Interview

«Wenn ich Heroin nehme, ist das wie ein erotischer Akt»

Martin Keller nimmt seit 28 Jahren Heroin. In dieser Zeit war er keinen Tag nüchtern. Wie sein Alltag mit der Droge aussieht und weshalb ein Ausstieg aus der Sucht für ihn keine Option mehr ist.

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Herr Keller*, Sie haben mit 16 Jahren erstmals Heroin genommen und sind heute 44 Jahre alt. Gab es eine Zeit, in der Sie keine Drogen konsumierten?
Nein, ich führe ein Leben unter permanentem Opiateinfluss.

Sie sind also seit 28 Jahren nie völlig nüchtern gewesen?
Ja, und ich weiss, dass das für Aussenstehende tatsächlich schwer nachzuvollziehen ist. Die meisten haben ein gut funktionierendes soziales Umfeld, Familie und Arbeit - etwas, das ihr Leben erfüllt. Das hatte ich schon als Jugendlicher nicht. Heroin hat mir alles gegeben, was mir fehlte. Und es ist noch heute ein Ersatz für vieles, das ich nicht hatte.

Das klingt, als hätten Sie resigniert.
Das mag so klingen. Aber ich bin nicht unzufrieden mit der Situation. Klar wünscht man sich bisweilen, voll in der Gesellschaft integriert zu sein. Aber für mich hat sich diese Option nie ergeben.

Warum nicht?
Ich habe grosse Mühe, mich auf andere Menschen einzulassen oder mich einzugliedern. Das habe ich nie gelernt. Ich wurde bereits in der Schule ausgegrenzt und hatte grosse Probleme mit meinen Mitschülern. Zu Hause habe ich nie einen normalen, liebevollen Umgang erlebt. Mein Vater war gewalttätig und hat unsere Familie früh verlassen. Meine Mutter hat mich mit 17 Jahren in ein staatliches Heim gesteckt. Das hat mir das Herz gebrochen und es hat mich fürs Leben geprägt. Ich wurde zum Misanthrop, wollte nie ein bürgerliches Leben führen. Ich hatte auch oft den Wunsch, nicht mehr weiterzuleben. Die Drogen haben mir in solchen Momenten geholfen.

Wie muss man sich einen Heroin-Flash vorstellen?
Ich erlebe alle Glücksgefühle, die mir sonst im Leben verwehrt sind. Wärme und Geborgenheit durchströmen einen.

Sie nehmen heute im Rahmen einer Substitutionsbehandlung der Poliklinik Crossline zweimal täglich Heroin. Wie sind Sie in dieses Abgabeprogramm gelangt?
In der Drogenszene ging sehr bald das Gerücht um, dass ein solches Programm starten wird. Bei der zweiten Anmeldungswelle im Jahr 1996 wurde ich in das Heroinabgabeprogramm aufgenommen. Ich war die Nummer 202. Daran erinnere ich mich noch ganz genau.

Wie hat sich Ihr Leben dadurch verändert?
Ganz ehrlich? Ich glaube, ohne dieses Programm wäre ich schon längst tot. Es war wie im Paradies. Nach dem Schock der Platzspitz- und Lettenschliessung waren wir alle froh, dass es solche Anlaufstellen gibt. Ich bekam reinen Stoff unter sehr hygienischen Bedingungen. Mein Alltag erlangte plötzlich Strukturen, was vorher nie der Fall war. Irgendwann brauchte ich auch keinen Beistand mehr und konnte in einer eigenen Wohnung leben. Das klingt alles ganz banal. Aber diese Veränderungen haben mir sehr viel abverlangt. Heute habe ich Stabilität und innere Ruhe gefunden.

War ein Umstieg auf Methadon keine Option?
Ich habe es etwa vor zehn Jahren versucht. Es hat nicht dieselbe Wirkung wie Heroin. Methadon macht träge, schläfrig und antriebslos. Deshalb konsumieren viele neben Methadon auch noch Kokain und Amphetamin. Ich persönlich vertrage es auch körperlich nicht gut. Deshalb nehme ich seit 1996 nur noch Heroin.

Wie sieht der Alltag mit Heroin aus?
Es ist sicher nicht ein Alltag, den man als «normal» bezeichnen würde. Ich habe nie gearbeitet. Dazu bin ich weder physisch noch psychisch fähig. Ich lebe seit 1994 von einer IV-Rente. Ich gehe regelmässig spazieren. Sport kann ich allerdings nicht mehr treiben. Mein Körper ist zu kaputt. Aber ich habe ein Hobby gefunden, das meinen Tag erfüllt: Ich liebe Onlinegames und habe inzwischen einen Clan von etwa 40 Leuten aufgebaut, mit denen ich regelmässig spiele.

