«Wenn Frau Nielsen richtig rechnen würde»

Stadträtin Claudia Nielsens Interview zur Ausdehnung der Tempo-30-Zonen stösst bei den Tagesanzeiger.ch-Lesern mehrheitlich auf Ablehnung. Besonders ihre Rechenkenntnisse stehen in der Kritik.

Die grosse Temporeduktion: Von Verkehrsberuhigung betroffene Strassen.

Die grosse Temporeduktion: Von Verkehrsberuhigung betroffene Strassen. Bild: TA

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Mehr als 940 Personen nahmen an einer Umfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet zur Ausdehnung der Tempo-30-Zonen in der Stadt Zürich teil. Fast 52 Prozent lehnen diese ab. Noch deutlicher fällt das Verdikt in den Leserkommentaren aus: Hier weht dem Ansinnen der Stadt ein noch kühlerer Wind entgegen.

«Tempo 30 flächendeckend wurde von der Stimmbevölkerung hoch abgelehnt, aber wen kümmerts?», fragt sich Robert Urech. Viele Leser stört vor allem, dass man mit den Massnahmen Lärm bekämpfen will. «Wer idyllisch und ruhig wohnen will, der muss nicht in die Stadt ziehen», meint etwa Robert Lee. Und Bruno Bärtschi sieht schon die Natur die Stadt zurückerobern: «Wenn dann den Kühen auf dem wiederbegrünten Bellevue die Glocken umgehängt werden, wandern die Zürcher auf der Suche nach Leben aufs Land aus.»

Willkürliche Einteilung

Manchen Lesern scheint die Festlegung von Tempo-30- und Tempo-50-Zonen willkürlich: «Für mich völlig unlogisch», meint Julia Frei. Rund ums Kasernenareal würde beispielsweise die Militärstrasse auf Tempo 30 reduziert, alle anderen blieben bei Tempo 50. «Ist ja klar, dass einige Autofahrer die Tempo-30-Zone umfahren und an den anderen Strassen mehr Lärm entsteht.» Für viele Leser, wie auch für Susanne Elsener, wäre eine andere Lösung zielgerichteter gewesen: «Der lärmige Verkehr wäre mit Roadpricing auch in den Griff zu kriegen.»

Auch die Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt werden voller Sorge diskutiert. Das Verdikt: Je mehr Tempo-30-Zonen, desto mehr Miete in den verkehrsberuhigten Gebieten. «Der einfache Arbeiter muss in die Agglo ziehen», meint Friedrich Müller, «er ist in der Stadt Zürich nicht mehr erwünscht.»

Stau durch Tempo 30?

Selbst im Vergleich mit anderen Städten, mache die Neuregelung kaum Sinn, meint J. A. von Berg: «Hongkong – mit der höchsten Bevölkerungsdichte – kennt solche Regeln nicht.» Berg glaubt, dass sie sich auch schlicht nicht lohnen: «Tempo 30 bedeutet länger fahren, länger Lärm, mehr Benzinverbrauch und mehr Abgase.» Dem stimmen viele Leser zu oder führen, wie Jean Sturm, weitere Argumente ins Feld: «Die Lärmreduktion ist umstritten, aber durch die Tempoverlangsamung wird es Stau geben.»

Genau dem widersprechen die Befürworter vehement. Viele glauben, dass Staus so sogar vermieden werden und man mit Tempo 30 schneller zum Ziel kommt, als mit Tempo 50. «Durch das langsamere Fahren wird insbesondere das Einfädeln einfacher, was Stockungen vermeidet», erklärt Dietrich Michael Weidmann. Für die Befürworter steht aber nicht die Lärmdiskussion im Vordergrund, sondern die Sicherheit: «Tempo 30 rettet Leben, das ist nun mal Fakt», schreibt Richard Henning, «alles andere ist Nebensache.» Auch für George Baschi ist klar: «So muss Innovation sein.»

Nielsens Rechenfehler

Doch das Interview mit Stadträtin Nielsen wird nicht nur bezüglich der Temporeduktionen heiss diskutiert. Ihr Beispiel, dass die städtischen Busse nur zwei Sekunden Zeit auf 100 Meter verlieren, können viele Leser nicht verstehen. «Wenn Frau Nielsen richtig rechnen würde, ist der Bus auf hundert Meter 4,8 Sekunden länger unterwegs», rechnet Klaus Küfner vor. Und Edi Stuber fragt sich: «Sie hat sich um Faktor 2,4 verrechnet. Stimmen wohl die übrigen Zahlenangaben?»

Ein weiteres Problem: Nielsen scheint mit ihrer klaren Kommunikation gewisse Leser vor den Kopf zu stossen: «Schräger Auftritt der Frau Nielsen», meint Jean Sensbien, «eine Kommunikationsschulung wäre angebracht.» Auch Thomas Müller meint lakonisch: «Claudia, ich bewundere dich, dass du über uns Bürger so viel Macht hast. Muss ein geiles Gefühl sein.»

Erstellt: 31.05.2012, 13:02 Uhr

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