Wenn Politiker zu Ravern werden

Mitten im Getümmel der Street Parade fand sich eine Handvoll Zürcher Gemeinde- und Kantonsräte. Wir haben sie begleitet.

Sind begeistert von der Parade: SVP-Gemeinderat Rolf Müller und seine 87-jährige Mutter. Foto: Raisa Durandi

Sind begeistert von der Parade: SVP-Gemeinderat Rolf Müller und seine 87-jährige Mutter. Foto: Raisa Durandi

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Mit einem Kondom in der Hand kichern sich die Gemeinderätinnen und Kantonsräte peinlich berührt zu. So haben sie sich den Einstieg in diese dreistündige Street-Parade-Führung kaum vorgestellt. Glücklicherweise wurde in der Einladung zu diesem Blick hinter die Kulissen explizit verlangt, «gute Laune» mitzubringen. Und so lachen die Politiker nun dem einzig mit einem türkisfarbenen Unterhöschen bekleideten Verhüterli-Promoter zu.

«Hört ihr mich?», fragt Joel Meier, Präsident des Vereins Street Parade, in die Runde und erntet Kopfschütteln. Ein paar Meter weg von der Center Stage am Bürkliplatz klappt es mit der Begrüssung dann doch noch. Er hoffe, dass alle Anwesenden mit einem positiven Gefühl gegenüber der Street Parade weggingen, so Meier: «Auch wenn die Musik nicht jedermanns Sache ist und es Dinge zu sehen geben wird, die nicht lässig sind.»

Eine Art Schulreise durch die Techno-Party. Foto: Raisa Durandi

Einen ersten nicht so lässigen Moment gibt es beim Besuch von Schutz und Rettung. Während die meisten Politiker noch an ihrem Kaffee nippen, wird auf einer Bahre ein Raver gebracht, der sein Bier nicht mehr im Magen halten kann. «Der hatte ein kurzes Festli», kommentiert ein Gemeinderat. «Der ist doch am Abend wieder auf den Beinen», widerspricht seine Kollegin. Peter Wullschleger, Kommandant Feuerwehr und Zivilschutz, erklärt, dass der besagte Raver nun von seinem Team abgeklärt werde. Wenn alles gut laufe, könne er nach einer Infusion den Sanitätsposten wieder verlassen.

Wullschleger hat das Engagement seiner Teams in Zahlen gepackt. Das Plakat ist den Gästen ein erstes «Behind the Scenes»-Foto wert: 8 Sanitätsposten,5 Notärzte, insgesamt 377 Mitarbeiter mehr als bei einem normalen Tagesaufgebot.

Kostüme googeln

Bereits zum zweiten Mal wagte sich am Samstag eine Handvoll Politikerinnen und Politiker noch näher ans Parade-Geschehen: Sieben Gemeinderäte aus verschiedenen Fraktionen feiern auf den Love-Mobiles mit. Ein Erlebnis nicht ohne Hürden, wie Ronny Siev erklärt. «Mad Max» lautete der Dresscode für den ihm zugeteilten Wagen. Einen Begriff, den der GLP-Gemeinderat erst einmal googeln musste: «Da sah ich krasse Outfits aus Leder, Masken und Schläuchen und war erst völlig ratlos, wo ich so etwas finden soll.» Schliesslich hilft ihm eine Kollegin beim Schminken sowie dabei, eine passende Kette und einen Lederhandschuh aufzutreiben.

Die vier Stunden auf dem Mobile seien im Nu vergangen: «Ich spürte eine unglaubliche Energie», sagt Siev. Die auf den Mobiles Ravenden und die tanzende Masse darum herum würden sich gegenseitig inspirieren. Einzig das abrupte Abbremsen des Wagens habe die Stimmung ab und an kurz unterbrochen.

Mit Mad-Max-Kostüm unterwegs: GLP-Gemeinderat Ronny Siev. Foto: Raisa Durandi

Die Mobile-Initiative geht auf Ex-Gemeinderatspräsident Martin Bürki (FDP) zurück, der die Politiker so an den Puls der Stadt heranführen will: «Die Street Parade poliert das Image Zürichs bei den Jungen gewaltig auf und sollte deshalb auch bei uns Gemeinderäten einen höheren Stellenwert geniessen.» Bürki ist seit zwanzig Jahren regelmässiger Gast an der Technoparty und «ein riesiger Fan von dieser modernen Art eines Karnevals».