Leben Sie allein?
Nein, ich lebe seit 20 Jahren mit einem Mann zusammen. Wir haben uns schon auf dem Platzspitz kennen gelernt und danach eine Zeit lang in einer städtischen Betreuungseinrichtung zusammengewohnt. Später haben wir uns wieder getroffen und leben heute in einer privaten 2½-Zimmer-Wohnung, die uns der Bruder meines Wohnpartners vermietet. Wir führen ein sehr glückliches Leben. Ich habe in ihm einen Menschen gefunden, dem ich bedingungslos vertrauen kann und der mich in allem unterstützt. Es ist aber eine rein platonische Beziehung. Ich bin heterosexuell. Meine Libido hat sich aber vor zehn Jahren verabschiedet.

Wegen der Drogen?
Ich denke schon. Heroin ist auch hier eine Art Ersatz. Wenn ich Heroin nehme, ist das wie ein erotischer Akt. Ich vermisse den Sex daher nicht. Abgesehen davon konnte ich mich als junger Mann austoben. Auf den Drogenstrich bin ich aber nie gegangen. Ich habe meine Sucht anders finanziert. Ein Jahr lang war ich wegen diverser Einbrüche in Haft. Ich bin nicht stolz auf dieses Kapitel in meinem Leben. Aber ich habe für meine Fehler gebüsst.

Hatten Sie nie den Wunsch, einen Entzug zu machen und ganz ohne Drogen zu leben?
Nein. Ich kenne nichts anderes und sehe darum auch nicht ein, was am Leben ohne Drogen erstrebenswert wäre.

Verstecken Sie sich hinter der Droge?
Das ist schon möglich. Und es gibt auch Tage, an denen ich es bereue, dass ich ein Leben in Abhängigkeit führe und deshalb nicht viel von der Welt sehen kann. Aber ich hatte die Wahl, und meine Wahl fiel immer auf die Drogen.

Kritiker der kontrollierten Drogenabgabe sind der Meinung, das Programm müsse auf den Ausstieg aus den Drogen hinzielen. Was sagen Sie dazu?
Man muss das etwas differenzierter sehen. Bei jungen Menschen, die frisch in die harten Drogen eingestiegen sind und den Absprung vielleicht noch schaffen, wäre ein Ausstieg als Programmziel sicher realistisch. Aber bei alten Junkies wie mir ist das keine Option mehr. Wer etwas anderes behauptet, lügt. Es gibt Menschen, die Drogen brauchen, um die Welt zu ertragen. Ich gehöre dazu. Es ist mir bewusst, dass das für Aussenstehende schockierend wirkt, aber ich will nichts beschönigen.

Hatten Sie nie ein schlechtes Gewissen, dass Sie deshalb vollständig vom Staat leben?
Nein, weil ich dem Staat eine Mitschuld daran gebe, dass ich so geworden bin. Ich wurde in der Schule ausgestossen und später auch von Menschen schlecht behandelt, die für den Staat arbeiten.

Ist Heroin überhaupt noch angesagt?
Die Droge entspricht sicher nicht mehr dem Zeitgeist. Ich glaube, junge Leute setzen heute eher auf leistungsfördernde Drogen wie Kokain und Amphetamin. Wenn ich heute 16 Jahre alt wäre, dann hätte ich kaum Heroin genommen.

*Name der Redaktion bekannt

Erstellt: 09.12.2013, 11:38 Uhr

Leben mit Heroin: In den Räumlichkeiten der Poliklinik Crossline kann die Droge unter hygienischen Bedingungen konsumiert werden (gestellte Aufnahme). (Bild: Keystone )

Martin Keller

Martin Keller* ist in Schaffhausen als uneheliches Kind einer Schweizerin und eines Italieners aufgewachsen. Mit 16 Jahren hat er erstmals Heroin konsumiert. Er erlebte sowohl die offene Zürcher Drogenszene am Platzspitz als auch am Letten. 1992 wurde er in das Diaphinprogramm der Zürcher Poliklinik Crossline aufgenommen, bei dem Heroin an Schwerstsüchtige abgegeben wird. Heute ist er 44 Jahre alt und lebt mit einem Mann in einer Wohngemeinschaft in Zürich.

Polikliniken Crossline und Lifeline

Die offene Drogenszene in Zürich ist seit 20 Jahren Geschichte. Der Platzspitz, der als Needle Park für internationales Aufsehen sorgte, wurde am 5. Februar 1992 geschlossen. Der Obere Letten, wohin sich die Szene nach der Schliessung des Platzspitzes verschoben hat, ging am 14. Februar 1995 zu. Gleichzeitig nahmen die Polikliniken Lifeline (1994) und Crossline (1995) ihren Betrieb auf.

Die Polikliniken der Sozialen Einrichtungen und Betriebe der Stadt Zürich bieten Drogenabhängigen Substitutionsbehandlungen mit Diaphin (Heroin), Methadon und anderen Substanzen an. Sie beraten die Patientinnen und Patienten bei persönlichen Problemen und unterstützen sie bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft. 2012 waren in den städtischen Polikliniken rund 200 suchtkranke Männer und Frauen in Behandlung. Das Durchschnittsalter der Behandelten betrug 45 Jahre.

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