Wenn der Bruder spurlos verschwindet

Vom Bruder von Paul Rys fehlt seit 2003 jede Spur. Die Ungewissheit lässt den ETH-Professor nicht los. Er vermutet, dass die Mafia und die CIA mit dem Fall zu tun haben.

Das Verschwinden von Franz Rys (l.) gibt seinem Bruder Paul (r.) heute noch Rätsel auf.

Das Verschwinden von Franz Rys (l.) gibt seinem Bruder Paul (r.) heute noch Rätsel auf.

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«Prag ist die schönste Stadt in Europa», sagt der emeritierte ETH-Professor Paul Rys. Und das, obwohl die tschechische Kapitale für den Zürcher mit einem schweren Schicksalsschlag verknüpft ist. 2003 verschwand sein älterer Bruder, 66-jährig, irgendwo auf dem Weg von Prag nach Zürich – seither fehlt von Franz Rys jede Spur.

Das letzte Lebenszeichen von Franz Rys erhielt seine Lebenspartnerin, die in Berlin wohnte. Er rief sie am 16. Januar 2003 von Prag an, um ihr mitzuteilen, dass er am kommenden Tag den Zug über Deutschland nach Zürich nehmen würde. «Er war sich noch nicht sicher, ob er um 6.30 oder 7.30 Uhr abreisen würde», erinnert sich Paul Rys. Es scheint, als ob er sich schliesslich für den späteren Zug entschieden hätte, denn eine Nachbarin will gehört haben, wie bei Rys um 6.30 Uhr die Tür ins Schloss fiel. Ab diesem Zeitpunkt tappen die Angehörigen im Dunkeln – heute noch.

«Pflichtbewusster Familienmensch»

Der Physiker hinterliess auf einem Tisch einen Zettel, auf dem er täglich sein Gewicht zu protokollieren pflegte – der Eintrag des 17. Januar war sein letzter. Als der Physiker sich nicht meldet und nicht an sein Mobiltelefon geht, meldet sich seine besorgte Lebenspartnerin bei Paul Rys. Dieser gab bei der Kantonspolizei Zürich und den Ordnungshütern in Prag eine Vermisstmeldung auf. «Die Zürcher Polizisten quittierten meine Meldung mit Achselzucken und der Bemerkung, die meisten Vermissten tauchten nach einer gewissen Zeit von alleine wieder auf.» Darüber ist Paul Rys heute noch fassungslos.

Paul Rys und seine Frau Marie-Louise sind überzeugt, dass sich der Vermisste nicht aus freien Stücken abgesetzt hat. «Mein Bruder war ein freier Mann, nicht verheiratet, keine Schulden. Er hatte sich kurz vorher ein Haus in Aubonne gekauft, das er renovierte, hatte wissenschaftliche Projekte.» Sie beschreiben ihn als pflichtbewussten Familienmenschen – obwohl er nicht verheiratet und kinderlos gewesen ist.

Vermisster wird 2005 für tot erklärt

Als die ersten Nachforschungen der Prager Polizei ergebnislos blieben, kontaktierte Paul Rys das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten, wo ihn die Mitarbeiter an die kantonale Opferhilfestelle verwiesen, die sich wiederum als nicht zuständig bezeichnete. Bundesbern empfahl der Familie, sich an einen tschechischen Anwalt zu wenden, um vor einem Prager Gericht eine Anzeige gegen unbekannt einzureichen. «Die kontaktierten Anwälte weigerten sich aber, sich unseres Falles anzunehmen, denn sie wollten sich nicht mit dem tschechischen Innenministerium anlegen», sagt Paul Rys. Er verzichtet darum aus Sicherheitsgründen auf dieses Vorgehen.

«In meiner Verzweiflung wandte ich mich an den damals stellvertretenden Zürcher Staatsanwalt, der meinen Bruder persönlich kannte.» Dieser habe über das Justizdepartement in Bern erreicht, dass sich die tschechische Staatsanwaltschaft endlich mit dem Verschwinden seines Bruders befasste. «Es stellte sich heraus, dass der von der Prager Polizei signierte Untersuchungsbericht zu Zeugenaussagen widersprüchlich und unwahr ist.» In der Zwischenzeit habe sich der Zürcher Staatsanwalt pensionieren lassen. «Seine Nachfolgerin befand es für unnötig, die zuständige tschechische Kriminalbeamtin zu befragen, obwohl es ihr Vorgänger als essenziell erachtet hatte.» Sie beschied den Hinterbliebenen in einem Schreiben, dass Tagesanzeiger.ch vorliegt, dass sie die Widersprüche als unerheblich einstufe. Paul Rys sagt dazu: «Wir können darum den Verdacht einer von der Mafia gesteuerten, korrupten Untersuchung nie ausschliessen.» 2005 bescheinigte ein Prager Gericht den Tod des Verschollenen.

