«Wem sini Rüebli, oisi Rüebli!»

Mit dem Traktor durch die Zürcher Bahnhofstrasse. Bäuerinnen und Bauern treffen sich zum Klimastreik.

«Der Konsument ist nicht das Problem»: Bäuerin Tina Siegenthaler auf dem Helvetiaplatz. (Video: Martin Sturzenegger/Anja Stadelmann)

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Der Kontrast könnte nicht grösser sein: Bauer mit langem, verfilztem Bart trifft auf Banker mit Gel-Frisur, schmutzige Traktore passieren die blitzblanken Boutiquen von Gucci und Prada an der Zürcher Bahnhofstrasse. Eine ältere Frau im Pelzmantel staunt über den Demonstrationszug, der an ihr vorbeizieht: «Was wollen die jetzt mit diesen Rüebli?», fragt sie ihren Begleiter. Zeitgleich skandieren die Demonstranten: «Wem sis Klima, oises Klima. Wem sini Rüebli, oisi Rüebli.» Der Mann entgegnet seiner Frau: «Weisst du, das ist doch diese Klimajugend.»

Tatsächlich wirkt der Umzug von heute Vormittag zunächst wie eine normale Klimademonstration – ein weiterer Friday for future, wie die internationale Bewegung heisst. Doch heute ist Donnerstag und die Teilnehmerzahl gering. Es werden zwar ähnliche Parolen skandiert, und einige Vertreter der Klimajugend befinden sich an vorderster Front. Doch dahinter folgen Traktore, Bäuerinnen mit Heugabel und nachhaltigem Biogemüse in der Hand, die sich «für eine ökologische, regenerative und klimagerechte Landwirtschaft» einsetzen wollen. «Stopp dem Gmües-Rassismus», steht auf einem Transparent. Ein Aufruf gegen das Wegwerfen von frischem Gemüse, das dem Grossverteiler nicht ins Schema passt: eine Gurke, die zu krumm ist oder eine Karotte, die zu blass erscheint.

Hinter dem Protest für eine «Landwirtschaft mit Zukunft» steht Grassrooted. Der Zürcher Verein ist in erster Linie für seine Aktionen gegen Lebensmittelverschwendung bekannt. Der Protest folgt einem Vorbild aus Deutschland, der «Wir haben es satt»-Bewegung, die sich bereits 2011 in Deutschland formierte. Eine gut vernetzte Bewegung aus Bauern, Klimastreikenden und Vertreterinnen aus der Nachhaltigkeitsszene, die sich nun auch in der Schweiz etablieren soll. Die Initianten sehen die heutige Kundgebung, die auf Helvetiaplatz startete, als Anfang von etwas Grösserem.

Bauern denken um

«Um die Schweizer Landwirtschaft steht es nicht so gut, wie man vielleicht meinen mag», sagt Dominik Waser, Mitgründer von Grassrooted. Es gäbe Ursachen, die viele Bauern in eine falsche Richtung treiben würden: Preis- und Produktionsdruck der Grossverteiler, die Pestizidproblematik oder auch der Klimawandel. Dies führe zu einer industrialisierten und gewinnmaximierenden Landwirtschaft, welche die Umwelt stark belaste. «Die Landwirtschaft muss grundlegend umgestaltet werden, um der klimapolitischen Notlage gerecht zu werden», sagt Waser.

Die «Wir haben es satt»-Bewegung versteht sich als Gegenpol zur herkömmlichen Landwirtschaft. Es sind vor allem jüngere Vertreter aus der Biolandwirtschaft, die an der Kundgebung anwesend sind: so etwa Tina Siegenthaler, die einen Biohof in Dietikon betreibt: «Wir Landwirte müssen verstärkt nachhaltig produzieren. Dazu braucht es bessere Rahmenbedingungen aus der Politik.» Bei Biobauern sei das ökologische Bewusstsein sicherlich stärker. «Doch auch konventionelle Bauern haben begriffen, dass es so nicht mehr geht», sagt Siegenthaler. Dürre, Wassermangel, grosse Wetterschwankungen, Früh- oder Spätfrost – diese Wetterkapriolen würden alle Landwirte betreffen. «Das hat fast allen die Augen geöffnet.»

Politik schläft

Doch, wie so oft, liege es an der Politik, sagt Organisator Waser. Die mächtige Agrarlobby, zu der auch Chemiekonzerne wie Monsanto oder Syngenta gehörten, habe einen grossen Einfluss auf die Regierung. Es sei schon fast zu spät: «Die Politik hat eine nachhaltige Landwirtschaftspolitik komplett verschlafen», sagt Waser.

Der Weckruf hat einzelne Politiker inzwischen erreicht. SP-Kantonsrat Nicola Siegrist fordert an der Demo ein radikales Umdenken: «Das aktuelle System in der Landwirtschaft zwingt Bäuerinnen und Bauern viel Pestizid zu verwenden.» Viele Landwirte seien im Grunde bereit, ökologischer zu arbeiten. Doch der Produktionsdruck der Grossverteiler würde dies nicht zulassen.

Erstellt: 26.09.2019, 16:24 Uhr

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