Natürlich liess auch er es sich nicht nehmen, auf einem Mobile zum Sound der Deluxe Clubbers mitzuraven. «Als der Wagen nach der Quaibrücke den Blick auf die tanzende Masse in der Bahnhofstrasse freigab, war ich komplett überwältigt», sagt er und kündigt bereits eine Wiederholung im nächsten Jahr an.

Jedes Jahr besser

Derweil ziehen die 25 Kantonsrätinnen und Gemeinderäte auf der Tour in Richtung Abfall­umschlagplatz weiter. Die adrett gekleidete Gruppe wirkt zwischen verkleideten Nonnen im Latex-Overall und glitzernden freien Oberkörpern wie eine Primarklasse, die sich auf der Schulreise verirrt hat. Das Abfallkonzept begeistert, Einzelne machen sich Notizen, während der OK-Chef Reinigung, Carlo Blättler, das Abfallsystem erklärt. «Unser Ziel ist es, am Sonntagmorgen wieder alles sauber zu haben», sagt Blättler.

Das Team der Street ­Parade ist zwar locker drauf, aber leistet seriöse und gute Arbeit. SP-Gemeinderätin Helen Glaser

Vizeratspräsidentin Helen Glaser (SP) ist beeindruckt: «Es ist fantastisch, zu sehen, wie sich das Team jedes Jahr von neuem überlegt, wo sie im System noch bessere Anpassungen machen können. Chapeau!» Zwar ist Glaser sonst kein grosser Fan von Technomusik, auch tue sie sich schwer mit grossen Menschenmassen. Die Führung hinter die Street-Parade-Kulisse habe sich aber sehr gelohnt. Sie habe gesehen, dass das Team der Street ­Parade zwar «locker drauf sei», aber doch «seriöse und gute Arbeit» leiste.

Selbst ein bisschen DJ-Star

Die ersten wippenden und tänzelnden Politikerinnen und Politiker gibt es bei der Hauptbühne auf dem Sechseläutenplatz zu ­sehen. Die Truppe zeigt sich besonders begeistert ob des Umstands, dass das Holz für die Bühne vom geerbten Stück Wald des Street-Parade-Vereinspräsidenten Meier stammt. Dafür gibt es Zwischenapplaus. «Papi, nun musst du wirklich die Ohropax anziehen», rät der Sohn von CVP-Kantonsrat Josef Widler seinem Vater. Er ist das erste Mal an der Street Parade und wird später insbesondere dem Sicherheitsdispositiv gute Noten ausstellen.

Der Rundgang führt vor der Hauptbühne durch. Foto: Raisa Durandi

Dann dürfen die Staatsfrauen und -männer in kleinen Gruppen einmal vor der Hauptbühne durchziehen. Die 87-jährige Mutter von SVP-Gemeinderat Rolf Müller winkt bei ihrem Durchgang zusammen mit ihrem Sohn begeistert in die Massen – und diese winken zurück. «Es mag seltsam klingen, aber alle Politiker und ihre Begleitung sind auf diesem Rundgang eine Art Familie gewesen», wird der SVP-Politiker später sagen. Nächstes Jahr wolle er vielleicht den Schritt auf ein Love-Mobile wagen.

Die Tour endet im Bernhard-Theater, mit Erklärungen zu den Sicherheitsmassnahmen. Besonders interessieren die Terror­absperrungen, welche die Zugänge zur Innenstadt abriegeln. Und was ist bei einem Stromausfall?, will einer wissen. «Da kommen unsere Generatoren zum Einsatz», antwortet Sicherheitschef Marcel Hirschi.

