Reportage

Wenig Aussicht auf Wohnung mit Aussicht

Mitten in der Zürcher Altstadt direkt an der Limmat ist eine städtische 5½-Zimmer-Wohnung frei. Der Andrang beim Besichtigungstermin ist enorm. Einige sind schon seit Jahren auf Wohnungssuche.

Warten vor der städtischen Wohnung: Gut 100 Personen wollten einen Blick auf die freie Maisonettewohnung werfen. (Video: Melanie Finschi)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eines vorneweg: Diese Wohnung würde wohl jeder haben wollen. Mitten in der Zürcher Altstadt an der Schipfe 39 gelegen, bietet die 5½-Zimmer-Maisonettewohnung nicht nur jede Menge Platz, sie ist auch hell, frisch renoviert und sagenhaft ruhig. 118 Quadratmeter gross sei sie, heisst es in der Anzeige. Beim Gang durch die Räume auf drei Etagen hat man den Eindruck, dass sie sehr viel grösser ist. Allein der Wohnraum – mit Ausblick auf das Grossmünster – umfasst rund 40 Quadratmeter.

Die heiss begehrte Wohnung gehört der Stadt Zürich. 2757 Franken müssen pro Monat dafür berappt werden – inklusive Nebenkosten. Bezogen werden kann sie sofort oder nach Vereinbarung. Kein Wunder also, drängen sich über 100 Personen vor dem Eingang, als um Punkt 12 Uhr der Besichtigungstermin beginnt.

«Wir suchen schon seit dreieinhalb Jahren»

Einer von ihnen hat es sich auf einem Klappstuhl mit Decke bequem gemacht. Er steht ganz vorne in der Reihe. Dazwischen warten viele Mütter mit ihren Babys und Kleinkindern, einige Paare und Einzelpersonen, die stellvertretend für die Familie an diesem nasskalten Tag in der Warteschlange ausharren. Sie sind bestens ausgerüstet. «Ich kann meinen Betreibungsregisterauszug wenn nötig gleich vorlegen», sagt einer von ihnen.

«Wir suchen schon seit dreieinhalb Jahren nach einer neuen Wohnung in Zürich. Vielleicht sind wir einfach nicht aggressiv genug», sagt eine junge Frau. Sie hätten bereits 18 Bewerbungen für städtische Wohnungen eingereicht. Immer ohne Erfolg. Inzwischen seien sie auch bei vier Genossenschaften auf Wartelisten. Aus ihrer bisherigen Bleibe musste ihre Familie ausziehen, weil diese saniert und der Mietzins danach unerschwinglich wurde. «Momentan leben wir quasi in einer Zwischenlösung, die viel zu klein für uns ist. Aber was auf dem freien Markt angeboten wird, können wir uns nicht leisten.»

Etwas weiter vorn in der Reihe wartet ein Familienvater auf Einlass. «Wir wohnen bereits in Zürich, also stehen wir nicht unter Druck», sagt er auf Anfrage. Allerdings sei das Angebot einfach ideal, «aber wenn ich sehe, wie viele Leute auch hier einziehen möchten, dann rechne ich mir kaum Chancen aus. Es ist schon sehr traurig, dass die Wohnungsnot offenbar so gross ist.»

Gutbetuchte haben keine Chance

Obwohl das Interesse an dieser Wohnung riesig ist, stellt die Stadt Zürich bei der Vermietung lediglich die Bedingung, dass sie nur an Familien mit mindestens zwei Kindern vergeben werden darf. Und es müssen mindestens vier Personen dereinst dort wohnen.

Trotzdem wird die Wohnung nicht an gutbetuchte Banker oder Manager vergeben. Die Vermietung nicht subventionierter, städtischer Liegenschaften ist durch eine gemeinderätliche Verordnung geregelt. Das Verhältnis zwischen Mietzins und Einkommen muss demnach «angemessen» sein. Gemessen an der Faustregel, dass der Mietzins in etwa einem Viertel des Einkommens entsprechen sollte, bedeutet dies im vorliegenden Fall ein jährliches Einkommen von 130'000 bis 150'000 Franken.

Regelungen werden revidiert

«Bei den nicht subventionierten Wohnungen der Stadt gibt es bisher keine maximale Einkommenslimite, bei deren Überschreitung Massnahmen ergriffen werden. Der Stadtrat wird dem Gemeinderat aber noch dieses Jahr einen Vorschlag für die Revision der Vermietungsverordnung unterbreiten», sagt Arno Roggo, Direktor der Liegenschaftenverwaltung der Stadt Zürich, auf Anfrage.

Abschliessend zuständig für die künftige Reglementierung ist somit der Gemeinderat. «Wir gehen davon aus, dass dieser keine derart rigorosen Regeln wie im subventionierten Wohnungsbau beschliessen, sondern eine gewisse Entwicklung der persönlichen Verhältnisse in einem Haushalt zulassen wird. Hingegen rechnen wir damit, dass Mietverhältnisse aufzulösen sind, bei denen die persönlichen Verhältnisse einen gewissen Rahmen sprengen.»

Die Vorgaben der Stadt erfüllen wohl die meisten der Wartenden vor der Schipfe 39 – bis auf einen Studenten, dem offenbar nicht klar war, dass die 5½-Zimmer-Wohnung nur an Familien vergeben wird. Wie viele von ihnen sich nun für die Wohnung bewerben, ist noch unklar. Einen Erfahrungswert gibt es gemäss Roggo nicht. «Jedes Angebot unterscheidet sich von den anderen. Bei der letzten Ausschreibung einer 4-Zimmer-Wohnung in der Altstadt mit einem Mietzins um 3000 Franken gingen 40 Anmeldungen ein, davon erfüllten 10 die Anforderungen an Einkommen und Belegung.»

Erstellt: 03.03.2014, 15:46 Uhr

Bildstrecke

Das Bijou an der Schipfe

Das Bijou an der Schipfe Mitten in der Zürcher Altstadt wird eine städtische Maisonettewohnung frei. Der Ansturm war entsprechend gross.

Artikel zum Thema

«Ich würde alles tun für diese Wohnung»

Sie ist nur 26 Quadratmeter gross. Trotzdem stehen die Leute Schlange für die 1,5-Zimmer-Wohnung im Niederdorf. Die Bewerbungstaktiken sind so vielseitig wie die Wohnungssuchenden selbst. Mehr...

Reiche in Stadtwohnungen: Das will die Stadt tun

Ein FDP-Komitee will Daniel Leupi dazu bringen, sämtliche Wohnungen der Stadt genau unter die Lupe zu nehmen. Die Stadt arbeitet aber bereits an neuen Regeln – und rechnet damit, dass manche umziehen müssen. Mehr...

Millionäre in Stadtwohnungen: Nur eine «Neiddebatte»?

Gutverdienende belegen günstigen Wohnraum: Wie die Stadtratskandidaten Nina Fehr Düsel (SVP), Raphael Golta (SP) und Samuel Dubno (GLP) das Problem lösen wollen. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Bergungsarbeiten nach Taifun-Katastrophe: Der heftige Wirbelsturm «Hagibis» hinterliess über weite Teile Japans eine Spur der Verwüstung. Die Zahl der Todesopfer ist gemäss eines japanischen Fernsehsenders auf 66 gestiegen. (15. Oktober 2019)
(Bild: Jae C. Hong/AP) Mehr...