Warum die Polizei auf Tempotafeln statt Blitzkästen setzt

Die weithin sichtbare Geschwindigkeitsanzeige entlarvt Temposünder, Bussen drohen aber nicht. Trotzdem kommen die Geräte vor allem rund um Schulen zum Einsatz.

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Die Regeln sind klar: Im obersten Abschnitt der Friesenbergstrasse im Zürcher Kreis 3 gilt Tempo 30. Die Strecke verleitet jedoch zum Schnellfahren. Sie ist steil, die Fahrbahn schnurgerade, und eine Ampel ist erst am Ende der Steilpassage auszumachen. Autofahrer sind daher immer wieder mit übersetzter Geschwindigkeit unterwegs – obwohl zahlreiche Kinder diesen Strassenabschnitt auf ihrem Weg zur Schule überqueren müssen.

Nun steht eine Tempoanzeigetafel in diesem Bereich der Friesenbergstrasse. Die Geschwindigkeit vorbeifahrender Autos wird in grossen Zahlen angezeigt – Temposünder werden somit für alle gut sichtbar gnadenlos entlarvt.

Zwei Tempoanzeigetafeln für den ganzen Stadtraum

«Die Geräte werden jeweils im Bereich von Schulhäusern und Schulwegen zur Sensibilisierung von Fahrzeuglenkenden aufgestellt», erklärt Marco Bisa, Pressesprecher der Zürcher Stadtpolizei, die Wahl des Standorts für das Gerät. Zwei Tempoanzeigetafeln stehen der Polizei seit fünf Jahren für den Einsatz im Stadtgebiet zur Verfügung.

«Wir bekommen jeweils Hinweise aus der Bevölkerung über problematische Verkehrssituationen. Dann stellen wir dort eines unserer Geräte während rund zwei Wochen auf.» In dieser Zeit werden sämtliche gemessenen Geschwindigkeiten gespeichert. Die Daten werden danach von der Polizei ausgewertet. «So können wir ermitteln, wie oft die Tempolimite effektiv überschritten wurde.» Sollte sich aufgrund der Auswertungen herausstellen, dass auf dem getesteten Strassenabschnitt zu schnell gefahren wird, prüft die Polizei weitere Massnahmen. «Das können auch Geschwindigkeitskontrollen sein», so Bisa.

«Autofahrer werden nachhaltig sensibilisiert»

Die Frage, warum man nicht gleich Geschwindigkeitskontrollen durch semistationäre Blitzkästen oder durch die Verkehrspolizei durchführe, beantwortet Bisa mit dem Hinweis auf die präventive Wirkung der Anzeigetafeln: «Autofahrer werden nachhaltig sensibilisiert, an einer bestimmten Stelle das Tempo zu drosseln und aufmerksamer zu fahren.» Die Reaktionen der Bevölkerung auf die Resultate der bisherigen Einsatzorte der Tafeln seien jedenfalls positiv ausgefallen. Die Situation habe sich verbessert. «Die Präventionsmassnahme wird von der Bevölkerung sehr geschätzt», betont der Polizeisprecher.

Die präventive Wirkung der Tempoanzeigen ist in der Fachwelt jedoch umstritten. Verkehrstherapeut Franz N. Brander, Mitglied der Schweizerischen Vereinigung für Verkehrspsychologie, findet die Idee der Anzeigetafeln an und für sich gut – schliesslich sei es für Autolenker eindrücklich zu sehen, wie schnell sie effektiv fahren. «Aber damit hat es sich eigentlich auch schon. Für die meisten Leute ist die präventive Wirkung vorbei, sobald die Tafel wieder abgebaut ist.»

Bauliche Massnahmen statt Tempoanzeigen

Eine weitaus bessere Variante, um die Verkehrssicherheit langfristig zu optimieren, seien laut Brander bauliche Massnahmen wie beispielsweise versetzte blaue Parkfelder, die praktisch nur noch eine Einbahnfahrt auf einem Strassenabschnitt möglich machen, oder das Einbauen von Schwellen vor den Fussgängerstreifen.

Der Einsatz von Tempoanzeigen sei ein Beispiel dafür, wie stark die persönliche Freiheit vor staatlicher Kontrolle geschützt werde, hält Brander gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet fest. «Man appelliert immer erst an die Vernunft des Einzelnen. Jeder soll zur Einsicht kommen, dass Rasen nicht gut ist. Das funktioniert leider bei einigen Unverbesserlichen überhaupt nicht: Zu mir kommen Leute in die Verkehrstherapie, die bis zu acht Ausweisentzüge hinter sich haben.»

Chronische Temposünder würden immer zuerst das Limit ausreizen, so der Verkehrstherapeut. «Will man bei ihnen ein Umdenken bewirken, müssen finanziell oder materiell einschneidende Strafen angewandt werden. Sonst ändern sie ihr Verhalten nicht.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.02.2013, 11:28 Uhr

Umfrage

Welche Geräte sollen zum Einsatz kommen, um zu schnelles Fahren zu vermeiden?

Tempoanzeigetafeln

 
58.7%

Blitzkasten

 
21.4%

Verkehrsschwellen

 
10.6%

Versetzte Parkfelder

 
9.3%

453 Stimmen


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