«Er kannte keine Angst»

Die vielen unbeantworteten Fragen zwangen Rys mit den vorhandenen Puzzleteilen mögliche Szenarien zu konstruieren. Sie alle hängen direkt mit der Geschichte der Familie Rys zusammen:

Auf der Flucht vor den Kommunisten brachte ihre Mutter die beiden Brüder 1946 in die Schweiz. Ihr Vater, ein wohlhabender Ölfabrikant, folgte zwei Jahre später. Die Familie liess ihr Hab und Gut zurück – darunter Liegenschaften, Fabriken und Ländereien – und baute sich in der Schweiz eine neue Existenz auf. Beide Brüder verschrieben sich der Naturwissenschaft: Franz wurde Physiker, sein um zwei Jahre jüngerer Bruder Paul Chemiker. «Franz war ein Draufgänger, er kannte keine Angst», erinnert sich sein Bruder.

Opfer des Staates?

Er habe nie akzeptiert, dass der Staat seine Familie um ihr hart erarbeitetes Vermögen gebracht habe. «Ich hatte Kinder und wollte meine Familie nicht in Schwierigkeiten bringen», sagt Paul Rys. Darum hat sich Franz Rys alleine nach Prag aufgemacht, als der eiserne Vorhang fiel. «Er erkämpfte vor Gericht einen Teil der Liegenschaften und ein Stück Land, das unserem Vater gehört hatte.» Seine Anwälte hätten sich indes immer wieder mit Sabotageakten herumschlagen müssen. «Es ging immer soweit, bis sie ihr Mandat niederlegten und mein Bruder einen neuen Vertreter finden musste.» Das grosse Geschäftshaus, die Hälfte eines Mietshauses und das Geburtshaus der Brüder – alle im Herzen der Stadt – sowie das Land wollte der Staat nicht kampflos aufgeben und zog den Fall weiter. Aber auch die zweite und letzte Instanz sprach 1996 die Güter dem schweizerisch-tschechischen Doppelbürger zu. «In Prag wusste niemand, dass es mich oder andere Angehörige gab. Die staatlichen Drahtzieher mussten also davon ausgehen, dass beim Tod meines Bruders das Vermögen an den Staat zurückgehen würde. Das will das tschechische Recht so.»

Opfer der Mafia?

Über eine Prager Vermittlungsfirma fand der ältere Rys einen Mieter für das Geschäftshaus. Der Kleider- und Schuhverkäufer zahlte die Miete an diese Makler, die sie Rys hätte weiterleiten sollen. «Geld sah mein Bruder aber nie.» Angesichts der Ausstände von beträchtlicher Höhe fackelte Franz Rys nicht lange und erstellte eine Bretterwand um das Geschäft. Die Angelegenheit beschäftigte immer wieder die örtlichen Richter. «Diese Firma fand immer wieder einen Trick, um meinen Bruder doch wieder um das Geld zu bringen.» Zwei Monate bevor Franz Rys spurlos verschwand, vermeldete eine Zeitung der Chef des «mafiösen Unternehmens» sei ermordet worden. Paul Rys erinnert sich, dass sein Bruder ihm gegenüber bemerkte: «Er hoffte, dass nicht alle glauben würden, er habe mit diesem Tod zu tun.» Rys erfuhr erst Jahre nach dem Verschwinden seines Bruders, dass damals ein Gerichtsverfahren gegen die mafiöse Vermittlerfirma hängig war, bei dem es um grosse Beträge ging. «Es ist darum möglich, dass Franz ein Opfer des organisierten Verbrechens ist.»

Opfer der CIA?

Die Ungewissheit lässt den Chemieprofessor spekulieren. Just in der Zeit in der sein Bruder verschwand, pflegte die CIA Menschen, die sie im Zusammenhang mit terroristischen Machenschaften verdächtigte, auf offener Strasse zu entführen. «Die geheimen CIA-Flüge, mit Zwischenlandung in Genf, haben seinerzeit unsere Regierung beschäftigt. Er war Atomphysiker und geriet vielleicht darum in falschen Verdacht», mutmasst der zurückbleibende Bruder. Es sei auch möglich, dass jemand ihn Prag in wider besseren Wissens angeschwärzt habe. «Oder er fiel einer Verwechslung zum Opfer.»

Am 23. Februar 2006 hätte Franz Rys seinen 70. Geburtstag gefeiert. An diesem Tag versammelten sich zahlreiche Freunde und Bekannte in einer Kirche in Zürich. Sie nahmen Abschied vor dem Bild eines schlanken, weisshaarigen Mannes Abschied von Franz Rys. «Seither kann ich in der Vergangenheit von meinem Bruder sprechen.»

Erstellt: 02.03.2012, 12:32 Uhr

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