«Wenn es ideal läuft, schaffen wir die 60 Meter in 15 Stunden»

Der Zuger Rolf Iten steht in Zürich vor seinem grössten Projekt: Der Verschiebung des MFO-Gebäudes. Er ist der Mann, der Oerlikon ein Stück bewegt – und manchmal vom Eiffelturm träumt.

Hauruck: Weil der Bahnhof Oerlikon mehr Gleise braucht, wird das Backsteinhaus morgen versetzt.

Hauruck: Weil der Bahnhof Oerlikon mehr Gleise braucht, wird das Backsteinhaus morgen versetzt. Bild: Reto Oeschger

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Erika Mann, Max-Bill – das Älteste an Neu-Oerlikon sind die Namen der Strassen und das markante Backsteingebäude beim Bahnhof. Das Direktionsgebäude jener Firma, die das Dorf zur Vorstadt machte. 1889 hatte es die Maschinenfabrik Oerlikon gebaut. Heute versperrt es der Zukunft den Weg. Den zwei neuen Gleisen, die den Bahnhof im Zusammenhang mit der Durchmesserlinie erweitern sollen.

Den Zeitzeugen erhalten? Das war die Frage, und die Antwort war keine einfache. Denn lange sah es nach Abbruch aus. Zuerst wollte die Firma vom Verschieben nichts Wissen, auf deren Grundstück das MFO-Gebäude nun zu stehen kommt – die Swiss Prime Site. Dann wollte die Firma nicht, auf deren Grundstück das Haus schon immer stand. Im Herbst 2010 lenkte die ABB ein – quasi in letzter Minute.

6200 Tonnen Industriegeschichte machen sich deshalb morgen Dienstag auf eine 60 Meter lange Reise. Begleitet von den Livekameras des Fernsehens, wird die bisher grösste Hausverschiebung der Schweizer Geschichte gleichzeitig zur medial am grössten inszenierten. Oberster Reiseleiter ist der 53-jährige Rolf Iten. Seine Firma Iten AG aus Morgarten hat sich in diesem Bereich spezialisiert und etwa in Zürich vor genau vierzig Jahren bereits die Bärengasse-Häuser verschoben.

Christo verhüllt Monumente wie den Berliner Reichstag, er ist ein Künstler. Sie, Herr Iten, werden ein Industriedenkmal verschieben. Was sind Sie? . . . Sie lachen.
Ja, die Vorstellung ist amüsant. Aber nein, ein Künstler bin ich nicht. Christo hatte eine Vision. Wir haben einen klaren Auftrag, wir sind Handwerker. Wenn man von Kunst reden will, dann wäre es höchstens die Verbindung von Handwerk und Ingenieurswissen.

Am Dienstag geht es los, macht Sie das unruhig?
Nicht im Sinne von beunruhigt, aber etwas nervös bin ich schon. Immerhin ist es das grösste Objekt, mit dem wir es bisher zu tun hatten.

Ist grösser schwieriger?
Ein Stück weit, ja. Doch es hängt letztlich vom Gebäude ab. Ein modernes grosses Betongebäude verschiebt sich leichter als ein kleineres altes Haus mit Bruchsteinmauerwerk.

Das MFO-Gebäude ist damit sozusagen der Worstcase: nicht aus Beton und 80 Meter lang. Sind das die Besonderheiten dieses Projekts?
Zum grossen Teil, ja. Dazu kommt, dass wir mitten in diesem urbanen Gebiet zwischen Bahngleisen und Neubauten praktisch nur von einer Seite her Zugang haben. Das macht das Projekt auch logistisch anspruchsvoll.

Können Sie die Verschiebedauer deshalb nur ungefähr angeben?
Bedingt. Wir kennen zwar das Gebäude inzwischen sehr gut, den Boden jedoch nicht bis ins letzte Detail. Sollte sich der Boden während des Verschiebens minim senken, müssten wir korrigieren. Das kann eine kurze Sache sein, kann aber auch länger dauern. Von daher: Läuft alles ideal, schaffen wir die 60 Meter in 15 Stunden. Wenn nicht, verzögert sich der Prozess.

