nun der Zeitpunkt gekommen, an dem wir vom «Tages-Anzeiger» deklarieren: Nein, das ist keine Publi-Reportage, das ist seriöser Journalismus! Dennoch soll erwähnt sein, dass wir Zürcher – anders als die armen Berliner, die bei der «Sleep»-Vorführung im März 2016 auf 1,6 Meter kurzen Feldpritschen pennen mussten – in individuell designten, bequemen Grands Lits nächtigen dürfen. Und dass diese 60 Betten aus dem Sortiment des berühmtesten schwedischen Möbelhauses danach als Geschenk ans Hilfswerk von Pfarrer Sieber übergehen.

0.08 Uhr

Die ersten acht Minuten des achtstündigen Schlaflieds sind vorbei. «Ein achtstündiges Schlaflied», das wäre mein Titelfavorit für diese Geschichte gewesen. Geht aber nicht, ein Feuilletonist der «Süddeutschen Zeitung» hat den bereits gebracht, als er das Werk, das in voller Länge auf CD erhältlich ist, im Jahr 2015 fachmännisch einordnete. Er hörte die neue Einfachheit eines Arvo Pärt, die Minimal Music von Phil Glass und Steve Reich, erwähnte John Cage und La Monte Young, und schliesslich charakterisierte er «Sleep» als «wie Meditations- und Wellnessmusik daherklingende Melange». (Und mich taube Nuss erinnerten diese ersten Minuten an Erik Satie! Und ich fand sie eindrücklich! Peinlich.)

1.17 Uhr

«Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, das mit seiner 400 Mann starken Besatzung fünf Jahre unterwegs ist, um fremde Galaxien zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt dringt die Enterprise in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.» Dieses Intro zur bekannten Science-Fiction-Serie läuft bei mir seit etwa einer halben Stunde in der Wiederholungsschlaufe, bestimmt ausgelöst durch das repetitive musikalische Thema. Was aber seltsam ist: Die von Vokalisen der Sopranistin getragenen Ambientklänge – übrigens verblüffend kräftig intoniert – würden meinem Empfinden nach eher zu einem dramatischen Unterwasserfilm passen, wo ein schwer verwundeter Hai in Zeitlupe einen Taucher in tausend Fetzen reisst. Was man so oder so bereits mal festhalten kann: Die Töne evozieren starke Bilder.

2.46 Uhr

Ob Richter Hunger hat? Und wie geht es wohl Usain Bolt? Hat er geahnt, dass es nicht mehr reichen würde? Ist es wahr, dass in luziden Träumen die Lichtschalter häufig nicht funktionieren? Würde sich Richters «Sleep» auch als Tonspur für Warhols stummen Experimentalfilm «Sleep» eignen? Wieso ist eigentlich die NZZ nicht da, wo sie die wahrscheinlich einmalige Chance gehabt hätte, sich mit dem Tagi ins Bett zu legen? Ob es draussen regnet? Fragen über Fragen. Wer findet, «okay, aber die entscheidende fehlt», dem zitieren wir die Verhaltensregeln: «Auch wenn das Konzert auf euch wider Erwarten anregend und nicht entspannend wirken sollte: Haltet euch im Traumbett mit Aktivitäten zurück, die anderen Besuchern unangenehm sein könnten.» Hier noch die ungefragte Antwort: Ja, ich finde diese Passagen aus wummernder Electronica und wimmernden Streichern grad wahnsinnig schön. Also wahnsinnig und schön.

3.27 Uhr

Der Gähn-Rhythmus ist beängstigend intensiv, dabei haben wir noch nicht mal die Programmhälfte erreicht. Diese Situation ist das exakte Gegenteil zu einem Langstreckenflug: Da oben würde ich jeweils gern schlafen, doch es geht nicht, wegen der Panik, abzustürzen (doof, es wär bestimmt angenehmer, das Sterben nicht allzu real mitzuerleben). Hier dagegen würde ich gern wach bleiben, aus Angst, was Einzigartiges zu verpassen. Doch es geht fast nicht mehr, denn der neurowissenschaftlich geimpfte Sound stimuliert eine Gehirnzone, die das Gefühl des Sturzes mitten in den schäfchenwolkenweichsten Tiefschlaf hinein bewirkt. Zum Glück verfolgt der Mann am Mischpult noch immer das «Laut ist das neue Leise!»-Credo, doch auch seine Wucht wird auf die Länge nicht reichen.

4.18 Uhr

Während da und dort im Saal geknirscht und geschnarcht wird, während vorne auf der Bühne Violas kommen, Violinen gehen und Richter spielt und spielt und spielt, nähere ich mich dramatisch dem Gaga-Zustand. Konkret: Seit 15 Minuten versuche ich, jeder Lebensphase mein liebstes Schlaflied zuzuordnen. Hier der Zwischenstand. Bébé: «Alli mini Äntli». Chindsgi: «Schlaaf, Chindli, schlaaf, de Vater hüetet d Schaaf, d Mueter isch en Gummifisch und schwänzlet uf em Chuchitisch, schlaaf, Chindli, schlaaf.» Primarschule: noch kein Resultat. Teenie: «Lullaby», The Cure. Jungerwachsener: «Dream Baby Dream», Suicide. Thirty­something und danach: noch kein Resultat. Aktuell: «Sleep», Max Richter.

