Wandler zwischen den politischen Welten

Der EVP-Kandidat Nik Gugger schafft es, Politiker von AL bis SVP hinter sich zu scharen. Das trägt ihm mitunter den Vorwurf des Wankelmuts ein.

Wenn es darum geht, mehr Polizeistellen zu schaffen, kann das bürgerliche Lager auf ihn zählen: Regierungsratskandidat Nik Gugger in seinem Buero im Volkarthaus in Winterthur.

Wenn es darum geht, mehr Polizeistellen zu schaffen, kann das bürgerliche Lager auf ihn zählen: Regierungsratskandidat Nik Gugger in seinem Buero im Volkarthaus in Winterthur. Bild: Urs Jaudas

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«Integrieren», «miteinander» und «teilen» sind Begriffe, die Niklaus Gugger gern in den Mund nimmt. Von anderen Politikern im Wahlkampf unterscheidet sich der Kandidat der EVP damit wenig. Doch während bürgerliche Politiker gern den Verlust verloren gegangener Werte beklagen und fordern, diese wiederzufinden, stösst man bei Gugger auf Konkretes. Was er politisch predigt, lebt er selbst vor.

Mit dem Aufbau der Schulsozialarbeit und der Reintegration benachteiligter Menschen in der reformierten Fabrik­kirche hat sich Gugger über alle politischen Lager hinweg Anerkennung verschafft. Der ehemalige SVP-Gemeinderat Norbert Albl findet Guggers Jugendarbeit «sackstark». Er kenne die Anliegen der jungen Erwachsenen und könne auch mit schwierigen Kids umgehen.

Zwischen 2008 und 2014 stand Sozialunternehmer Gugger der EVP-Fraktion im Grossen Gemeinderat vor und setzte sich dort hartnäckig für die Belange der sozial Schwachen ein. Als der Gemeinderat 2012 die städtischen Putzdienste privatisieren wollte, stemmte sich Gugger dagegen, weil dies für das Putzpersonal erhebliche Lohneinbussen bedeutet hätte.

Die indischen Wurzeln

Im September 2014 wechselte Gugger in den Kantonsrat. Doch am jüngsten Manöver der EVP im Gemeinderat ist er noch beteiligt: Zusammen mit SP, AL und den Grünen ergriff die EVP das Behördenreferendum gegen die geplante Kürzung der freiwilligen Gemeindezuschüsse für AHV- und IV-Rentner mit tiefem Einkommen. Am 12. April werden die Bürger entscheiden, ob die finan­ziell angeschlagene Stadt ihre Armen weiter freiwillig unterstützt.

Sein Engagement für die Schwachen erklärt Gugger mit seinen Wurzeln und dem, was ihm seine Eltern vorgelebt ­haben. Als Baby wurde Gugger in Indien von Schweizer Entwicklungshelfern ­adoptiert, die für das evangelische Hilfswerk Heks Lehrlinge ausbildeten. In der Schweiz leiteten die gläubigen Christen später ein Altersheim. «Meine Eltern behandelten jeden mit Empathie und Wertschätzung, unabhängig von seinem sozialen Status oder seiner Religion», erzählt Gugger. Das habe ihn geprägt.

Damit die Schere zwischen Arm und Reich nicht immer weiter auseinandergeht, will er erreichen, dass auch gewinn­orientierte Unternehmen weniger leistungsfähigen Menschen oder älteren Arbeitslosen eine Chance geben. Mit Steuererleichterungen möchte er die Firmen dazu motivieren. Der Staat könne mit der Finanzierung von Coaching-Programmen dazu beitragen, Ausgegrenzte wieder einzugliedern. Damit die öffentliche Hand dafür die nötigen Ressourcen zur Verfügung hat, will Gugger sich als Regierungsrat dafür einsetzen, dass die Steuern für Unternehmen nicht weiter gesenkt werden. «Der Kanton Zürich hat seit 1998 aufgrund von Steuergeschenken jährlich 1,25 Milliarden Franken an Einnahmen verloren», klagt Gugger. «Durch die Unternehmenssteuerreform III werden den Kantonen weitere Steuern entgehen. Der Bund muss diese ­Mindereinnahmen durch angemessene Ausgleichszahlungen kompensieren.» Ausserdem setze sich die EVP für die schweizweit einheitliche Einführung der Erbschaftssteuer ein.

In Sozial- und Steuerfragen stimmt der EVP-Politiker meist mit den Linken. In Sicherheitsfragen mit den Rechten. «Wenn es darum geht, die Polizei mit mehr Personal auszustatten, können wir auf Nik Gugger zählen», sagt SVP-Gemeinderat Rolando Keller. Als «Pragmatiker der echten Mitte» (Gugger) versucht der EVP-Politiker oft zu vermitteln. Seine Rolle als Brückenbauer ist in Winterthur weithin anerkannt.

Als sich im Gemeinderat 2013 die Fronten verhärtet hatten, weil die Bürgerlichen Leistungen streichen und die Linken die Steuern erhöhen wollten, machte Gugger den Vorschlag, den Steuerfuss um 2 statt um 5 Prozent zu erhöhen und dafür einige Kürzungen vor­zunehmen. Für SP-Fraktionschef Silvio Stierli war der Vorschlag «salomonisch».

