Was Goldküstenladys und Pfarrer gemeinsam haben

Der Deutsche Martin Scharfe lässt Zürcher vor der Kamera aus ihren Lieblingsbüchern vorlesen. Das Resultat einer Bierlaune.

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Am nächsten Sonntag begeben sich vier Zürcher Reiseleiter auf eine aussergewöhnliche Führung: Anstatt Touristen durch die Stadt zu führen, lesen sie auf Volkslesen.tv Passagen aus ihren Lieblingsbüchern vor und zeigen so ein Stück ihrer selbst.

Der Berliner Martin Scharfe nimmt die Zürcher Vorleser mit seiner Filmkamera auf und stellt die literarischen Porträts auf das Videoportal Volkslesen.tv. Jeden Sonntag vier Zürcher, die einen gemeinsamen Nenner haben. «Mit einer Gruppe von Stadtführern zu starten, ist ein schöner Auftakt. Schliesslich will ich mit meinem Projekt in den nächsten drei Monaten ganz unterschiedliche Menschen vor die Kamera holen und die Zuschauer durch das Soziotop der Stadt führen», sagt Scharfe – so wie ein Reiseleiter Touristen Zürich zeigt.

Zürcher sind vorsichtig

Bereits seit zwei Jahren tingelt der Berliner, der eigentlich Ingenieur ist, für jeweils drei Monate durch deutschsprachige Städte und lässt Menschen aus Büchern vorlesen. «Ich suche mir Gruppen aus, die charakteristisch für die jeweilige Stadt sind, und vereinbare mit vier Leuten pro Gruppe einen Termin, um sie beim Vorlesen zu filmen», erklärt Scharfe.

In Zürich seien dies neben den Stadtführern, Übersetzer, Goldküstenladys, Pfarrer und Flüchtlinge. «Ich bin noch auf der Suche nach Bankern, Tramfahrern und Schokoladenherstellern. Aber es ist hier ein bisschen schwieriger, die Menschen zum Mitmachen zu bewegen, als in anderen Städten.» Scharfe führt dies auf das eher vorsichtige Gemüt der Zürcher zurück. Dabei gehe es nicht um die perfekte Lesung, sondern um den Menschen, der lese.

Kafka auf Youtube

Die Idee für dieses Projekt kam Scharfe vor fünf Jahren just in Zürich. Er weilte für eine Assistenzstelle an der Kunsthochschule in der Stadt und kehrte des Öfteren im Restaurant Weisses Schloss im Niederdorf ein. Die Wirtin fragte ihn eines Tages, ob er an einem Wochenende eine Lesung veranstalten wolle. «Das hatte ich noch nie gemacht und wollte ich eigentlich auch nicht machen, aber ich konnte nicht Nein sagen.» Also las Scharfe aus Franz Kafkas «Schloss» vor und stellte die Videoaufnahme nachträglich auf Youtube.

Zurück in Berlin erzählte er in einer Bierlaune seinen Freunden von dem Filmchen. «Die wollten das alle auch probieren, und so entstand die Idee, normale Leute aus Büchern vorlesen zu lassen, die ihnen etwas bedeuten.»

Ein Leserarchiv für die Zukunft

Scharfe möchte das Projekt, das in Zürich durch die Stadt, die Ernst-Göhner-Stiftung und das Literaturhaus unterstützt wird, so lange wie möglich weiterführen und über die Lesungen ein Bild unserer Zeit festhalten. «Ich stelle mir gerne vor, wie sich Menschen in 20 oder 30 Jahren diese Aufnahmen ansehen und so erfahren, was den Leuten damals wichtig war und wie sich ihre Sprache oder ihr Aussehen verändert hat.» Eine Bibliothek quasi, die nicht die Bücher, sondern deren Leser archiviert.

«Am Anfang dachte ich, dass ich mit der Zeit ein Gefühl dafür entwickeln würde, wer was vorliest. Aber ich staune immer wieder.» Von der Geschichte des Fondues über Literaturklassiker sei alles dabei. «Die meistgelesene Autorin ist aber die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren.»

Erstellt: 04.10.2012, 15:38 Uhr

Video

Paolo liest für Volkslesen.tv auf Vimeo.

Sigfried Lenz: «So zärtlich war Suleyken»: Vorgelesen von Paolo.

«Jeder der vorlesen möchte, ist herzlich willkommen»: Martin Scharfe filmt seit fünf Jahren Menschen beim Vorlesen (Bild: Peter Einheuser)

Das Vorlese-Projekt

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