«Wir kennen das Gebäude sehr gut» – was meinen Sie damit?
Das Haus ist über 120 Jahre alt, es gab keine Pläne. Die mussten wir nachträglich erstellen und vieles abklären: Mit was für Mauern haben wir es zu tun, wie tief reichen sie und so weiter.

Wie bringt man ein Haus auf Schienen, einfach erklärt?
Nicht, indem man es anhebt, wie viele meinen. Man schneidet eine Scheibe raus. Zwei Meter hoch war diese beim MFO-Gebäude. Ersetzt wurde sie durch Betonschichten oben und unten sowie die Stahlkonstruktion dazwischen, auf der das Haus dann rollt.

Kellerboden und Wände sind weg?
Ja, das kann man so sagen. Entscheidend ist dabei, dass die Arbeiter draussen präzis umsetzen, was sich die Ingenieure am Pult zuvor ausgedacht haben. Tun sie es nicht, kann es zu Rissen im Gebäude kommen.

Gibt es einen Moment während der Verschiebung des MFO-Gebäudes, der besonders heikel sein wird?
Nein, den gibt es nicht. Wir müssen auf den ganzen 60 Metern achtsam sein.

Morgen drücken Sie also auf den «Startknopf» und irgendwann am Mittwoch auf «Stopp». Richtig?
Nicht ganz. Wir beginnen mit einem kleinen Zeremoniell. Dann übernimmt der Maschinist, während Geschäftsführer Reto Stadelmann und ich die Baustelle überwachen – und mit den Medien diskutieren.

Da dürften Sie viel zu tun haben. Das Schweizer Fernsehen wird live berichten und sogar eine Drohne fliegen lassen. Viele Journalisten werden vor Ort sein und noch mehr Schaulustige. Wie erklären Sie sich diesen Hype?
Wenn das Immobile mobil wird, fasziniert das grundsätzlich, glaube ich. In diesem Fall dürfte sich die Bevölkerung zudem ein Stück weit mit dem alten Industriegebäude identifizieren. Es ist ein Wahrzeichen von Oerlikon.

Haben Sie einen solchen Zirkus schon mal erlebt?
Nicht in der Grössenordnung, wie er zu erwarten ist. Zuschauer haben wir aber bei jeder Verschiebung.

Und das sind einige. Rund 400 Objekte hat die Iten AG bisher verschoben. Wie kam es dazu, dass sich Ihre Firma in diesem Bereich spezialisiert hat?
Mein Vater hatte 1953 ein kleines Bauunternehmen gegründet. Kurze Zeit später bewarb er sich um einen Baumeisterauftrag. Es ging um ein Restaurant in Morgarten. Wegen einer neuen Strasse musste dieses gleichzeitig um 100 Meter verschoben werden. Der Auftraggeber wollte eine Firma, die beide Arbeiten erledigt. Weil mein Vater den Auftrag unbedingt wollte, begann er, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

War es für Sie stets klar, dass Sie in seine Fussstapfen treten werden?
Nicht unbedingt. Ich habe zwar Ingenieurwissenschaften studiert, danach aber bei den SBB gearbeitet. Irgendwann reizte es mich dann doch, selbstständig zu sein.

Christo habe Visionen, haben Sie gesagt. Von welchem Bauwerk träumen Sie, um es zu verschieben?
Träumen ist etwas viel gesagt, aber wenn, dann vom Eiffelturm!

Wäre das machbar?
Ich denke schon. Bis heute hatten wir jedenfalls noch kein Projekt, von dem wir sagen mussten, es geht nicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.05.2012, 07:35 Uhr

Das 6200 Tonnen schwere Gebäude soll insgesamt 60 Meter verschoben werden. (Bild: TA-Grafik mt, kmh, san / Quelle: Henauer Gugler)

Das aufgebockte Gebäude vor der Verschiebung. (Bild: TA-Grafik mt, kmh, san / Quelle: Henauer Gugler)

Das MFO-Gebäude auf der Reise. Die ersten Meter sind zurückgelegt. (Bild: TA-Grafik mt, kmh, san / Quelle: Henauer Gugler)

Rolf Iten: Der 53-Jährige ist Ingenieur und Inhaber der Firma Iten AG in Morgarten. (Bild: PD)

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