6.53 Uhr

Wach ich, oder träum ich? (Zugegeben, das ist abgekupfert, bei Kleists «Prinz Friedrich von Homburg», im Original geht es so: «Träum ich? Wach ich? Leb ich? Bin ich bei Sinnen?» Aber was soll ich tun, wenn mir kein Titel in den Sinn kommt?) Ich bin mir da wirklich nicht sicher, es fühlt sich bizarr an: Ich höre Musik, ich schreibe auf, was ich höre, doch alles, was ich notiere, verändert sich in nichtssagende Sätze, das ist nervig. Was ich aber zu wissen glaube: Nach halb fünf muss ich eingenickt sein und dann einen elend realen Traum gehabt haben, den ich jedoch nicht ausbreiten möchte (es ging, nun ja, um meine Entstehung).

8.00 Uhr

Vor exakt acht Stunden und zwei Minuten hatte sich Max Richter ans Publikum gewendet und gesagt: «Please enjoy the trip, we see you on the other side.» Jetzt sind wir auf der anderen Seite angekommen, liegen auf gute Art erschlagen in der Heia, spenden Richter und seinen Mitmusikern wohlverdienten Applaus. Es war eine aussergewöhnliche Nacht. Der aussergewöhnlichste Moment aber war das kollektive Erwachen gegen halb acht Uhr morgens, es war untermalt von fast unmerklich variierter Monotonie, die wirkte wie ein kitzelnder Sonnenaufgang . . . und wie ein natürliches High.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 06.08.2017, 23:04 Uhr)

«Ich versetze mich in eine Art Jetlag»

Mit Max Richter sprach Thomas Wyss

Unfassbar. Das ist der Begriff, der im Zusammenhang mit dem deutsch-britischen Komponisten und Pianisten Max Richter häufig gebraucht wird – einerseits, weil der Mann faszinierend talentiert ist, andrerseits, weil man ihn kaum einordnen kann. Sein eigenwilliger Werdegang begann nach der klassischen Ausbildung, als er beim Electronicaprojekt The Future Sound of London anheuerte oder mit Drum-’n’-Bass-Pionier Roni Size arbeitete. «Clubbige» Einflüsse finden sich auch auf Richters Solowerken, wobei er, ebenfalls speziell, die Arrangements oft mit Textpassagen kombiniert: Auf «The Blue Notebooks» liest beispielsweise Schauspielerin Tilda Swinton aus Kafkas Tagebüchern.

Am fassbarsten ist zweifellos Richters meist melancholische Filmmusik; exemplarisch für die grossartige Soundtrack-Arbeit ist der Film «Waltz with Bashir».

Sie spielen acht Stunden am Stück – wie bereiten Sie sich darauf vor?
Ich fange zehn Tage vor dem Auftritt an, mich in eine Art Jetlag zu versetzen: Ich schlafe in den Abend hinein, esse um 23 Uhr Frühstück und unternehme alles, damit ich um Mitternacht voll fit bin.

Das klingt anstrengend.
Es ist anstrengend. Und erschöpfend, die Aufführung fordert mir und meinen fünf Streichern und der Sopranistin emotional und psychisch alles ab. Es ist wie beim Marathonlaufen: Mehr als vier- bis fünfmal pro Jahr geht das nicht.

Aber was, wenn Sie mittendrin auf die Toilette müssen?
Meine Mitmusiker haben ihre fixen Einsätze, sonst sind sie nicht auf der Bühne. Das Stück ist aber so angelegt, dass auch ich kurze Pausen machen kann, vor allem, um zu essen – das ist zentral, sonst drohen Hungerast und Schläfrigkeit.

Gutes Stichwort: Sind die Leute tatsächlich am Schlafen? Oder gibt es auch Nachtwandler?
Nachtwandler, die im Tiefschlaf umherspazieren, hatten wir noch nie. Meist gut vertreten sind die Schnarcher (lacht). Es sind aber längst nicht alle Besucher am Schlafen, es hat immer solche, die gar von Anfang bis Ende wach bleiben.

Gut für Sie – so verpufft Ihre Kunst nicht vollends im Nichts.
Tut sie sowieso nicht, sie kommt bloss auf einer anderen kognitiven Ebene an! Um solche Sachen zu lernen, nahm ich für die Komposition die Hilfe des amerikanischen Neurowissenschaftlers David Eagleman in Anspruch. Er erläuterte mir auch die Schlafphasen und wie man sie beeinflussen kann. Was ich mache, ist also eher ein Kunstexperiment.

Ein Experiment verlangt in der Regel nach einer Auswertung.
Ja, das Feedback ist enorm wichtig, weil berührend und interessant zugleich. Jemand erzählte mir mal, die tiefen, wummernden Passagen hätten bei ihm Gefühle an die Zeit im Mutterleib geweckt.

Und wie steht es um Ihren Schlaf nach einer solchen «Sleep»-Session?
Der ist lang. Er dauert bisweilen beinahe 24 Stunden. Und danach muss ich mich wieder vom Jetlag entwöhnen, auch das dauert nochmals ein paar Tage.

Max Richter ist in Deutschland zur Welt gekommen und in England aufgewachsen. Er hat an der Royal Academy of Music Klavier und klassische Komposition studiert und war in Florenz Schüler von Luciano Berio. Foto: PD

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