Wenn Seniorinnen öffentliche Wände versprayen

Am Montagnachmittag konnte man drei vife ältere Damen beim Graffitisprühen am oberen Letten beobachten. Dahinter steckt ein sinniges Projekt.

Mit Profiequipment ans Erstlingswerk: Die drei SAW-Künstlerinnen. Fotos: Urs Jaudas

Mit Profiequipment ans Erstlingswerk: Die drei SAW-Künstlerinnen. Fotos: Urs Jaudas

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So gegen 14.30 Uhr, kurz nachdem sie zaghaft begonnen haben, erste Flächen zu besprühen, fährt ein Kastenwagen der Stadtpolizei vorbei. Für jeden gestandenen Graffitikünstler wäre das die Traumsituation: Vor den Augen der Polizisten öffentliches Terrain besprayen, zu geil – auf der Street-Credibility-Skala bekäme man dafür eine glatte 10. Doch Miriam Meier, Therese Fischer und Doris Tognazzo bemerken die Polizei gar nicht, so sehr sind sie in ihre Aufgabe vertieft. Verständlich, es ist schliesslich ihr erstes Mal an der Wand, das bedeutet Aufregung pur.

An dieser Stelle sei zwingend erwähnt, dass die drei Frauen nichts Widerrechtliches anstellen: Sie haben ihre öffentliche Graffitipremiere am oberen Letten, dessen Mauern sind offiziell für Street-Art freigegeben – weshalb die Werke, die hier entstehen, in der Regel auch rasch wieder vergehen (also übersprayt werden); selbst die grossen Namen der Szene geniessen in diesem begehrten Rayon keinen Sonderstatus.

Item. Viel interessanter ist nämlich der hier manifestierte Bruch mit dem Klischee. Schliesslich, so heisst es, sähen ältere Menschen in Graffiti und Co. nicht viel mehr als verunstaltete Mauern und Wände und regten sich bisweilen fürchterlich auf über die jugendlichen Tunichtgute. Und doch stehen nun drei von ihnen da und produzieren höchstselbst solche «Schmierereien» – notabene unter Anleitung einer Street-Artistin.

Alles legal: Am oberen Letten sind die Mauern offiziell für Street-Art freigegeben.

Eigentlich wären sie zu fünft gewesen, sagt Laurence Lan­derts, besagte Künstlerin, doch zwei Leute seien leider verhindert. Der mehrteilige Kurs, in dem den vier Frauen und dem einen Mann kostenlos eine Menge Fachwissen vermittelt wurde – inklusive nerdiger Details wie der Bezeichnungen der verschiedenen Caps (Sprühköpfe) –, ist für die junge Frau sozusagen eine Prüfung, sprich der praktische Teil ihrer ZHDK-Ausbildung zur Erwachsenenbildnerin im Bereich Künste und Design.

Sie werden weitermachen

Angeheuert wurde Landerts von Ulrike Liebert, deren Firma «Generation 65 plus» Seniorinnen und Senioren in unterschiedlichen Lebensbereichen zu mehr Selbstständigkeit verhelfen will und die bei der Stiftung Alterswohnungen (SAW) ein Mandat hat. Et voilà – weil die 63-jährige Miriam Meier und die 65-jährige Doris Tognazzo eine solche SAW-Wohnung mieten und die 76-jährige Therese Fischer mal einen Gaming-Workshop von Liebert besucht hatte, sind sie binnen weniger Wochen zu Graffitinovizinnen geworden. Die heute, an diesem frostigen Montag, anhand selbst gemachter Schablonen ein Erstlingswerk auf die Lettenmauer sprayen.

Voll fokussiert: Graffitinovizin Doris «Zita» Tognazzo.

Bei Tognazzo ist es ihr verstorbener Schäferhund, dessen Namen Zita sie jetzt als Künstlernamen benutzt. Die frühere Buchhändlerin sagt, sie sei der Street-Art zwar stets offen begegnet, doch die Vertiefung habe bei ihr eine eingeschlafene kreative Ader wachgeküsst, das sei super. Fischer – Pseudonym «Thaski» –, die unlängst vom Aargau nach Zürich zurück zügelte («weil hier mehr läuft»), kreiert einen Fisch, schimpft aber bei der Ausführung mit sich selbst («Doof, diese verlaufenden Tropfen»).

Meier – Artistname «Flor» (den sie eindrücklich auf die Wand zaubert) – ist seit Jugendtagen als Freizeitkünstlerin aktiv und hat vor einigen Jahren ein Atelier eröffnet, in dem sich Malbegeisterte austoben können. Sie sagt, der Kurs sei derart toll gewesen, dass sie gemeinsam entschieden hätten, ihre Graffiti-Skills nächsten Sommer zu vertiefen – «natürlich bei Laurence, die wir dann auf eigene Kosten engagieren werden».

Erstellt: 12.11.2019, 16:03 Uhr

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