Wenn Elektroöfen die 2000-Watt-Gesellschaft verheizen

Die Stadt will die 2000-Watt-Gesellschaft. Bei Notwohnungen im Erismannhof drückt sie aber beide Augen zu.

Holz kann mehr kosten, als den Elektroofen zu verwenden: Siedlung Erismannhof in Zürich.

Holz kann mehr kosten, als den Elektroofen zu verwenden: Siedlung Erismannhof in Zürich. Bild: Sabina Bobst

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Wer in der Siedlung Erismannhof lebt, wohnt günstig. Rund 800 Franken bezahlt man für eine Dreizimmer-Wohnung in der städtischen Liegenschaft. Dafür gibt es Abstriche beim Luxus: Geheizt werden sollte zum Beispiel mit Holz, was pro Winter mit weiteren rund 500 Franken zu Buche schlägt. Doch längst nicht alle Mieter wollen die Zusatzkosten auf sich nehmen.

«Wir heizen zwar grundsätzlich mit Holz», erklärt eine Anwohnerin, «am frühen Morgen nutzen wir aber einen Elektroofen.» Anders sehe es bei ihrer Nachbarin aus. Diese verzichte komplett darauf, sich mit Holz einzudecken. «Sie heizt ausschliesslich mit Elektroöfen.» Und dies nicht einmal auf eigene Rechnung. Die Mietverträge schlössen nämlich sämtliche Energiekosten mit ein, erklärt die Anwohnerin.

16'000 Watt in acht Stunden

Laut Iris Hassenpflug vom EWZ liegt der Stromverbrauch von Elektroöfen bei 2000 Watt pro Stunde. «Man kann die Nutzung nicht allgemein verteufeln. Gerade ältere Menschen, die oft frieren, brauchen während einiger Stunden täglich womöglich eine zusätzliche Wärmequelle.» Lange benutzt werden sollten sie aber nicht. «Sie als Heizung für eine Wohnung zu verwenden, ist fahrlässig.» Läuft ein Elektroofen also während zehn Stunden, braucht er rund 20'000 Wattstunden.

Mietverträge mit Energiepauschalen, welche Anreize bieten, Elektroöfen zu benutzen: Wie lässt sich dies mit den Zielen einer 2000-Watt-Gesellschaft vereinbaren, welche die Stadt propagiert? Laut Arno Roggo, Direktor der städtischen Liegenschaftsverwaltung, betrifft die Regelung nur 22 von 170 Wohnungen im Erismannhof, nämlich jene, die vom Jugendwohnnetz oder vom ebenfalls städtischen Büro für Notwohnungen vermietet würden. Bei allen anderen sei der Haushaltsstrom «selbstverständlich nicht im Mietzins inbegriffen, sondern wird der Mieterschaft vom EWZ direkt in Rechnung gestellt.»

Gängige Heiztemperaturen aufzeigen

Für die Notwohnungen ist das städtische Sozialdepartement zuständig. Dessen Sprecher Thomas Meier erklärt, man habe keine Kenntnis von solchen Vorfällen. Allerdings sei es nicht möglich, die Energiekosten den Mietern direkt in Rechnung zu stellen. «Bei den Notwohnungen handelt es sich um befristete Angebote für Leute, die sonst akut von Obdachlosigkeit bedroht sind.» Da sie oft nur für wenige Monate in den Wohnungen leben, verrechne man eine Energiepauschale. «Sonst ist es möglich, dass der Bewohner längst ausgezogen ist, wenn die letzte Rechnung vom EWZ gestellt wird.»

Dennoch nehme man das Ziel einer 2000-Watt-Gesellschaft ernst. Man stelle beispielsweise das Holz für die Heizung gratis zur Verfügung. «Bei Bewohnern, welche ursprünglich aus wärmeren Regionen kommen, suchen wir das Gespräch, um ihnen die hier gängigen Heiztemperaturen aufzuzeigen.» Ob dies ausreicht, um die städtischen Energieziele zu erreichen, bleibt offen. Beim Jugendwohnnetz war niemand für eine Stellungnahme erreichbar.

Erstellt: 03.02.2012, 11:29 Uhr

Die 2000-Watt-Gesellschaft

Bei der 2000-Watt-Gesellschaft handelt es sich um ein energiepolitisches Modell, das Fachleute im Rahmen des Programms Novatlantis an der ETH Zürich entwickelt haben. Was die Stadt Zürich heute anstrebt, war in der Schweiz bereits einmal Wirklichkeit, und zwar zu Beginn der 1960er-Jahre. Damals verbrauchte der Schweizer durchschnittlich 17 500 Kilowattstunden pro Jahr; dies entspricht einer kontinuierlichen Leistung von 2000 Watt. In der Schweiz liegen wir heute bei 5000 Watt, und das ohne graue Energie, die bei Herstellung, Transport, Lagerung und Entsorgungeines Produkts anfällt und weitere 4000 Watt ausmacht. Ein grosser Teil der Menschen global muss mit weniger als 1000 Watt pro Kopf auskommen.

Gemäss Schweizerischer Energie-Stiftung hat eine Person in einer 2000-Watt-Gesellschaft 500 Watt für die Mobilität zur Verfügung. Davon sind die Zürcher heute weit entfernt. Wer mit einem gewöhnlichen Auto (9 Liter/100 km) pro Jahr 50 000 Kilometer fährt, überzieht sein Konto mit 3300 Watt bereits deutlich. Dasselbe Bild beim Fliegen: Drei Langstreckenflüge mit einer Distanz von total 20 000 Kilometern plus drei Kurzstreckenflüge à je 2000 Kilometer ergeben einen Wert von 4200 Watt pro Jahr. Auch Zugpendler überziehen ihr Budget: Wer ein Jahr lang von Bern nach Zürich pendelt, legt dabei 40 000 Bahnkilometer zurück - 1500 von 2000 Watt sind aufgebraucht. (sth)

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