Was vom Leben übrig bleibt

Die Künstlerin Alexandra Prusa realisiert im Kreis 4 ein einzigartiges Projekt – inspiriert durch das Vermächtnis ihres Vaters, eines russischen Seebären.

Alexandra Prusa in ihrer Café-Bar, umgeben von Erinnerungsstücken. Foto: Urs Jaudas

Alexandra Prusa in ihrer Café-Bar, umgeben von Erinnerungsstücken. Foto: Urs Jaudas

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Alexandra Prusas Vater Juri war ein Seemann, Abkömmling eines Adelsgeschlechts aus St. Petersburg. Zur See fuhr er nicht aus Liebe zum Meer, nein, weil er keine andere Wahl hatte als Russe ohne Pass. Arbeit als Bildhauer und Freskenmaler, der er war, fand Juri in der Schweiz keine. Sein bewegtes Leben als Schiffsoffizier liess Prusas Vater mehrmals den Erdball umkreisen, «liess ihn leiden, lieben und sammeln», sagt seine Tochter.

Die gesammelten Schätze können bald bei «Was bleibt & Co.» an der Bullingerstrasse 4 bestaunt werden. In den raumhohen Vitrinen der neuen Café-Bar, der vorläufig letzten Station dessen, was vom Leben des Seebären Juri Prusa übrig bleibt. «Und jeder dieser Schätze birgt eine Geschichte, der nachzuspüren sich lohnt», sagt Prusa.

Der Nachlass des Vaters inspirierte die Schauspielerin, Sängerin und Tango­tänzerin zu einer, wie sie vermutet, europaweit einzigartigen Idee. In mehreren angemieteten Räumen der Kirch­gemeinde Hard am Bullingerplatz im Zürcher Kreis 4 konnte die Künstlerin dieses Pionierprojekt dank sehr entgegenkommenden Bedingungen verwirklichen. Entstanden ist in der ehemaligen Garderobe des Kirchgemeindehauses eine Café-Bar mit einer gemütlichen Lounge, dekoriert mit den Kostbarkeiten aus sechzehn Jahren Seefahrt – einer Reise durch Zeiten und Räume. Da stehen farbenprächtige Gläser und Karaffen, Puppen aus Japan, Masken aus Indonesien, Thailand, Japan und China, Uhren, Messer, Bilder sowie wunder­bares Porzellangeschirr und Keramik­figuren aus Fernost – 110 Gegenstände an der Zahl.

Festsaal mit 130 Quadratmetern

Alexandra Prusa und ihr Team legten beim Umbau der Kirchenräume Wert darauf, die Gewerbler im Quartier zu ­berücksichtigen – den Polsterer da, den Beck dort und dazu den Glaser und das Secondhand-Lädeli. Und bereits begrüsse man die Künstlerin so kameradschaftlich, als würde sie dazugehören. Doch obwohl man diese Woche Eröffnung feierte, darf die Café-Bar erst in ein paar Wochen Gäste bewirten. Dann nämlich, wenn die Kirche als Vermieterin den gesetzlichen Auflagen nachkommt, und die Lüftungsanlagen modernisiert hat.

Das Besondere an Alexandra Prusas «Was bleibt & Co.»-Café ist der 130 Quadratmeter grosse, über drei Meter hohe Festsaal. Der sei unter anderem ideal für Ausstellungen von speziellen, eigenwilligen Sammlungen aus Nachlässen. «Wenn einer zum Beispiel zwanzig alte Vespas vom Grossvater geerbt hat und neunzehn davon loswerden will, so kann er dies bei uns tun», sagt Prusa. Oder jemand will seine Afrikanischen Riesenschnecken, «übrigens die fried­liebendsten Tiere auf dieser Welt», einem breiteren Publikum präsentieren. Genauso gut könne man in diesem Saal aber Hochzeiten, Taufen, Geburtstage und Weihnachtsessen abhalten.

Sie waren wie Jäger

«Ist das, was ist . . .», pflegte Vater Juri Prusa mit seinem russischen Akzent jeweils zu sagen, und meinte damit das Leben schlechthin. Sein Leiden unter Stalins Säuberungsaktion, der Tod seiner Mutter und Tanten, die Flucht mit seinem Vater aus dem Arbeitslager, sein bewegtes Leben als Seemann. Bei seinen Landgängen sei er nicht etwa mit seiner zweiten Frau Eva in die Ferien gefahren, sagt seine Tochter, sondern sie gingen auf die Pirsch nach Antiquitäten. «Sie waren wie Jäger», und nach erfolgreicher Jagd seien die beiden dann zu Hause gehockt und hätten an ihren Schätzen «herumgechlüttert», jeder an seinem eigenen Tischchen.

Die Auseinandersetzung mit den Dingen, die vom Leben des russischen Seebären Prusa übrig blieben, hat Tochter Alexandra dem verstorbenen Vater wieder nähergebracht. Und sie ist heute überzeugt, «jedes Leben hat es verdient, dass man seine Geschichten kredenzt und würdigt».

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.10.2014, 21:42 Uhr

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