Warum die Salafisten in Zürich werben durften

Kritiker sehen in der Gruppierung «Die wahre Religion» ein «Sprungbrett zum Terror». Für den bewilligten Auftritt in Zürich rechtfertigt sich die Stadtpolizei.

Von der Polizei bewilligt: Stand der Organisation «Die wahre Religion» vergangenen Samstag bei der Pestalozzi-Anlage in Zürich. (Foto: Facebook.com)

Von der Polizei bewilligt: Stand der Organisation «Die wahre Religion» vergangenen Samstag bei der Pestalozzi-Anlage in Zürich. (Foto: Facebook.com)

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Frankreich, Schweden, Spanien, Türkei, Kroatien, England, Bosnien, Kosovo, Deutschland, Österreich und die Schweiz. Was sich liest wie eine Interrail-Reise, sind in Wahrheit die Stationen, bei denen die Gruppierung «Die wahre Religion» (DWR) zuletzt haltmachte.

Die salafistische Kölner Organisation sucht den Dialog mit Passanten und verteilt Gratis-Korane. 1,4 Millionen Exemplare soll DWR gemäss dem deutschen Bundesamt für Verfassungsschutz (BFV) bis vergangenen Herbst in Umlauf gebracht haben – alleine in Deutschland. Vergangene Woche, als ihre Vertreter in Winterthur und Zürich missionierten, dürften noch einige mehr dazugekommen sein. «Lies! Im Namen Deines Herrn» stand am Samstag auf einem Transparent auf dem Pestalozzi-Areal vor dem Zürcher Hauptbahnhof. «Läs! I Din Herres Namn», hiess es tags darauf in Schweden.

«Deckmantel der Religionsfreiheit»

Islam-Kennerin Valentina Smajli warnt vor der Organisation: «Man muss jegliche Aktivität von ihnen sofort stoppen und unterbinden – mit rechtsstaatlichen Mitteln.» Die Vizepräsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam verweist auf den deutschen Konvertit und DWR-Mitglied Pierre Vogel, der in der Schweiz seit 2009 ein Einreiseverbot hat. «Unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit verbreiten menschenverachtende Ideologen ihre Botschaften nun auch in der schweizerischen Gesellschaft.

In Zürich warb DWR mit einer Standaktion. Dafür erhielt sie die Bewilligung der Stadtpolizei. Mediensprecher Marco Cortesi begründet wie folgt: «Es gilt das Gebot der Meinungs- und Glaubensfreiheit. Wer Korane oder Bibeln verteilt, macht sich nicht strafbar.» Die Zürcher Politologin Elham Manea beurteilt die «Lies!»-Verteilaktionen als «äusserst heikel». Die Botschaft der Gruppierung laute: «Wir gegen die anderen.»

«Muss ich jetzt in der Hölle schmoren?»

Unter dem Titel «Atheist hat Angst vor der Hölle» veröffentlichte die Organisation kürzlich ein Interview auf Facebook (siehe unten). Der Dialog zwischen Missionar und Passant zeugt von der von Manea angesprochenen Intoleranz. Missionar: «Glauben Sie an den jüngsten Tag?» Passant: «Nein, ich glaube nicht daran. Muss ich jetzt in der Hölle schmoren?» Missionar: «Wenn Sie den Islam nicht vor Ihrem Tod annehmen, dann ja!»

Smajli vom Forum für einen fortschrittlichen Islam bezeichnet DWR als «Einstiegsdroge zu einem gewalttätigen Islamismus». Als Beispiel nennt sie den deutschen Rapper Denies Cuspert alias Deso Dogg – seit letztem Jahr eines der Aushängeschilder der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS). 2011 trat er gemäss «Die Welt» an einem von DWR organisierten Islam-Seminar auf. Mit den Worten «Wandert aus, wandert aus! Usbekistan, Afghanistan, wir kämpfen in Chorassan!» rief er zum heiligen Krieg auf. Solche Aktionen zeigen gemäss Smajli, weshalb DWR als «Sprungbrett zum Terror» dient.

In Deutschland steht die Organisation unter Beobachtung. Der deutsche Verfassungsschutz und das Kriminalamt (BKA) untersuchten 2014 die Biografien von 378 Islamisten. Jeder Fünfte, der aus Deutschland in den heiligen Krieg reiste, soll sich demnach durch das «Lies!»-Projekt radikalisiert haben. «Wir haben festgestellt, dass von den Salafisten, die hinter den Koranverteilungsständen standen, einige in Richtung Syrien gereist sind», sagte Torsten Voss, Leiter des Hamburger Verfassungsschutzes gegenüber der «Welt».

Stapo: «Zu einzelnen Personen können wir nicht Stellung nehmen»

Trotz der möglichen Einflussnahme auf eine Radikalisierung werden die DWR-Kundgebungen bisher europaweit geduldet. «Wir würden die Standaktion nochmals bewilligen. Den Initianten kann nichts strafrechtlich Relevantes nachgewiesen werden», sagt Stapo-Sprecher Marco Cortesi. Die Stadtpolizei Winterthur argumentiert ähnlich: «Wir sind von Gesetzes wegen verpflichtet, Personen den öffentlichen Raum für die Wahrung der Grundrechte zur Verfügung zu stellen», sagt Bianca Lussi, Mediensprecherin der Stapo Winterthur.

Cortesi verweist auf die Unüberschaubarkeit gewisser religiöser Gruppierungen. Viele seien «derart gross», dass nicht jedes einzelne Mitglied überprüft werden könne. «Zu einzelnen Personen können wir keine Stellung nehmen.»

Erstellt: 28.01.2015, 11:28 Uhr

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