Wenn sie das «L» sehen, geben sie Gas

Fahrlehrer stellen fest, dass sich Autofahrer gegenüber Fahrschülern immer rücksichtsloser verhalten. Das verunsichert die Lernfahrer und sorgt für zahlreiche Auffahrunfälle.

Bild: Felix Schaad, Tages-Anzeiger

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Links das Tram, rechts die Autos, vorn ein Fussgängerstreifen, dann noch der Veloweg. Der Fahrschüler schwitzt, nicht nur, weil es an diesem Freitag schwül ist. Autofahren in der Stadt Zürich während des Feierabendverkehrs ist anspruchsvoll, erst recht für einen Anfänger. Beim Anfahren am Lichtsignal stirbt ihm der Motor ab. Und schon hupt jemand von hinten. Nervös nestelt der Fahrschüler am Zündschlüssel herum, dann hilft der Fahrlehrer. Bei einem etwas abrupten Stopp wegen einer Vorhaltelinie kommt der Wagen dahinter, der zuvor eng aufgefahren war, gefährlich nah. Die Autolenkerin fuchtelt entnervt mit den Armen.

«Die Rücksichtnahme auf Fahrschüler hat in den letzten Jahren deutlich abgenommen», sagt Gerry Nischler. Er macht mit zwei Kollegen in einem asiatischen Schnellimbiss beim Bahnhof Altstetten Mittagspause. Die andern beiden nicken. Nach Beispielen befragt, sagt Claude Truffer: «Wie lange haben Sie Zeit?» Dann beginnen sie zu erzählen, wobei sie nicht weit in der Vergangenheit kramen müssen. Die Vorfälle seien alltäglich, versichern sie.

Abstand halten

Gerry Nischler erzählt: Von dem Fahrschüler, der auf die Bremse ging, als das Lichtsignal auf Gelb wechselte. Es knallt. Die Autolenkerin hinter dem klar als Fahrschule gekennzeichneten Wagen konnte nicht mehr bremsen. «Abstand halten ist vor allem bei Fahrschülern, die manchmal etwas unvermittelt bremsen, wichtig», sagt Nischler. Der zetermordio schreienden Frau musste er deutsch und deutlich sagen, dass Gelb nicht Gas geben bedeutet.

Claude Truffer erzählt von einer Fahrschülerin, die im Uetlibergtunnel korrekt mit 100 km/h unterwegs war. «Ein Lenker sass ihr so eng auf, dass ich seine Barthaare einzeln zählen konnte.» Er habe Stossgebete zum Himmel geschickt, dass seine Schülerin das nicht bemerke, erschrecke und bremse. «Es hätte unweigerlich geknallt.» Dann liess sich der Lenker etwas zurückfallen – allerdings nur, um mit dem Licht zu hupen. Dann überholte er rechts und bog knapp vor dem Fahrschulwagen ein.

«Das kann schlimm ausgehen»

Das «Aufsitzen» ist laut den Fahrlehrern üblich. «Und zwar selbst dann, wenn der Fahrschüler so schnell fährt, wie erlaubt ist», sagt Hansruedi Freitag. «Wenn Fahrschüler das bemerken, werden sie nervös, was das Risiko einer abrupten Bremsung noch erhöht.» Entsprechend häufig komme es zu Auffahrunfällen. In Zahlen lässt sich das nicht belegen, da meist nur Blechschaden entsteht und die Polizei nicht zur Unfallstelle gerufen wird. «Doch mein Spengler hat mir letzthin spasseshalber angeboten, gleich ein Zehner-Abo zu lösen», sagt Truffer. Oft werden die Fahrlehrer dann von den schuldhaften Lenkern beschimpft. Sie hätten doch eingreifen sollen. «Was stellen die sich vor? Wenn der Fahrschüler unvermittelt bremst, können wir gar nichts machen.»

Auch Hansruedi Freitag, seit neun Jahren Fahrlehrer, beobachtet, dass das Klima rauer geworden ist: «Früher zeigten Autolenker häufiger Verständnis, wenn ein Fahrschüler an einer Kreuzung den Motor abwürgte oder etwas zu langsam unterwegs war. Heute wird sofort gehupt und manchmal geradezu blödsinnig überholt.» Er erzählt von einem Fahrschüler, der vor dem Zebrastreifen hält, um einen Fussgänger durchzulassen. Worauf das Auto von hinten links überholte. «So was kann wirklich schlimm ausgehen.» Truffer ergänzt: «Manchmal habe ich das Gefühl, dass manche Autofahrer das Hirn ausschalten, wenn sie ein «L» sehen.»

Jeder war doch mal Anfänger

Die Fahrlehrer sind sich einig, dass solche Situationen klar häufiger vorkommen, wenn man mit einem Fahrschüler oder einer Fahrschülerin unterwegs ist. «Wenn ich mit einem nicht als Fahrschule bezeichneten Wagen unterwegs bin, erlebe ich die Autolenker eindeutig als weniger aggressiv», sagt Nischler. Eine Mutter, die gelegentlich ihre Tochter begleitet, die Autofahren lernt, bestätigt dies. «Mit dem ‹L› am Heck wirds rundum noch hektischer, als der Stadtverkehr ohnehin schon ist.» Auch sie erzählt von gefährlichen Überholmanövern, «Aufsitzen» und Hupkonzerten, wenn die Tochter bei Grün nicht unverzüglich losfährt.

Die Rushhour am Feierabend ist für Fahrschüler die schlimmste Zeit – erst recht der Freitagnachmittag, wenn das Wochenende ansteht und alle schnell nach Hause wollen. Gerry Nischler sagt: «Je mehr Verkehrsteilnehmer sich die Strassen teilen, desto grösser müsste doch die Toleranz sein. Das Gegenteil geschieht.» Auch sei es völlig aus der Mode geraten, dass erfahrene Fahrer gegenüber Anfängern eine Vorbildfunktion übernehmen. «Manchmal macht es den Anschein, als ob sie die elementarsten Regeln vergessen hätten.»

Willi Wismer, Präsident des Zürcher Fahrlehrerverbands, schickt voraus: Natürlich benehmen sich nicht 95 Prozent der Autolenker rücksichtslos gegenüber Fahrschülern. «Aber wir erleben täglich, dass einem die Nerven durchgehen, wenn ein Schüler etwas langsam beschleunigt oder abrupt bremst.» Die Aggressivität auf der Strasse habe allgemein zugenommen, darunter hätten die Fahrschüler besonders zu leiden. «Viele Leute haben offenbar vergessen, dass auch sie einmal Anfänger waren.»

Erstellt: 12.07.2012, 07:29 Uhr

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