Als Überzähliger gescheitert

SVP-Mann Keller betrachtet Guggers Wandeln zwischen den Welten dagegen als «Wankelmut». SVP-Chef Daniel Oswald hat Gugger bis heute nicht verziehen, dass sich die EVP 2011 aus seinem Autolobby-Verein Agil-Mobil wieder zurückzog, dem sie erst 2008 beigetreten war. «Der Landbote» wertete den kurzen Schulterschluss mit den Bürgerlichen als Versuch, für Guggers Stadtratskandidatur 2010 Verbündete im rechten Lager zu rekrutieren. Für Oswald grenzt Guggers Lavieren zwischen links und rechts an Opportunismus.

Seine beachtlichen Erfolge als Stadtratskandidat – 2010 erreichte er das absolute Mehr, schied aber als Überzähliger aus – lassen sich nur damit erklären, dass der Vertreter einer 3,8-Prozent-Partei Menschen aus allen politischen Lagern hinter sich versammelt. Weil er selbst mehrere Unternehmen führt, nehmen ihn Unternehmer ernst und lassen sich von seinen Ideen überzeugen. Sein Wahlkampf wird von zahlreichen Firmeninhabern unterstützt. In seinem Unterstützungskomitee sind Politiker von der AL bis zur SVP vertreten.

Gugger ist es wichtig, zu betonen, dass Investitionen in den sozialen Zusammenhalt oft verhindern, dass dem Gemeinwesen später weit höhere Kosten entstehen: «Als wir in Winterthur den ersten Schulsozialarbeiter eingestellt haben, konnten dank seiner Arbeit teure Heimeinweisungen von Jugendlichen verhindert werden.» Der Schulsozialarbeiter habe 110'000 Franken pro Jahr gekostet, «die Fremdplatzierung von drei Jugendlichen wäre mit 450'000 Franken sehr viel teurer geworden», rechnet Gugger vor. Wenn ein älterer Arbeitsloser wieder ins Arbeitsleben integriert werde, verhindere das unter Umständen, dass er psychisch krank werde und hohe Gesundheits- und Sozialkosten verursache. Komprimiert zu einem von Guggers Lieblingsmottos heisst das dann: «Teilen macht ganz.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.03.2015, 10:11 Uhr

Sozialunternehmer und Coach

Niklaus «Nik» Gugger politisierte von 2002 bis 2014 im Winterthurer Gemeinderat und leitete zwischen 2008 und 2014 die EVP/EDU-Fraktion. Im Herbst 2014 rückte er im Kantonsrat nach. Gugger ist in Südindien geboren und wurde von Mitarbeitern des evangelischen Hilfswerks Heks adoptiert. Er wuchs bei Thun auf und absolvierte zunächst eine Lehre als Maschinenmechaniker. Nach Fachhochschulausbildungen zum Sozialarbeiter und Manager machte er sich in Winterthur als Sozialunternehmer und Unter­nehmensberater einen Namen. Nach dem Tsunami 2004 wirkte er als Notfallseelsorger in Thailand. Er ist verheiratet und hat drei Kinder im Alter von 5 bis 13 Jahren. Für den Christen sind auch Kontemplation und Meditation Teil seiner Spiritualität. (ame)

Sieben Fragen

Was denken Sie, wenn Sie eine Frau mit Burka sehen?

Ich bin leicht irritiert, weil ich einer ­Person in die Augen schauen möchte, wenn ich mit ihr in Kontakt trete. Der Mensch ist einzigartig und sollte sich nicht verstecken müssen.

Wann sind Sie geizig?

Ich lebe nach dem Motto «Teilen macht ganz». Höchstens wenn ich ausgenutzt werde, kann sich das ändern. Die «Geiz ist geil»-Mentalität schadet unserer Gesellschaft und Wirtschaft.

Geben Sie einer Bettlerin am Hauptbahnhof Zürich Geld?

Nein. Aber wenn ich Zeit habe, setze ich mich mit der Person an einen Tisch und frage sie nach ihren Nöten. Die Mahlgemeinschaft ist aus meiner Sicht zentral.

Sollen homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen?

Das ist immer eine Frage des Einzelfalls. Es muss aber nach den gleichen Massstäben entschieden werden wie bei einem heterosexuellen Paar.

Haben Sie eine Ferienwohnung, wenn ja, wo?

Nein, ich habe keine Ferienwohnung, nicht einmal eine Palmhütte in Indien.

Möchten Sie selbst bestimmen ­können, wann Sie sterben?

Ich hoffe, ich werde nie so krank, dass ich mir das wünsche. Man sollte dem Schöpfer nicht ins Handwerk pfuschen.

Wann haben Sie das letzte Mal gelogen, und weshalb?

Das letzte Mal habe ich vielleicht ein bisschen geflunkert, als ich gesagt habe, ich sei gleich zu Hause, obwohl ich wusste, dass es noch zehn Minuten ­dauern würde.

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