Auch Kantonsratspräsident Dieter Kläy (links) war an der Parade. Foto: Raisa Durandi

Zum Abschluss wendet sich Vereinspräsident Meier nochmals an die Gruppe und spricht nun in Zahlen: Die Gesamtkosten würden sich auf 4 Millionen Franken belaufen. Davon werde eine Million über Sponsoring und rund 300'000 Franken über VIP-Beiträge und Merchandise wieder eingenommen. Der Rest müsse über den Getränkeverkauf zurückfliessen. Und hier, so Meiers Befürchtung, könne auch einmal etwas schiefgehen – etwa bei schlechtem Wetter. Man sei stolz, dass man die Veranstaltung bisher ohne Unterstützung der öffentlichen Hand habe durchführen können. «Doch sollte einmal etwas missraten, bin ich froh, wenn Sie an uns denken», sagt Meier.

Beim anschliessenden Pro­secco ist in der Politgruppe der Grundtenor gegenüber einem solchen Notfall-Zustupf von links bis rechts positiv. Für einen kurzen Moment herrscht «Colours of Unity».

Erstellt: 11.08.2019, 23:13 Uhr

Roboter untersucht Rucksack

Ein verdächtiger Rucksack führte gegen 20 Uhr am Samstagabend zu einer grossräumigen Sperrung am Utoquai. Im Bereich der Beiz Pumpstation fuhren Polizeifahrzeuge mit Sandsäcken auf, um das Umfeld zu sichern. Mit einem ferngesteuerten Roboter untersuchten Forensiker das verdächtige Objekt. Da eine abschliessende Beurteilung des Inhalts vor Ort nicht möglich war, wurde der Rucksack in einem Sicherheitsbehälter abtransportiert. Ein 35-jähriger Schweizer, der in Zürich wohnt, wurde «für weitere Abklärungen» festgenommen, wie die Stadtpolizei mitteilte.

Am Sonntag veröffentlichte die Kantonspolizei, die den Fall übernommen hat, Bilder eines orangefarbenen Rucksacks der Marke Jack Wolfskin Berkeley und bat um Hinweise von Zeugen. Von dem Rucksack gehe keine Gefahr mehr aus, sagte Polizeisprecher Ralph Hirt. Er befinde sich an einem sicheren Ort. «Wir äussern uns zum Inhalt erst, wenn er verifiziert ist.» Mit weiteren Informationen sei am Montag zu rechnen.

Ob es sich bei dem Festgenommenen um den Besitzer des Rucksacks handelte, konnte Hirt nicht sagen. Sollte der Mann länger festgehalten werden, müsste die Staatsanwaltschaft Untersuchungshaft beantragen. Ein Haftrichter hätte dann 48 Stunden Zeit, den Antrag zu prüfen.

78 Personen festgenommen

Die Street Parade sei durch die Sperrung nicht beeinträchtigt worden, sagte Parade-Sprecher Stefan Egli der NZZ. «Da es an dem Ort keine Bühne hat, hielten sich dort fast keine Raver mehr auf.» Die Zusammenarbeit der Polizei mit den Veranstaltern sei hervorragend gewesen.

Insgesamt verlief das 28. Raverfest am Seebecken friedlich. 78 Personen aus 21 Ländern wurden festgenommen wegen Delikten wie Drogenhandel, Körperverletzung, Gewalt gegen Beamte und Widerhandlungen gegen das Ausländergesetz. 12 Personen erstatteten Anzeige, weil ihnen Schmuckstücke entrissen worden waren. Unter den Festgenommenen befanden sich fünf Jugendliche und zwei Frauen. Ein Mann wurde festgenommen, weil er andere Raver mit einer Handfeuerwaffe bedroht hatte – einer Imitationswaffe, wie sich herausstellte, deren Tragen allerdings auch verboten ist.

Die Zahl der 654 Behandlungen, die an den Sanitätsposten von Schutz & Rettung Zürich vorgenommen wurden, lag etwa 10 Prozent tiefer als 2018. Knapp die Hälfte der Fälle betraf übermässigen Konsum von Alkohol und Drogen – eine deutliche Zunahme im Vergleich zum Vorjahr. 59 Personen wurden ins Spital gebracht, darunter vier Schwerverletzte. Ein 27-Jähriger erlitt unter ungeklärten Umständen Stichwunden am Oberkörper, zwei Personen hatten ein Schädel-Hirn-Trauma. (hbr)

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