«Wenig Potenzial für mehr Bewohner»

ETH-Professor Christian Schmid plädiert dafür, Grünflächen zu überbauen, um Wohnraum zu schaffen.

Visionen: Die neue BZO bringt kaum neue Perspektiven für die Entwicklung der Stadt Zürich.

Visionen: Die neue BZO bringt kaum neue Perspektiven für die Entwicklung der Stadt Zürich. Bild: Alessandro Della Bella/Keystone

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Ist die neue BZO, die Zürcher Bau- und Zonenordnung, geeignet, um zusätzlich Raum für prognostizierte 50'000 Zuzüger zu schaffen?
Ich bezweifle es, denn es ist eine sehr stabilitätsorientierte BZO. Sie bietet wenig Potenzial für zusätzliche Bewohner.

Was wäre Ihr Lösungsvorschlag?
Ich sehe verschiedene Möglichkeiten. Von der viel diskutierten Lösung, mehr Hochhäuser zu bauen, rate ich allerdings ab. Damit Hochhäuser einen substanziellen Beitrag zum Wachstum der Stadt leisten, bräuchte es so viele Hochhäuser, dass selbst deren grösste Verfechter nicht mehr glücklich wären. Die jetzigen Hochhäuser bringen wenig in Bezug auf die Dichte. Diese kann man mit anderen Mitteln besser erreichen.

Welchen?
Beispielsweise Blockrandbebauungen. Damit erreicht man sowohl eine höhere Dichte wie auch eine hohe urbane Qualität. Dadurch können ein belebter Strassenraum und unterschiedliche öffentliche Räume entstehen.

Mehr Platz gäbe es auch, indem man erlauben würde, höher zu bauen. Ist die sogenannte Aufzonierung ein geeignetes Mittel?
Davon halte ich in den bereits dichten Quartieren Zürichs gar nichts. Dadurch wird bestehende Bausubstanz vernichtet, was zu deutlich höheren Wohnungspreisen und zur Verdrängung der ansässigen Bevölkerung führt. Günstiger Wohnraum kann mit einer Verdichtung weder geschaffen noch erhalten werden, man lädt lediglich zum Abbruch bestehender Bauten ein. Und das architektonische Resultat ist in solchen Fällen oft ziemlich armselig, ebenso die städtebauliche und die urbane Qualität. Schliesslich leben meistens auch nicht mehr Leute in verdichteten Quartieren.

Warum nicht?
Neue Wohnungen sind zwar gross, darin leben aber oft nur ein oder zwei Personen. Das heisst, der durchschnittliche Flächenverbrauch pro Kopf steigt, was die Wohnungsknappheit verstärkt.

Genossenschaften bauen wieder kleinere Wohnungen. Sollten die privaten Wohnungsbauer diesem Beispiel folgen?
Das wäre wünschenswert. Allerdings stellen kleinere Wohnungen höhere Ansprüche an den Aussenraum. Dieser muss eine hohe Aufenthaltsqualität aufweisen und sorgfältig gestaltet sein.

Erkennen Sie eine Strategie oder Handschrift in der BZO?
Die BZO trägt die Handschrift des Kompromisses. Der Stadtrat will damit niemandem auf die Füsse treten. Alles soll unter einen Hut gebracht werden: günstigen Wohnraum erhalten, die bestehende Stadtstruktur schützen, den Grünraum erhalten.

Die letzte grosse BZO-Erneuerung in Zürich endete 1992 in einem grossen Streit. Am Ende diktierte der Kanton der Stadt die neue BZO. Wie gut stehen die Chancen der jetzigen Neuordnung?
Die Chancen sind sicher gross, dass die BZO diesmal wie geplant in Kraft treten kann. Für die jetzige Regierung sind die Erfahrungen mit der letzten BZO traumatisch. Sie stammte aus der Feder der damaligen Bauvorsteherin Ursula Koch, hatte einen visionären Charakter und wurde vom Volk gutgeheissen. Dann hat der Kanton die BZO staatsstreichartig ausser Kraft gesetzt.

Was waren die Folgen?
Das Resultat lässt sich in Zürich-West besichtigen. Ein durchmischtes, innovatives Stadtquartier mit Freiräumen und einem langfristigen Entwicklungshorizont blieb auf der Strecke. Bisher sah man die Resultate aus der BZO Koch, jetzt treten die Eingriffe des Kantons zu-tage. Zürich-West ist ein teures und ziemlich langweiliges Cityquartier geworden, mit wenig Offenheit und kaum noch Experimentierräumen. Das starke Renditedenken, eine hohe Ausnutzung und wenig Kooperationsbereitschaft vonseiten der privaten Investoren haben zu diesem Ergebnis geführt.

Woran krankt die geplante BZO am meisten?
Sie enthält keine Visionen für die Stadt Zürich, und sie enthält keine Antworten auf die wichtigsten Herausforderungen. Diese Fragen hätte man sich im Vorfeld stellen sollen, bevor man sich jetzt in den Details verliert. Eine Stadt wie Zürich braucht eine Debatte über eine zukunftsorientierte Strategie.

Welches sind die wichtigsten Herausforderungen?
Ich sehe vor allem vier Punkte. Zürich ist eine Stadt, die stark wächst, es braucht mehr Wohn- und Gewerberaum. Dafür müsste man ein Tabu brechen: neue Gebiete einzonen. In Zürich gibt es nach wie vor sehr viele Grünflächen – Hügel, Wälder, Landwirtschaftszonen und Wiesen. Davon könnte man einen Teil einzonen und bebauen. Zweitens müsste man den Städtebau über die Gemeindegrenzen hinaus gemeinsam planen und koordinieren. Doch jede Gemeinde schaut nur für sich. Der dritte Punkt ist, Urbanität zu erhalten. Wie kann die bestehende Mischung von unterschiedlichen Nutzungen und Bevölkerungsgruppen bewahrt und gefördert werden? Und schliesslich viertens: Es fehlen Antworten auf die Offenheit für die Entwicklung alternativer Nutzungen. Ein Legislaturziel ist, innovative Kleinunternehmen zu fördern. Tatsächlich werden diese aber aus der Stadt verdrängt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.10.2013, 08:37 Uhr

Der Geograf, Soziologe und Stadtforscher ist Titularprofessor für Soziologie am Departement Architektur der ETH und Forscher am ETH Studio Basel/Institut Stadt der Gegenwart.

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