Was es für eine politische Wende in Zürich braucht

Die Bürgerlichen streben bei den Wahlen 2018 die Mehrheit im Zürcher Stadtrat an. Ein Blick zurück zeigt: Das wird nicht einfach.

Sie wollen nächstes Jahr die Stadt Zürich präsidieren: Corine Mauch (SP) und Filippo Leutenegger (FDP) auf Wahlkampf-Plaketen 2014. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Sie wollen nächstes Jahr die Stadt Zürich präsidieren: Corine Mauch (SP) und Filippo Leutenegger (FDP) auf Wahlkampf-Plaketen 2014. Foto: Walter Bieri (Keystone)

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Es herrschte Hochstimmung im «Goldenen Krokus». Aus einer frühlingshaften Siegerlaune heraus hatte die Stadtzürcher FDP das Bahnhofbuffet Selnau an diesem Sonntagabend im März 1982 kurzerhand umgetauft. «Die Kette der Gratulanten riss nicht ab», schriebe der «Tages-Anzeiger» über die Wahlfeier des Freisinns. Inmitten von Frühlingssträussen «strahlte der frisch gewählte Stadtpräsident Thomas Wagner über das ganze Gesicht», die Stimmung wurde «immer beschwingter». In Feierlaune zeigte sich an dem Abend auch die CVP. An ihrer Wahlfeier im Werdguet stimmte die Metallharmonie Wiedikon einen eigens für den neu gewählten CVP-Stadtrat Willy Küng komponierten Marsch an.

1982: Letzte bürgerliche Wende

Am 7. März vor 35 Jahren spielte sich in Zürich Historisches ab: Die Stadt erlebte eine bürgerliche Wende – die bisher letzte. FDP, CVP, SVP und EVP errangen die Mehrheit in der Stadtregierung. Mit Thomas Wagner übernahm wieder ein Freisinniger das Amt des Stadtpräsidenten, das zuvor 16 Jahre lang der LdU-Politiker Sigmund Widmer innegehabt hatte. Auch der Gemeinderat wurde bürgerlich. «Die Wende ist da», titelte der «Tages-Anzeiger». Eine Schlappe musste die SP hin­nehmen. Sie war – eine Premiere – nicht mehr im Gremium vertreten. Ihre bisherigen Mitglieder Emilie Lieberherr, Jürg Kaufmann und Max Bryner vertraten nach einem parteiinternen Zwist nur noch die Gewerkschaften.

Kommentatoren brachten den Sieg der Bürgerlichen 1982 mit den Jugendunruhen in Verbindung. Diese hätten viele Wähler verunsichert und den Wunsch nach Law and Order aufkommen lassen. «Worauf Sie sich verlassen können», lautete der Wahlslogan des erfolgreichen bürgerlichen Wahltickets. Zudem war die SP durch interne Streitereien geschwächt und hatte sich nach Ansicht vieler zu wenig klar von den gewaltbereiten Teilen der Jugendbe­wegung distanziert. Die Flügelkämpfe brachten der Partei am Tag nach den Wahlen einen Rüffel von höchster Stelle ein: Der damalige SP-Schweiz-Präsident Helmut Hubacher rügte die Zürcher Genossen öffentlich und sprach von einem «bitteren Denkzettel».

1990: Rot-grüner Aufstieg

Acht Jahre dauerte die bürgerliche Dominanz in Zürichs Stadtregierung. Aber schon zur Halbzeit zeigten sich Abnützungserscheinungen. In die Wahlen 1986 zogen die Bürgerlichen zwar noch geeint – mit dem denkwürdigen Slogan «Wefnak – Für ein bürgerliches Zürich». Die ungelenke Formel war ein Konstrukt aus den Anfangsbuchstaben der Stadtratskandidaten Wagner, Egloff, Fahrner, Nigg, Aeschbacher und Küng. Wefnak erwies sich als nur mässig erfolgreich.

Zwar hielt die bürgerliche Mehrheit im Stadtrat 1986 noch, aber Hugo Fahrner verpasste die Wiederwahl, womit die FDP ihren zweiten Sitz einbüsste. Dafür zog die SP mit der pointiert linken und selbstbewussten Ursula Koch in die Regierung ein. Küng und Aeschbacher kippten in den folgenden Jahren mehr und mehr auf die links-grüne Seite.

Sportlicher Angriff: SP-Stadtpräsidiumskandidat Josef Estermann (links) fordert im Wahlkampf 1990 Amtsinhaber Thomas Wagner (FDP). Foto: Walter Bieri (Keystone)

Vier Jahre später war die bürgerliche Wende Geschichte, in Zürich begann das rot-grüne Zeitalter, das bis heute andauert. Am 4. März 1990 fuhr das linke Lager einen Sieg sowohl im Stadtrat als auch im Gemeinderat ein. Für die SP gelangten Josef Estermann und Robert Neukomm neu in den Stadtrat, dem auch noch die Ex-SP-Mitglieder Lieberherr und Kaufmann angehörten, die allerdings als Parteilose kandidiert hatten. Die bürgerliche Vertretung war auf Wolfgang Nigg und Thomas Wagner zusammengeschrumpft. Die SVP war fortan nicht mehr im Stadtrat vertreten.

Einer der Gründe für die linksgrüne Wende orteten Kommentatoren in der Schwäche der FDP: Die Fichenaffäre und der Rücktritt von Bundesrätin Elisabeth Kopp hatten der Partei zugesetzt. Hinzu kam die Amtsgeheimnisverletzung der Stadträte Wagner und Egloff im Zusammenhang mit der Bau- und Zonenordnung. 1994 wurde die rot-grüne Mehrheit gefestigt, und seit 1998 ist die SP, längst die mit Abstand stärkste Partei in der Stadt, stets mit vier Mitgliedern in der Regierung vertreten. Derzeit verfügt Rot-Grün in der Exekutive über eine Mehrheit von sechs Sitzen.

