Weihnachten macht auch vor Stararchitektur nicht halt

Das Landesmuseum und sein neuer Erweiterungsbau in Zürich werden abends festlich beleuchtet. Das gefällt nicht allen.

Weisse Sternchen überall: Der Anlass Live on Ice findet dieses Jahr zum 11. Mal statt.

Weisse Sternchen überall: Der Anlass Live on Ice findet dieses Jahr zum 11. Mal statt. Bild: Live on Ice

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Seit Ende November stehen im Innenhof des Zürcher Landesmuseums eine Eisbahn, Glühweinstände und beheizte Zelte. Live on Ice heisst der grösste Weihnachtsanlass der Schweiz, den der Lichtkünstler Gerry Hofstetter zum 11. Mal veranstaltet. Hofstetter hat das Lichtkonzept entwickelt: Weisse Sterne auf blauem Grund umhüllen den Altbau, ein traditionelles Scherenschnittmuster strahlt vom Erweiterungsbau, die umliegenden Wände leuchten pink.

Hofstetter erwartet über 150’000 Besucher und wirbt insbesondere um Firmen, die hier mit bis zu 1500 Teilnehmern feiern können. Nicht allen gefällt das. Der Architekturkritiker des «Tages-Anzeigers», Andres Herzog sagt: «Muss man jetzt wirklich auch noch in diesem Innenhof Glühwein trinken können? Und braucht es die Zelte? Der Christkindli-Kommerz nimmt immer mehr Plätze dieser Stadt ein und verstellt die Sicht auf die Architektur, das ist schade.»

Rolf Schatz, der sich als Geschäftsstellenleiter von Dark-Sky Switzerland gegen Lichtverschmutzung einsetzt, sagt: «Wenn ganze Gebäude in Licht getaucht werden, muss man sich fragen: Ist das der Sinn der Weihnachtsbeleuchtung?» Schatz findet, weniger sei mehr. «Unsere Herzen sollten brennen, nicht unsere Birnchen.»

«Unsere Herzen sollten brennen, nicht unsere Birnchen.»Rolf Schatz, Dark-Sky Switzerland

Weihnachtsbeleuchtung ist Geschmackssache, auch wenn sie Stararchitektur betrifft. Der Architekturkritiker Benedikt Loderer sagt: «Wenn man durch die dreieckige Öffnung im Anbau auf das Landesmuseum blickt, sieht es ein bisschen aus wie in Aladdins Höhle. Der Rest von Kitsch in meiner Seele findet das gut.» Touristen, die sich für die Architektur des Gebäudes interessierten, kämen ohnehin bei Tageslicht, fügt er an.

«Der Sonnenaufgang war meine Inspiration»

Dass die glatten Betonfassaden des gefeierten Erweiterungsbaus von den Architekten Christ & Gantenbein als Projektionsfläche genutzt werden, findet Loderers Kollege Herzog ebenfalls unproblematisch. «Wenn sich ein Künstler mit einer Fassade auseinandersetzt und sie befristet beleuchtet, ist das spannend.» Die Architekten selbst wollten keine Stellung nehmen.

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Lichtkünstler Hofstetter jedenfalls hat sich mit dem Landesmuseum auseinandergesetzt. Für den Innenhof wählte er wie in den vergangenen Jahren den blauen Hintergrund mit weissen Sternen. «Die Leute erwarten das», sagt er, «es hat Tradition.» Für den sogenannten Gartenhof, der zwischen Alt- und Anbau liegt, setzte Hofstetter auf warme Farben. «Der Sonnenaufgang war meine Inspiration.» Bewusst hat Hofstetter nur eine Fassade des Erweiterungsbaus beleuchtet und als Motiv einen Scherenschnitt gewählt. «Schweizer Architektur und Schweizer Handarbeit, das passt.»

Obwohl sich die Wände des Anbaus gut dafür eigneten, würde Hofstetter niemals bewegte Bilder zeigen. «Warum sollte ich eine Fassade als Leinwand missbrauchen?», fragt er, «die Leute haben schon genügend Stress mit ihren Social Media, es braucht kein Gezappel an der Wand.»

Das Landesmuseum plant derweil die weitere Nutzung des Innenhofs. Direktor Andreas Spillmann sagt: «Grundsätzlich soll der Innenhof für die Bevölkerung frei zugänglich sein. Deshalb haben wir uns entschieden, nicht mehr als drei Anlässe pro Jahr im Innenhof zu veranstalten.» Zwei stehen bereits fest: das Radio-Festival Rundfunk FM und Live on Ice.

Erstellt: 09.12.2016, 16:00 Uhr

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