1928: Die erste rote Wende

Den ersten richtigen Machtwechsel im 20. Jahrhundert erlebte Zürich schon 1928, wie Nicola Behrens, Historiker im Stadtarchiv, erklärt. Damals eroberten die Sozialdemokraten mit Emil Klöti das Stadtpräsidium und die absolute Mehrheit im Stadtrat. Davor, von 1892 bis 1917, hatten die Freisinnigen den Stadtpräsidenten gestellt, von 1917 bis 1928 die Demokraten. Mehr noch: Die SP besass von 1933 bis 1938 auch die absolute Mehrheit im Gemeinderat. Es war der Beginn der Ära des «Roten ­Zürich». Die Sitzgewinne der SP waren laut Behrens auch eine Folge der Weltwirtschaftskrise, in der sich die soziale Frage zuspitzte und die Sozialdemokraten auch in anderen Schweizer Städten Mehrheiten errangen.

1949: «Der Alpdruck ist gebannt»

Das «Rote Zürich» hielt sich mehr als zwanzig Jahre, auch in den schwierigen Kriegsjahren. Erst 1949 kam der Umbruch. Nach dem Tod Adolf Lüchingers (SP) schaffte Emil Landolt (FDP) die Wahl zum Stadtpräsidenten. Die SP verlor ihre Mehrheit im Stadtrat, blieb aber stärkste Partei. «Das Ende des roten ­Zürich», konstatierte der «Tages-Anzeiger». Und die NZZ schrieb: «Der Alpdruck des ‹roten Zürichs› ist nun ­gebannt.» Die Wähler hätten «mit den Kommunisten abgerechnet».

Grafik: Mehrheitsverhältnisse im Zürcher StadtratZum Vergrössern klicken.

Ausschlaggebend für die damalige Wende waren laut Beobachtern der Wirtschaftsaufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg und ein Stimmungswandel in der Bevölkerung angesichts der kommunistischen Bedrohung Westeuropas. Die «Ära Landolt» bis 1966 und die darauf folgende Ära Widmer bis 1982 brachten keinen grundlegenden Wandel in der Kommunalpolitik, sie gelten als eine Phase der Kontinuität, geprägt vom Erstarken der politische Mitte. Der Politgeograf Michael Hermann weist auf die «Verbürgerlichung der Arbeiterschaft» hin, die nach dem Krieg zunehmend LdU statt links gewählt habe.

Im Stadtrat blieb die Konstellation von 4 SP, 2 FDP und 2 LdU bis in die 70er-Jahre ziemlich stabil. Aus Sicht der klassischen bürgerlichen Parteien war auf diese gemischten Regierungen allerdings immer weniger Verlass, weshalb für sie die Wahlen 1982 eine Wende markierten.

2018: Zeit für eine neue Ära?

Auffallend: Einmal an der Macht nach einer Wende, zeigten die meisten Sieger eine beachtliche Konstanz: «Das waren fast schon Epochen», sagt Hermann auch mit Blick auf die aktuelle Stadtratsmehrheit. Eine neue Epoche, allerdings bürgerlicher Natur, wollen FDP, SVP und CVP am 4. März 2018 einläuten. Soeben hat sich das überparteiliche Komitee «Top 5» konstituiert. Mit welchem Slogan das Fünferticket in den Wahlkampf ziehen wird, um wie einst im «Goldenen Krokus» jubeln zu können, will es erst nach den Sommerferien verraten.

Erstellt: 18.07.2017, 21:59 Uhr

Das sagt der Politexperte

Gesellschaftliche Umbrüche und die Weltpolitik sind oft wichtiger als lokale Ereignisse.

Für den Politgeografen Michael Hermann hängen Machtwechsel in der Stadtregierung weniger mit Lokalpolitik zusammen als mit gesellschaftlichen Umbrüchen, mit Veränderungen der weltpolitischen Lage und dem Struktur­wandel in der Bevölkerung. «Es hat immer schon einiges gebraucht für eine Wende», sagt er. «Aus einer Phase der Ruhe ist es noch nie zu einem Wechsel gekommen.» Aus heutiger Sicht deute darum wenig darauf hin, dass die Bürgerlichen im kommenden März das Steuer herumreissen können.

Für eine bürgerliche Wende in Zürich brauche es nicht zuletzt einen Wandel der Bevölkerungsstruktur. Zwar ziehen vermehrt Gutverdienende in die Stadt, doch Zürich sei noch nicht zu einem ­Monaco mutiert und so teuer geworden, dass sich eine Mehrheit die Stadt nicht mehr leisten könne. Einem politischen Stimmungsumschwung gehen laut Hermann oft einschneidende Ereignisse ­voraus. Er erinnert an den Landesstreik 1918 und die damals akute soziale Frage, welche dem «Roten Zürich» vorausgingen. Das Ende der SP-Dominanz nach dem 2. Weltkrieg bringt er mit der damals in breiten Bevölkerungskreisen wachsenden Ablehnung des Kommunismus im Verbindung. Später hätten die Gesellschaftskritik der 68er-, die Jugendproteste der 80er-Jahre und das Erstarken der Umweltbewegung die Wende zum rot-grünen Zürich von 1990 eingeläutet. Wobei es 1982 noch zu einer temporären Gegenbewegung kam, als Reaktion auf die Jugendkrawalle.

Ab den 90er-Jahren setzte sich in Zürich immer mehr eine urbane, postmateriell ausgerichtete Wählerschaft durch – diese Wähler und ihre Werte sind bis heute dominant. (mth)

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